feu_twi_test_050820
+
Edward (Robert Pattinson) und Bella (Kristen Stewart), hier noch in „Breaking Dawn – Bis(s) zum Ende der Nacht“.

Stephenie Meyer: „Biss zur Mitternachtssonne“

Der köstlichste Rotton, den er je gesehen hatte

  • vonCornelia Geißler
    schließen

Stephenie Meyer erzählt es uns noch einmal: „Biss zur Mitternachtssonne“, der fünfte Band der „Twilight“-Saga ist da.

Wann wird schon wirklich auf ein Buch gewartet? So dringlich, dass man den Erscheinungstag herbeisehnt? Bei den letzten beiden Bänden von Joanne K. Rowlings „Harry Potter“-Reihe bildeten sich zum Veröffentlichungsdatum Schlangen vor den Buchhandlungen. Und auch bei den Fortsetzungen von Elena Ferrantes „Genialer Freundin“ soll ein ähnliches Fieber geherrscht haben. In dieser Liga der Beliebtheit spielt auch die US-Amerikanerin Stephenie Meyer.

Die vier Bücher von Meyers „Twilight“-Saga wurden seit dem Jahr 2005 in fast fünfzig Ländern etwa 160 Millionen Mal verkauft, mehr als 10 Millionen Exemplare allein auf Deutsch. Und jetzt kommt ein neues Buch. Soeben ist „Biss zur Mitternachtssonne“ auf Deutsch zeitgleich mit dem englischen Original erschienen. Der Carlsen-Verlag in Hamburg bringt eine Startauflage von 120 000 Exemplaren in die Auslieferung, so viel wird sonst etwa von Romanen abgesetzt, die den Deutschen Buchpreis gewonnen haben.

Zum Ereignis wird die Veröffentlichung auch durch eine gewisse Form der Geheimhaltung. Erst am vergangenen Freitag wurden erste Leseexemplare des 840-Seiten-Romans verschickt. Die Autorin hat Erfahrung: Als Stephenie Meyer schon einmal am fünften Band schrieb, kursierten bald Entwürfe des Manuskripts im Internet und sie brach die Arbeit ab.

Huch, das kennen Sie schon?

Worum geht es? Eine Neue kommt an die Highschool in Forks im Nordwesten der USA. In dem verregneten Kaff ist Isabella Swan, die nur Bella genannt werden möchte, eine interessante Abwechslung. Die Mitschüler drängen sich danach, ihr behilflich zu sein. Nur einer, ein auffällig gutaussehender Junge, meidet sie oder wirft ihr böse Blicke zu. Er heißt Edward Cullen. Nach einer Woche, die er ihretwegen von der Schule fernbleibt, ist er wieder da und rettet sie sogar vor einem schweren Unfall. Bella ahnt von diesem Moment an, dass er ein Geheimnis hat.

Das Buch

Stephenie Meyer: Biss zur Mitternachtssonne. A. d. Engl. v. S. Hachmeister, A. Rak, A. v. d. Weppen, H. Ahrens. Carlsen, Hamburg 2020. 848 S., 28 Euro.

Huch, die Handlung kennen Sie schon? Aus einem Buch? Aus einem Film mit Kristen Stewart und Robert Pattinson? Das Déjà-vu ist beabsichtigt. Stephenie Meyer erzählt in „Biss zur Mitternachtssonne“ noch einmal die von ihr erfundene Liebesgeschichte der Polizistentochter Bella und des „vegetarisch“ lebenden Vampirs Edward (er meidet Menschenblut und trinkt das von Tieren). Nahm sie beim ersten Band die Perspektive Bellas ein, ist es diesmal die Edwards.

Den Perspektivwechsel hat Meyer bereits erprobt. Im vierten Band schilderte sie die Komplikationen um die Geburt von Bellas Tochter nacheinander aus zwei Blickwinkeln. Während das seinen Reiz dadurch entfaltete, wie unterschiedlich die gefährdete Mutter und ein Freund das Ereignis erlebten, geht die Autorin mit dem neuen Buch ein Wagnis ein. Alle Szenen, in denen die Erzählerin des ersten Bandes und des fünften gemeinsam anwesend waren, sind eine Wiederholung.

Die ohnehin recht langsam entwickelte Handlung gewinnt dadurch nicht unbedingt an Schwung. Dabei macht es Spaß, beide Fassungen nebeneinanderzulegen. Wenn ein Wortlaut sich unterscheidet, kann es allerdings auch an der Übertragung ins Deutsche liegen. Am neuen Buch haben drei Übersetzerinnen und ein Übersetzer gearbeitet, vermutlich dem Termindruck geschuldet, um mit der Originalausgabe gleichzuziehen.

Einzelheiten, über die man anfangs hinweglas, fallen nun umso stärker auf. Zum Beispiel, dass die blasse Bella ständig errötet. Im ersten Band ärgert sie sich darüber, im fünften Band macht sie diese Hautreaktion für den Vampir besonders attraktiv. Er bemerkt also, dass „ihr das Blut in die Wangen“ schoss (S. 27), kann sich kaum abwenden, wenn er Bellas Gesicht „in dem köstlichsten Rotton, den ich je gesehen habe“ (S. 19) erblickt, registriert beglückt, wie ihre Wangen „wieder einmal rosig waren“ (S. 43). Auf Seite 126 überzieht „ein zartes, umwerfend verlockendes Rosa ihre Haut“ und auf Seite 127 konnte er „sehen, dass ihre Wange feuerrot war“. Zwei Seiten später ist sie dann „flammend rot, diesmal vor Zorn“. Auch sich selbst beobachtet er genau, allerdings kritisch. Schwierig, als Vampir seine Gefühle im Griff zu behalten.

Hilfe für den Buchmarkt

Meyer bewirbt sich mit ihren Romanen nicht um einen Pulitzer. Sie will ein großes Publikum unterhalten und wird dafür geliebt. Sie widmet es allen Leserinnen und Lesern, „die seit fünfzehn Jahren auf so wunderbare Weise zu meinem Leben gehören“.

Immerhin wird diese Neuerscheinung dem von der Corona-Krise gebeutelten Buchmarkt helfen. So bescherte auch Suzanne Collins vor wenigen Wochen mit ihrem neuen „Tribute von Panem“-Band dem Buchhandel einen großen Verkaufserfolg. Und Joanne K. Rowling kurbelte die Harry-Potter-Welle mit dem Theaterstück um „das verwunschene Kind“ 2016 noch einmal an. Die ersten Fans von Stephenie Meyers Vampir-Büchern sind längst erwachsen. Für Leser, die geboren wurden, als der letzte Band erschienen war, öffnet sich ein neues Fenster.

Das könnte Sie auch interessieren

Kommentare