No Stimmung auf der Reeperbahn

Auf seiner Deutschlandreise 1936 / 37 weilt Beckett auch in Hamburg: Die Stadtschänke nennt er konsequent "SS", aber in der Kunsthalle kann er sich - noch - sattsehen

Von ULRICH RÜDENAUER

Als vor zehn Jahren James Knowlsons monumentale Biographie über Samuel Beckett erschien, überraschte vor allem ein ausführliches Kapitel: "Deutschland: Die unbekannten Tagebücher 1936 - 1937". Tatsächlich war bis zu diesem Zeitpunkt kaum etwas über diese Reise Becketts bekannt gewesen - und weniger noch über seine "German Diaries", die er skrupulös während der halbjährigen Studienfahrt führte. Diese nahm ihren Ausgang in Hamburg, ging über Braunschweig nach Berlin, von Berlin über Halle, Weimar, Erfurt, Naumburg und Leipzig nach Dresden, von Dresden über Freiberg, Bamberg, Würzburg, Nürnberg und Regensburg nach München. Dann war Beckett erschöpft, von Krankheiten ein wenig zermürbt und von Nazi-Deutschland gehörig abgeschreckt; er nahm das Flugzeug zurück nach Dublin.

Auf zu Cousine Peggy

Angekommen ist er in Hamburg am 2. Oktober 1936 mit dem Liniendampfer "Washington"; vier Tage zuvor hatte er sich von seiner Mutter verabschiedet, und das verlief nicht ganz ohne Spannungen. Frau Beckett war ohnehin nicht allzu gut auf ihren Sohn zu sprechen, der seine sichere Universitätskarriere am Dubliner Trinity College zugunsten eines frei schwebenden Schreiberlebens aufgegeben hatte.

Und auch Beckett selbst fühlte sich unwohl: Eine unglückliche Liebesgeschichte war gerade zu Ende gegangen, und sein Roman Murphy wurde von allen Verlegern mit mehr oder minder rigiden Worten abgelehnt. Auch in Deutschland sollten ihn noch Absagebriefe ereilen. Wie würde es weitergehen?

Beckett ergriff die Flucht in ein ihm nicht gänzlich unbekanntes Land. Kassel hatte er Ende der zwanziger Jahre des öfteren besucht, weil dort sein Onkel William Sinclair eine Kunst- und Antiquitätenhandlung betrieb und eine stürmische Affäre mit seiner Cousine Peggy lockte. Ungefähr zu der Zeit begann er auch, Deutsch zu lernen: Er brachte sich die Sprache selbst bei, las viel, wollte Goethe und Hölderlin im Original kennenlernen, und nun bot sich in einer akuten Krisensituation Mitte der dreißiger Jahre die Gelegenheit, sowohl die Deutschkenntnisse in der Konversation zu erproben als auch der Leidenschaft für die Kunst zu frönen - die nicht zuletzt Onkel Sinclair mit seiner Begeisterung für den Expressionismus befeuert hatte. Die Tagebücher, die Beckett während seiner Reise schrieb, waren so nicht nur eine Erinnerungsstütze, sondern zugleich auch Sprachübungshefte, Wegweiser durch eine fremde Welt und Remedium für einen selbstzweiflerischen jungen Dichter.

Die Tagebücher sind Forschern seit Becketts Tod 1989 zugänglich und inzwischen auch transkribiert, aber nur zu einem kleinen Teil veröffentlicht. Die Schriftstellerin und Verlegerin Roswitha Quadflieg hat einen Auszug, der den sechswöchigen Aufenthalt in Hamburg umfasst, vor drei Jahren in einer bibliophilen, auf 150 Exemplare limitierten Ausgabe unter dem Titel Alles kommt auf so viel an in ihrer Raamin-Presse herausgebracht. Übertragen wurde das Tagebuch von der Beckett-Kennerin und Übersetzerin Erika Tophoven, die wiederum im vergangenen Herbst Becketts Berlin in einem reich bebilderten Band beschrieben hat.

Ähnliches hat nun Roswitha Quadflieg für Becketts erste Wochen in Hamburg geleistet: In ihrem Büchlein Beckett was here, ebenfalls mit Fotografien versehen, folgt sie anhand des Tagebuchs den Spuren, die Beckett in der Hansestadt hinterlassen hat. Sie spaziert mit Beckett Tag für Tag durch die Straßen, zum Friedhof Ohlsdorf, in die Kunsthalle (wo er elfmal war), trifft mit ihm einfache Menschen in der bodenständigen Pension Hoppe, aber auch Künstler und Galeristinnen, deren Lebensläufe von Quadflieg knapp umrissen werden. Das Tagebuch selbst besteht häufig aus Listen: Beckett schreibt alles auf, jede Straße, die er durchquert, jedes Bild, das er sich anschaut. Er beobachtet und notiert, er wertet und kommentiert, ohne Rücksicht darauf, dass er sich häufig wiederholt.

"Was ich will", schreibt er (zitiert nach James Knowlson) "sind die Strohhalme, das Treibgut, usw., Namen, Daten, Geburt und Tod, weil das alles ist, was ich wissen kann". Er macht sich so das unbekannte Terrain zu eigen, versucht sich in der Fremde zurechtzufinden, vermischt das Englische mit dem Deutschen, nicht selten auch, um eine sarkastische Wirkung zu erzielen. So lernt er einen jungen Mann namens Martion kennen, "der Kaufmann lernt u. so aussieht"; oder ein "Fräulein Schön aus Kiel, doing Kunst-Gewerb".

Von der Akademischen Auslandsstelle wird ihm ein Fräulein Claudia Asher als "Lotsin" zugewiesen. Mit ihr verbessert er sein Deutsch, zusammen machen sie Unternehmungen. Allzu gut weg kommt die junge Frau in seinen Notizen allerdings nicht; ihn nervt ihr Gerede von der "new Lebensanschauung" als "Erlösung". Becketts Urteil am ersten Abend: "It won't be amusing with her, but Auslese not available." Dass Claudia Asher ihre Regimetreue allerdings wohl eher vorspielte, bemerkt der Menschenkenner Beckett nicht: Asher war jüdischer Herkunft; ihre Geschwister hatten Deutschland, wie Roswitha Quadflieg offenlegt, bereits verlassen; und auch die junge "Lotsin" wollte sich durch ihr Engagement die Ausreise aus Nazi-Deutschland ermöglichen.

Beckett zieht systematisch durch die Stadt. Er diagnostiziert "No Stimmung auf der Reeperbahn" und ihn schaudert vor einer "Diabolical Bayerischen Blasemusik". Hamburg erscheint ihm zunächst "very dull & disappointing", und die Stadtschänke, in der er ab und an verkehrt, kürzt er konsequent mit "SS" ab. Überhaupt die deutsche Unkultur: "Went to concert SS Blasekapelle, bit of documentary film (Moskau droht), speech from one Lorenz (I stretched out the wrong arm to Horst Wessel & Haydn), then more blasts from the Kapelle." Und nachdem er in den Genuss einer Hitler- und Goebbels-Rede im Rundfunk kommt, schreibt er hellsichtig ins Tagebuch: "Sie müssen bald kämpfen (oder platzen)."

Großstadtflair

Roswitha Quadfliegs Buch ist eine Art Anmerkungsapparat zu Becketts Tagebuch - und manchmal wünschte man sich, nicht nur kleine Happen daraus vorgesetzt zu bekommen. Als Beckett in Hamburg eintrifft sind noch viele der modernen Werke, die er sehen möchte, öffentlich ausgestellt: Heckel, Modersohn-Becker, Kirchner, Munch oder Schmidt-Rotluff etwa in der Nordgalerie der Kunsthalle. Wenig später verschwinden viele der Bilder nach dem "Säuberungsappell" vom 5. November 1936 in den Magazinen der Museen, zu denen Beckett durch eine Sondergenehmigung eine Zeitlang Zugang hat.

Die Aufzeichnung alles Gesehenen wird vor allem dann interessant, wenn man Becketts Werk nach Spuren der Deutschlandreise durchkämmt. Das bekannteste Beispiel ist sicherlich der Einfluss von Caspar David Friedrichs Zwei Männer in Betrachtung des Mondes, das er in der Dresdner Gemäldegalerie bestaunt. Das sei die "einzig noch erträgliche Art von Romantik", erklärt er im Tagebuch, und später weist er darauf hin, dass die beiden Männer Vorbilder für die auf Godot wartenden Didi und Gogo gewesen seien.

Das Bühnenbild, das Beckett für sein berühmtestes Stück vorschwebte, nimmt die Stimmung von Caspar David Friedrichs Gemälde auf. Aber auch die Hamburger Zeit bietet Beckett-Exegeten Stoff: Der Besuch auf dem Ohlsdorfer Friedhof etwa taucht in Erste Liebe auf.

In dem von Therese Fischer-Seidel und Marion Fries-Dieckmann herausgegebenen Sammelband Der unbekannte Beckett wird genauer auf die Beziehung zwischen Beckett und der deutschen Kultur eingegangen. Darin gerät unter anderem seine Arbeit für den Südwestrundfunk in Stuttgart seit 1965 in den Blick, sein Verhältnis zu Schopenhauer oder die Übersetzung seiner Werke, an der er regen Anteil hatte. Und natürlich auch seine "German Diaries". Der Beckett-Forscher Mark Nixon (siehe Interview auf dieser Seite) zeichnet eine Chronik des Deutschlandaufenthaltes 1936/37.

Für die Hamburger und Berliner Zeit stehen nun zwei schöne Kommentarbände zur Verfügung: Roswitha Quadflieg und Erika Tophoven erläutern nicht nur die Tagebücher des dreißigjährigen Beckett, sondern illustrieren sie, schreiben sie in mehrere Richtungen fort, lassen auch durch die beigefügten Bilder eine wichtige Phase im Leben des Nobelpreisträgers und zwei deutsche Großstädte Mitte der dreißiger Jahre auferstehen.

Roswitha Quadflieg: "Beckett was here. Hamburg im Tagebuch Samuel Becketts von 1936." Mit einem Vorwort von Mark Nixon.Hoffmann und Campe, Hamburg 2006, 223 Seiten, 19,95 Euro.

Erika Tophoven: "Becketts Berlin." Nicolai Verlag, Berlin 2005, 143 Seiten, 24,90 Euro.

Therese Fischer-Seidel und Marion Fries-Dieckmann (Hrsg.): "Der unbekannte Beckett: Samuel Beckett und die deutsche Kultur." Suhrkamp Verlag, Frankfurt am Main 2005, 358 Seiten, 11,50 Euro.

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