Bitte deaktivieren Sie Ihren Ad-Blocker

Für die Finanzierung unseres journalistischen Angebots sind wir auf die Anzeigen unserer Werbepartner angewiesen.

Klicken Sie oben rechts in Ihren Browser auf den Button Ihres Ad-Blockers und deaktivieren Sie die Werbeblockierung für FR.de. Danach lesen Sie FR.de gratis mit Werbung.

Lesen Sie wie gewohnt mit aktiviertem Ad-Blocker auf FR.de
  • Zum Start nur 0,99€ monatlich
  • Zugang zu allen Berichten und Artikeln
  • Ihr Beitrag für unabhängigen Journalismus
  • Jederzeit kündbar

Sie haben das Produkt bereits gekauft und sehen dieses Banner trotzdem? Bitte aktualisieren Sie die Seite oder loggen sich aus und wieder ein.

Chronistin des Alltags in Weißrussland:  Swetlana Alexijewitsch, Literatur-Nobelpreisträgerin 2015.
+
Chronistin des Alltags in Weißrussland: Swetlana Alexijewitsch, Literatur-Nobelpreisträgerin 2015.

Swetlana Alexijewitsch

Die Stimme der Sowjetmenschen

  • Christian Esch
    VonChristian Esch
    schließen

Die Nobelpreis-Trägerin Swetlana Alexijewitsch hat aus fremden Lebenszeugnissen Literatur gemacht. Wer ist die Frau, die gegen die gegen Putin und die weißrussische Diktatur anschreibt?

Für ihr vielstimmiges Werk, das dem Leiden und dem Mut in unserer Zeit ein Denkmal setzt“ – so hat die Schwedische Akademie es formuliert, als sie am Donnerstag Swetlana Alexijewitsch den Literaturnobelpreis zuerkannt hat. Die vielen Stimmen, auf die da angespielt wird, sind – das wissen Alexijewitschs Leser – Stimmen wirklicher Menschen, die von wirklichen Erlebnissen und Gefühlen gesprochen haben. Stimmen von Menschen, die zumeist noch leben und aus den Zeitungen mit Verwunderung erfahren werden, dass ihre eigenen Worte, von Alexijewitsch zu Literatur veredelt, nun von einem echten König mit einem Preis geehrt werden.

Wie in Deutschland Walter Kempowski, so hat auch die weißrussische Schriftstellerin aus fremden Lebenszeugnissen Literatur gemacht, freilich ganz anderer Form. Es ist dokumentarische Prosa, die Seiten von oben bis unten übersät mit jenen drei Pünktchen, die die Schneidearbeit des Autors anzeigen, oder besser seine Webetechnik, denn aus den vielen Texten wird ja ein Ganzes – ein Text und dann ein Buch und dann aus den Büchern ein Zyklus und aus dem Zyklus ein Versuch, den Sowjetmenschen zu porträtieren und seine Zeit, die vergangen ist und doch noch nicht abgeschlossen.

Swetlana Alexijewitsch ist selbst ein Sowjetmensch; geboren in der kargen Nachkriegszeit als Kind überzeugter Sozialisten, eines Weißrussen und einer Ukrainerin; später Journalistin in der Provinz, bei Zeitungen mit so schönen Namen wie „Wahrheit von Pripjet“ oder „Leuchtturm des Kommunismus“; und in reiferem Alter Zeugin der unverhofften Öffnung unter Michail Gorbatschow, als alle Gewissheiten und Zwänge weggeweht wurden und von ferne – oder bereits nahe! – die Freiheit winkte. Und dann kam es doch anders.

In fünf großen Büchern hat Alexijewitsch die Katastrophen der sowjetischen Vergangenheit zum Thema gemacht und den Leidenden eine Stimme gegeben; sie hat Frauen interviewt, die in der Roten Armee gekämpft haben, und Kriegskinder. Sie hat in „Zinkjungen“ den Krieg in Afghanistan behandelt und in „Tschernobyl“ die Reaktorkatastrophe, die vor allem ihre weißrussische Heimat traf und der Sowjetunion vermutlich das Ende brachte.

Wie erschütternd das Ganze ist, und wie weit weg – obwohl doch Tschernobyl erst 21 Jahre zurückliegt! Da hört man noch einmal, wie in der Stadt Pripjat die Kraftwerksmitarbeiter mit ihren Kindern abends auf die Balkons traten, um den von innen leuchtenden Reaktor anzuschauen, in naiver, verhängnisvoller Neugier. Und man liest Geschichten eines stillen, stummen, oft sinnlosen Heldentums.

Denn wenn auch Alexijewitsch dem Leiden ein Denkmal gesetzt hat, wie die Schwedische Akademie schreibt, so will sie es nicht verherrlichen. Es ist der Fluch der Sowjetmenschen, sagt Alexijewitsch, dass sie zwar bitteres Leid schultern und Opfer bringen, aber dass sie all dieses Leiden nicht umzuwandeln wissen in Freiheit und Würde, politisch gesprochen. Das Leid ist, in der Sprache des späten Sozialismus, nicht „konvertibel“ in Freiheit.

Das ist auch das Thema des vorerst letzten Buches, „Secondhand-Zeit“, über die Zeit nach dem Sozialismus. Wieder Gespräche, mit unterschiedlichsten Menschen, wenn auch viele dem Typ der sowjetischen Intelligenzija zuzuordnen sind; man erkennt das daran, dass sie über ihr eigenes Leben in literarischen Zitaten sprechen, dass sie etwa mit Tschechows Worten versuchen, den Sowjetmenschen „aus sich herauszupressen“. Aber das ist schwerer als gedacht. Man hatte in den kleinen überheizten Küchen die Freiheit des Diskutierens genossen, und dann kamen die Perestroika und der Kapitalismus, und „wir verließen die Küchen und gingen auf die Straße, und da stellte sich heraus, dass wir gar keine Ideen hatten, dass wir die ganze Zeit nur dagesessen und geredet hatten“, sagt einer.

Es kam keine neue Freiheit, und vielleicht kam überhaupt nichts richtig Neues, sondern man lebt in einer Zeit und in Begriffen „aus zweiter Hand“, wie der Titel sagt.

Ist das überhaupt Literatur, wenn man fremder Leute Erzählungen zusammenschneidet, aus zweiter Hand sozusagen? Das haben Kritiker gefragt, die ihre Bücher bloß als politischen Journalismus lesen wollen – als ginge es nicht um Leid und Glück und Liebe, sondern einzig um die politische Bewertung der Sowjetunion. Wo ist das Glück der Sowjetzeit, hat ein russischer Rezensent gefragt, das Glück der satten Breschnew-Jahre etwa?

Aber es ist eben beides: Es ist Literatur, und zugleich ein scharfer Richtspruch über ein gescheitertes Experiment. Russlands heutige Elite urteilt anders. Sie wird in der Entscheidung des Nobelpreiskomitees – wer weiß, ob zu Recht – einen Angriff gegen den Kreml sehen. Alexijewitsch (die nach langen Jahren im Westen wieder in Minsk lebt), hat nämlich klar politisch Stellung genommen.

Sie hat das paternalistische System daheim in Belarus kritisiert, schärfer aber den Kreml, die Annexion der Krim, den neuen Stalinkult in Russland. „Putin hat meine Hoffnung begraben. Die Hoffnung der Neunziger auf ein europäisches Russland. Wir müssen die Ukrainer beneiden“, schrieb sie im Frühling vor einem Jahr.

Das könnte Sie auch interessieren

Kommentare