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Stephan Leopold über Proust – Ist sie da wieder, die „schwache messianische Kraft“?

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Von: Eberhard Geisler

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Komplexe Verhältnisse: Ohne Kundry kein Karfreitagszauber. Hier Sopranistin Michaela Schuster, 2005 in Sevilla.
Komplexe Verhältnisse: Ohne Kundry kein Karfreitagszauber. Hier Sopranistin Michaela Schuster, 2005 in Sevilla. © AFP

Inzest und Karfreitagszauber: Stephan Leopold weiß Neues über Marcel Proust.

Ob man noch ein Buch zu Proust braucht? Wer weiß.“ Der Autor dieses Buches, Romanist an der Mainzer Universität, hat seine Einsichten zwar gemeinsam mit seinen Studenten und Studentinnen entwickelt, gibt sich zunächst aber erst einmal zweifelnd, ob er überhaupt noch ein anderes Publikum erreicht. Aber er ist überaus geschickt, seiner Sache von Anbeginn sicher, und souverän und beherrscht entfaltet er seine Argumentation.

Im Blick auf Prousts großes Erzählwerk „Auf der Suche nach der verlorenen Zeit“, um dessen Analyse es ihm geht, nennt er das Ziel seines Projekts: „Ich interessiere mich für das Verhältnis des Erzählers zur Nation als Affektgemeinschaft“. Leopold kann zeigen, dass dieser Roman tatsächlich eine Antwort auf die große Frage zu geben versucht, die für die europäische Geistesgeschichte des 19. Jahrhunderts prägend gewesen ist: Wie kann, wenn durch die Philosophie der Aufklärung vom Verlust verbindlicher religiöser Gewissheiten ausgegangen werden muss, eine Kunst bzw. ein Mythos geschaffen werden, der gleichsam in die Lücke springt und noch einmal Moralität und gesellschaftlichen Zusammenhalt verbürgt?

Sexualität und Beruf

Das Buch

Stephan Leopold: Zusammenbruch und Erinnerung. Prousts Recherche. Brill Fink, Paderborn 2022. 239 S., 89 Euro.

Diese Frage – das sei ergänzend bemerkt – hatte bereits die deutschen Romantiker umgetrieben, und der Philosoph Manfred Frank hat ihren Zusammenhang zu einem seiner großen Lebensthemen gemacht. Und so unternimmt es der Autor, den Knoten zu schürzen, das heißt die dramatische Konstellation des Romans, in dem es um die Sehnsucht nach tiefer Vereinigung und breiter Solidargemeinschaft, um Sexualität und die Berufung zum Schriftsteller geht, aufzuzeigen und als dessen eigentliche, fundamentale Leistung verständlich werden zu lassen.

Marcel, den Proust als sein Alter Ego die eigene Lebensgeschichte erzählen und ausdeuten lässt, hatte sich nicht nur der Erinnerung an den Geschmack der in Tee getunkten Madeleine aus Kindheitstagen überlassen, sondern ebenso der Erinnerung an frühe Verstrickungen seines Gefühls im Verhältnis zur eigenen Mutter sowie an Richard Wagners Karfreitagszauber aus dem „Parsifal“. Hatte Proust demzufolge, als er die Bedeutung des Phänomens der Erinnerung erkannt hatte, an jenes Vermögen der Literatur glauben wollen, das Walter Benjamin 1940 – von den Nazis verfolgt und vom Bolschewismus enttäuscht – noch einmal beschwören sollte? Indem er von der „schwachen messianischen Kraft“ sprach, die uns allen eigne und auf die die Vergangenheit Anspruch habe?

Stephan Leopold ist methodisch bestens gerüstet. Zunächst zieht er Einsichten der strukturalen Psychoanalyse Jacques Lacans heran, um sowohl die unterschwelligen sexuellen Bedeutungen des Romans als auch, und dies vor allem, den Zusammenhang von inzestuöser Verlockung, ausgebremstem und schließlich gelingendem Spracherwerb als Grundstruktur der „Recherche“ darstellen zu können. Sodann greift er auf Arbeiten seines akademischen Lehrers Rainer Warning zurück, der Prousts Schreibweise als Erstellung von Ketten differentieller Wiederholungen beschrieben hat, die zu einem unabgeschlossenen, ja unabschließbaren Text führen mussten. Leopold geht aber über Warning, der offenbar Prousts „Erinnerungsekstasen“ nichts abgewinnen konnte, hinaus, indem er auf die mittelalterliche Figuraltypologie verweist, die als theologische Denkfigur für Prousts Roman bestimmend ist.

Es handelt sich dabei um eine Bibelexegese, die nach dem Zusammenspiel von Vorankündigung und Einlösung, von Prophezeiung und Erfüllung fragt. Damit aber lässt Leopold nicht nur Warnings Analyse, sondern ebenso die Sinnverweigerung der Dekonstruktivisten hinter sich. Julia Kristeva kommt zu Wort, die Kunst bei Proust als Akt der Transsubstantiation beschrieben hatte. Nun kann Marcel die Sinneseindrücke, die er aus der Schatzkammer seines Gedächtnisses geholt hat, in geistige Konzepte und Sprache überführen.

Proust muss glücklich gewesen sein, als er das Wort „Ende“ unter sein Manuskript schreiben konnte, bemerkt Leopold, beschließt sein eigenes Buch aber in Zuversicht: „Wir aber können nun von Neuem beginnen.“

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