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Was Edward St. Aubyn uns sagen will, ist diesmal nicht ganz klar.

Edward St. Aubyn "Ausweg"

Sterben und Schwafeln

Eine Studie über und nicht auf Leben und Tod: Das Pseudo-Endspiel „Ausweg“ des Briten Edward St. Aubyn ist voller rhetorischer Protzerei und unsäglichem Geschwafel dreier Bildungshuber. Enttäuschend.

Von Ulrich Rüdenauer

Endspiele haben die Fantasie schon immer angeregt. Wer das Sterbeglöcklein hört, setzt zur großen Läuterung an oder versucht, mit dem Tod in Verhandlungen zu treten. Die Komödie lebt ebenso davon wie die Tragödie, Woody Allen ebenso wie Ingmar Bergman.

Edward St. Aubyns Held trifft es aus heiterem Himmel: Charlie Fairburn hat seiner Leber zu viel Hochprozentiges zugemutet, und nun gibt der Arzt dem erfolgreichen Drehbuchautor und Lebemann noch ein gutes halbes Jahr. Also beschließt Charlie, einmal im Leben nicht nur Schund fürs Kino zu produzieren, sondern etwas Ernsthaftes zu schreiben – einen Roman, der dem Geheimnis des Bewusstseins auf die Spur kommen soll. Sein Agent schlägt die Hände über dem Kopf zusammen – ob er sich in der verbleibenden Zeit nicht lieber mit der Fortsetzung seines Erfolgsstücks „Ein Alien zum Verlieben“ beschäftigen könne?

Überhaupt gehen alle Freunde und Bekannten mit der Nachricht von Charlies bevorstehendem Tod gelassen bis zynisch um, nicht zuletzt hält es der Betroffene selbst so. Er beschließt, in seinen letzten Tagen sowohl etwas für den Nachruhm zu tun als auch sein Vermögen in einem Spielcasino zu verprassen, um finanziell an die Grenzen des Abgrunds zu geraten – in Armut schreibt es sich gewichtiger, denkt er. Zusammen mit einer Gespielin, die sich rasch einfindet, gelingt ihm das auch auf ordentlich dekadente Weise. Sexuelle Abenteuer, die peinlich genau und schlecht geschildert werden, inbegriffen. Edward St. Aubyn, dem englischen Hochadel entstammend und mit einer autobiographischen Romantrilogie berühmt und berüchtigt geworden, kennt sich in der mondänen Welt gut genug aus, um ihr mit einer gewissen Verachtung entgegenzutreten. Richtige Todesangst kommt in diesem luxuriösen Taumel Richtung Jenseits gar nicht erst auf. St. Aubyns Roman soll eine Studie über und nicht auf Leben und Tod sein.

Verschwurbelte Dialoge

Aus dem geplanten Romanmanuskript Charlies kann man leider immer wieder Ausschnitte lesen: verschwurbelte Dialoge, in die philosophische Debatten, religiöse Fragen und Evolutionstheorien verwurstet sind und die früheren Romanfiguren St. Aubyns in den Mund gelegt werden – jenem Patrick etwa, der in der autobiographischen Melrose-Saga das vom Vater vergewaltigte Alter ego St. Aubyns abgab. So reflektiert der eine Teil den anderen, der Roman im Roman soll das Ich aufspalten, poetologische Erwägungen ermöglichen und das Besondere ins Allgemeine hieven. Man muss allerdings eine Menge guten Willens aufbringen, um dieser rhetorischen Protzerei und dem unsäglichen Geschwafel dreier Bildungshuber eine Weile zu folgen. Charlie hätte lieber bei seinen Drehbüchern bleiben sollen.

So entsteht, trotz oder gerade wegen der intellektuellen Geschütze, die aufgefahren werden, und der verschiedenen Ebenen, die bespielt werden, ein enttäuschender Eindruck: Alle Dringlichkeit und aller Ernst liegen diesem Roman fern. In „Ausweg“ geht es nur vordergründig um den wahren Kern des Daseins und die Irrgärten unseres Bewusstseins; eigentlich aber um das Ausstellen von Belesenheit. Wo die Seele gesucht wird, findet sich doch nur ein bisschen Geist.

Und geistreich möchte St. Aubyn auf jeden Fall sein: Auch die schöne Übersetzung kann das Stolpern durchs Labyrinth der Fragen, die sich einem in den letzten Tagen stellen könnten, nicht retten. Man selber fragt sich immer wieder, was der Autor eigentlich belegen will: Dass unser Bewusstsein mehr ist als die Summe unserer Teile? Dass keine Wissenschaft ihm auf die Spur kommen kann? Dass Freiheit immer das ist, „was wir nicht haben“? Oder dass doch Bewusstsein und Erleben eins sind, sich also jeder Versuch einer gelehrten Definition erübrigt? Schreiben erklärt das Bewusstsein nicht, sondern schafft es, das ist das Paradoxe – und das erkennt auch Charlie am Ende.

Ein „Ausweg“ findet sich für den Helden also nicht wirklich; Rettung aber schon – was wohl parodistisch verstanden werden darf wie das ganze Buch, das zudem noch im Genre des Künstlerromans wildert. Dass Charlie am Ende pleite ist, aber mit dem Leben davon kommen könnte, ist die irgendwie alberne, aber konsequente Pointe.

Wer wirklich etwas über das Leben im Schatten des Todes erfahren will, der sollte nicht Edward St. Aubyns unentschiedenes Pseudo-Endspiel lesen, sondern besser im Internet das Tagebuch von Wolfgang Herrndorf verfolgen. Das hat, obwohl es von wirklicher Todesnähe handelt, viel mehr mit Literatur zu tun. Es lebt.

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