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Stimmen vom Band

Happy? Anke Stelling fügt sich

Von ULRICH RÜDENAUER

Anke Stelling macht es einem mit ihrem ersten Erzählungsband Glückliche Fügung einfach. Die enthaltenen Geschichten lassen sich schön in zwei Gruppen einordnen: Die einen behandeln die Zeit knapp vor, die anderen jene knapp nach der unvermeidlichen Katastrophe des Lebens. Die besteht darin, das eigene Alter mit etwa 30 erstmals als niederschmetternde Last zu spüren und diese Last auch mit größter Anstrengung nicht mehr loswerden zu können. Das zieht Stimmungskrisen, Depressionen, Zukunftsängste, Melancholie, Fatalismus oder gar Spießertum nach sich.

Silke zum Beispiel, die junge Frau in der Erzählung "Amazing Grace", hütet die Wohnung ihres ehemaligen Geliebten; Weihnachten verbringt sie dort mit dem Freund einer Freundin. Die beiden, die sich vorher nicht kannten, kommen sich im Laufe des kalten Winterabends näher, aber nicht nahe genug, um von der Nähe getröstet zu werden. Sie bleiben sich und auch dem Leser eher fremd. Es ist ein Zustand der Schwebe, in dem es eine Ordnung nicht mehr gibt, aber auch noch keine neue geordnete Bahn in Sicht ist, auf die man sich für das weitere Leben einschwingen könnte. Man weiß schon, dass sich etwas ändern müsste, aber die Zielrichtung ist noch völlig ungeklärt oder nur vage erahnbar.

In "Was, wenn nicht das" macht die Erzählerin zur Selbstvergewisserung eine Lebensbilanz auf, an deren Ende die zwischen Resignation und Durchhalteparole pendelnde Einsicht steht: "Ich muss mich wohl fügen." Nach einer glücklichen Fügung klingt das nicht. Und wenn sie dann gefragt wird, "wo rein" sie sich denn fügen müsse, stellt sie eine Liste auf, die in ihrer trostlosen Alltäglichkeit beinahe monströs wirkt - und beliebig zugleich: "Nicht schlafen zu können. Dass alles kaputt ist. In die moderne Kommunikationstechnik. Zweidimensionale Küchenzeilen. Stimmen vom Band. Du. Micha. Fanta. Die Uhrzeit. Schleichende Verwahrlosung."

Gut, wenn nichts passiert

Die Krise, die in den 12 Erzählungen immer wieder aufscheint, ist allgemein: Ihr Ausdruck ist die Angst vor Redundanz und Wiederholung, die Angst, das Gefühl der Verlorenheit nicht mehr zu verlieren. Und auch die Erzählungen verharren in einer Schreckstarre: Es herrscht eine gewisse erzählerische Routine, die kaum einmal durch eine unvorhergesehene Verselbständigung der Geschichten außer Kraft gesetzt wird. Die Dialoge sind knapp und prägnant, die Sätze kurz und in ihrer Kürze bedeutungsschwer, und deshalb manchmal schal und leer. Auf komische Weise pathetisch zuweilen: "Was musste denn schon Großartiges passieren. Es war doch gut, wenn nichts passierte, dann passierte auch nichts Schlimmes."

Der lakonische Ton der 1971 in Ulm geborenen Anke Stelling, die am Leipziger Literaturinstitut studierte und zusammen mit Robby Dannenberg bereits zwei nicht uninteressante Romane veröffentlicht hat, wirkt wie entlehnt und aufgesetzt - und er setzt sich in allen Texten fort. Womit wir endlich bei der zweiten Kategorie ihrer Erzählungen wären: Einige Geschichten nämlich beschäftigen sich mit Menschen, die jene ersten heftigen Irritationen im Lebenslauf bereits hinter sich zu haben scheinen, in langjährigen Beziehungen feststecken oder mit kleinen Kindern in Urlaube fahren müssen, wo ihnen von jungen Familien mit kleinen Kindern aufgelauert wird. "Er meint, mich zu mögen, weil ich auch eine Frau und zwei Kinder habe. Er meint, dass wir deshalb gleich sind, und er hat recht. Er hat den Renault Espace gekauft und ich den Multivan." Man merkt diesen Leuten an: Alle Ordnung hilft nicht, mitnichten wird irgendetwas einfacher.

Im Gegenteil, nun regiert das Bewusstsein, nicht nur etwas falsch gemacht zu haben, sondern das auch nicht mehr ändern zu können. Nur einmal gibt es eine "Glückliche Fügung", und für Simone - eben noch frustriert, dann plötzlich schwanger und mit einem treu sorgenden Mann liiert - scheint das bisher verworrene Leben sich zu entknoten. Aber wie das dann so ist, dem Glück wird nicht über den Weg getraut, und überall vermutet die Erzählerin einen Haken, oder dass sich schließlich doch nicht fügt, was so einfach vonstatten geht. Das Misstrauen hat sich festgefressen. Was in den Erzählungen von Anke Stelling vonstatten geht, fügt sich tatsächlich nicht immer. Die Figuren bleiben in ihrem Durcheinander schemenhaft verwischt.

Thematisch und formal passt dieser Band gut in die "Collection S. Fischer". Schon Judith Hermann, die dort erfolgreich debütierte, spielt in ihren Erzählungen mit diffusen atmosphärischen Störungen, die nicht mehr ganz junge Menschen in einer Übergangszeit erfassen. Bei Hermann allerdings wirkt das trotz aller stilistischen Schwärmereien dichter und bedrohlicher - durch Reduktion und Weglassung bekommen ihre Figuren Konturen. Anke Stelling hat ein naheliegendes Thema gefunden. Sie umkreist in ihren Texten ein zeitgenössisches Unbehagen, aber ihre Sprache, die jene Erfahrung verbürgen könnte, ist zu wenig unbehaglich.

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