ARCHIV – 27.11.2008, Spanien, Barcelona: Der spanische Schriftsteller Juan Marsé während eines Interviews in Barcelona. Der Katalane sei am späten Samstagabend im Alter von 87 Jahren in seinem Haus in Barcelona gestorben, teilte die Agentin des Autors, Carmen Balcells, am Sonntag in der katalanischen Hauptstadt mit. Foto: Estevez/EPA/EFE/dpa +++ dpa-Bildfunk +++
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Der spanische Schriftsteller Juan Marsé.

Literatur

Die Stimmen Barcelonas

  • Christian Thomas
    vonChristian Thomas
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Der spanische Romancier Juan Marsé ist mit 87 Jahren gestorben.

Er war ein mitreißender Erzähler, Juan Marsé ein Autor, der die Schrecken des Krieges beschrieb, indem er den Schrecken selbst zu Wort kommen ließ, den Bürgerkrieg. Schließlich mit Waffen ausgetragen von 1936 bis 1939, stand sich Spanien bereits viele Jahre zuvor in verfeindeten Lager gegenüber. Und der Waffenstillstand, erzwungen durch den durch Hitlerdeutschland herbeigeführten Sieg Francos, spaltete das Land auf Jahrzehnte.

Jetzt ist Juan Marsé im Alter von 87 Jahren in Barcelona gestorben, eine besonders eigenwillige Erzählerstimme verstummt, so ließe sich sagen, was deswegen angemessen ist, weil diese Stimme die Stimmen der Täter und der Opfer wiedergab, der Hassenden ebenso wie der Ohnmächtigen. Er gab der Verzweiflung eine Stimme und dem Zynismus, unter dem Diktat brutaler Gewalt, im Lärm der Propaganda, besonders in dem Roman „Wenn man dir sagt, ich sei gefallen.“

Juan Marse, geboren 1933 in Barcelona, arbeitete in einem Juweliergeschäft, bis er 1960 seinen ersten Roman veröffentlichte. Der Autodidakt schrieb ihn während seines Militärdiensts. Anfang der 1960er Jahre zog der Gegner des Regimes von Diktator Francisco Franco für vier Jahre nach Paris, wo er mit spanischen Kommunisten zusammenkam. Während der Diktatur wurden seine Werke zensiert, so dass Marsé sie zeitweise in Mexiko veröffentlichen musste. Für den Roman „Stimmen in der Schlucht“ erhielt er den Nationalpreis der Kritik und den für erzählende Literatur. 2009 wurde ihm der Cervantes Preis verliehen. Einige Jahre zählte er zu den Geheimfavoriten auf den Literaturnobelpreis.

Den Gerüchten begegnete er ruppig: „Ich werde ehrlich gesagt sicher viel Zeit dem Binden der Krawatte verbringen. Das gelingt mir nie“. Nach der Cervantes-Zeremonie beschwerte er sich, dass er einen Frack habe tragen müssen. „Ich sah aus wie ein Pinguin.“ Ein Satz, der bestätigte, dass er für Pomp so wenig übrig hatte wie für Pathos.

„Generation von 1950“

Marsé beschrieb das hässliche Barcelona, das Barcelona vor dem Boom, eine graue Industriemetropole, die triste, schmutzige, hässliche und von den Luftbombardements von 1938 zum Teil zerstörte Stadt nach dem Spanischen Bürgerkrieg und vor den Olympischen Spielen von 1992. Seine Helden waren gesellschaftliche Verlierer und Außenseiter: Ganoven, Prostituierte, Entwurzelte oder auch dekadente Bourgeois, denn auch das (wohlhabende katalanische) Bürgertum bot keinen Halt mehr.

Zahlreiche seiner Bücher wurden verfilmt oder für das Theater adaptiert, sein Werk wurde in mehrere Sprachen übersetzt. Bekannt wurde Marsè in Deutschland durch den Roman „Wenn man dir sagt, ich sei gefallen ...“, der 1986 erschien. Der überraschende Erfolg sorgte dafür, dass der Elster Verlag weitere Übersetzungen wagte. So erschien bereits zwei Jahre später „Letzte Tage mit Teresa“, der Roman, mit dem ihm im Spanien der Franco-Diktatur der Durchbruch gelungen war. Weitere Titel folgten, so „Die obskure Liebe der Montserrat Claramunt“ (1991), „Der zweisprachige Liebhaber“ (1993) oder „Liebesweisen in Lolitas Club“ (2007).

Spaniens Ministerpräsident Pedro Sánchez würdigte – inmitten des EU-Gipfels über den Wiederaufbau Europas – den Autor. „Ich erhalte in Brüssel die traurige Nachricht, dass Juan Marsé von uns gegangen ist“.

Als ein Vertreter der „Generation von 1950“ war der Romancier Protagonist eines rigorosen Realismus, den er mit radikalen Möglichkeiten der literarischen Moderne verband. Juan Marsé verstand es, der Gewalt der Stimmen und des Redeflusses einen quälenden Ausdruck zu verschaffen.

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