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Ein US-Soldat im Juni 2004 nahe Falludscha. Auch Billy Summers, der Titelheld des neuen Romans von Stephen King, wird im Irak eingesetzt.
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Ein US-Soldat im Juni 2004 nahe Falludscha. Auch Billy Summers, der Titelheld des neuen Romans von Stephen King, wird im Irak eingesetzt.

Kriminalroman

Stephen King: „Billy Summers“ – Der gute Auftragskiller

  • Sylvia Staude
    VonSylvia Staude
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Stephen Kings Kriminalroman über „Billy Summers“, der das Töten im Irak lernt und dann zu vermarkten weiß.

Ein Romanautor, gar einer vom Kaliber (kein Wortspiel beabsichtigt) eines Stephen King, denkt gewiss gründlich über den Namen für seine Hauptfigur nach. Und wenn er dann einen Auftragskiller „Billy Summers“ nennt, dann ahnt die Leserin schon: Beruf hin oder her, ein schlechter Mensch würde von Mr. King keinen so sommerlichen, fast niedlichen Namen erhalten. Und schon gar nicht wäre er ein eifriger Leser, zum Beispiel des großen, die Gerechtigkeit liebenden Franzosen Émile Zola, oder des gesellschaftskritischen Engländers Thomas Hardy. Aber weil Stephen King keiner ist, der sein Publikum überschätzt, präzisiert er schon auf Seite 16: „Im Grunde sieht er sich als Müllmann mit Waffe.“ Denn Billy Summers, der gute Killer, lässt sich nur anheuern, um schlechte Menschen zu töten. Jedenfalls folgt er diesem Prinzip, seit er nicht mehr Soldat im Irak, sondern, nun ja, freischaffend ist.

Stephen King, geboren 1947, bekannt als Meister des Horrors, hat diesmal einen geradlinigen Kriminalroman geschrieben – in den allerdings ausführliche, zunehmend längliche Passagen eingefügt sind, in denen Billy von seiner schrecklichen Kindheit und seinem traumatischen Einsatz 2004 im irakischen Falludscha erzählt, wo er als exzellenter Scharfschütze entdeckt wird, immer wieder aber zusehen muss, wie Kameraden und unbeteiligte Zivilisten sterben.

Durchaus kann man diesen jüngsten King-Roman, der auch im englischsprachigen Original in diesem August erschienen ist, als gar nicht mal versteckte Kritik am Irakkrieg der Vereinigten Staaten lesen; liest ihn zudem in diesen Tagen des Afghanistan-Desasters mit noch stärkeren Gefühlen. Auch der talentierte Billy Summers ist im Grunde ein Opfer der sinnlosen US-amerikanischen Einmischung; wer will es ihm verdenken, dass er nach seiner Rückkehr aus dem Irak seine Fähigkeiten vermarktet.

Das Buch

Stephen King: Billy Summers. Roman. A. d. Engl. v. Bernhard Kleinschmidt. Heyne 2021. 720 S., 26 Euro.

Er ist inzwischen Mitte 40, möchte sich zur Ruhe setzen und übernimmt aber – ein Standard-Plot in diesem Genre – einen letzten Auftrag, weil ihm zwei Millionen geboten werden. Zwei Millionen! Zwar fragt er sich, wie jeder vernünftige Leser: wo ist der Haken? Aber es scheint tatsächlich keinen zu geben. Es ist auch schon alles vorbereitet, unter anderem eine Wohnung, ein Büro, eine andere Identität, unter der er warten soll, unter Umständen monatelang warten muss, bis ihm ein (natürlich echt böser) Auftragskiller in die Schusslinie gerät. Töten soll er den Mann, sobald dieser zum ersten Mal die Gerichtstreppen hochgeführt wird zu seiner Verhandlung, denn er wird wohl auspacken, um der Todesstrafe zu entgehen.

Stephen King ist ein so geschmeidiger, sprachliche Klischees weitgehend vermeidender Schreiber, dass der Leserin die Zeit des Wartens erstmal gar nicht lang wird. Billy, der laut seiner fiktiven Identität Autor (!) ist und darum oft und lang in seinem Büro sitzt – Zuhause bringt er die Disziplin nicht auf, sagt er, oh ja, man kennt das –, beginnt also gleichsam seine Autobiografie (und wir lesen mit), freundet sich mit Leuten aus anderen Büros an, freundet sich da, wo er wohnt, mit Nachbarn an, grillt und trinkt mit ihnen, gießt ihre Pflanzen, schießt einem kleinen schwarzen Mädchen auf einem Rummel einen rosa Plüschflamingo – und beginnt zu ahnen, dass das alles gar nicht gut ist. Nicht aufzufallen ist gut, Freundschaften zu schließen ist schlecht. Aber was soll er machen – hier sieht man seinen Erfinder mit den Schultern zucken –, er ist halt ein anständiger Mensch.

Lieber Mr. King, möchte man sagen, ich habe es kapiert – da kommt es endlich zum Schuss, zur raffinierten Flucht Billy Summers’ und kurz darauf (kurz jedenfalls für einen Roman von 720 Seiten) zu dem Zufall, dass eine vergewaltigte junge Frau vor Billys Zweitwohnung und Versteck aus einem Auto geworfen wird. Kann er sie etwa liegenlassen?

Nach mehr als 60 Romanen (Kurzgeschichten und Drehbücher gar nicht gezählt), hat King offenbar immer noch so viele Ideen, dass er Billy die verletzte, bewusstlose Alice nicht nur aus der Kälte hereinholen lässt, sondern eine weitere Geschichte beginnt und in aller Ruhe und Ausführlichkeit erzählt. Sie könnte heißen: Der Killer und das Mädchen.

Auch das ist keine schlechte Geschichte, eine sogar rührende Geschichte. Nur lässt ihr Autor da der Leserin, dem Leser schon keinen Raum mehr, an Billy und seiner moralischen Integrität zu zweifeln. Da wird er ein bisschen uninteressant, der gute Killer.

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