DDR

Stephan Hermlin in der DDR: „Der Zustand, in dem ich lebe, ist kein Zustand für Literatur“

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Ein „spätbürgerlicher“ Dichter in der DDR: Stephan Hermlins Jahre in Berlin-Niederschönhausen.

Er lebte zwischen den Fronten. 1915 in Chemnitz geboren und aus einem wohlhabenden, bildungsbürgerlichen jüdischen Milieu stammend, näherte er sich schon in jungen Jahren der kommunistischen Bewegung, der er bis zu seinem Tod 1997 treu blieb. Stephan Hermlin (eigentlich Rudolf Leder) ging 1936 ins Exil – erst nach Palästina, dann nach Frankreich und in die Schweiz. Er schloss sich früh dem Widerstand an, behauptete (zu Unrecht), in Spanien gekämpft zu haben und arbeitete nach 1945 beim Hessischen Rundfunk in Frankfurt. Schließlich wählte er 1947 Ostberlin zu seinem endgültigen Wohnsitz.

Hermlin zählte bald zu den wichtigsten und von seinem Staat mit vielen Preisen gekrönten Dichtern der DDR. Seine Erzählungen, Gedichte, Essays oder das autobiografisch grundierte „Abendlicht“ (1979) wurden auch in der Bundesrepublik viel gelesen.

Über Hermlins ein halbes Jahrhundert währendes Leben in Berlin-Niederschönhausen erzählt in einer schmalen, sehr informativen, mit eindrucksvollen Bildern bereicherten und seinen „Helden“ überaus liebevoll zeichnenden Broschüre jetzt der Theater- und Literaturwissenschaftler Klaus Völker. Mehrfach hatte der in der Bundesrepublik lebende und arbeitende Völker den Dichter in seiner hübschen (gemieteten) Villa in der damaligen Kurt-Fischer-Straße 39 besucht und viele Jahre mit ihm korrespondiert. Er berichtet von einem Intellektuellen, der den Traum von einer gerechteren Welt nie verloren hat, von einem Schriftsteller, der seinen Staat verteidigte und doch auch immer wieder in wichtigen kulturpolitischen Fragen kritisierte.

Das Buch

Klaus Völker: Stephan Hermlin in Berlin-Niederschönhausen (1947-1997). Frankfurter Buntbücher 66. vbb, Berlin 2020. 32 Seiten, 8 Euro.

Sein Freund Honecker

Hermlin verteidigt den Mauerbau von 1961. „Wir tragen ein teils grandioses, teils jammervolles Erbe mit uns. Aber ich plädiere für diesen meinen Staat, die DDR ... Sollte man den Sozialismus aufgeben, weil in ihm Dummköpfe und Engstirnige auftreten?“ Er verurteilt den Einmarsch der Warschauer-Pakt-Truppen in die Tschechoslowakei und gehört 1976 zu den Initiatoren eines öffentlichen Protestes gegen die Ausbürgerung von Wolf Biermann. Er nennt Erich Honecker einen „Freund“ und leidet als Künstler unter der Kulturpolitik seines Staates. Am 5. März 1963 schreibt er an Völker: „Wenn ich etwas versuche, zerläuft es mir auf dem Papier. Es ist nicht meine Schuld. Wessen Schuld es ist, wissen Sie. Der Zustand, in dem ich lebe, ist kein Zustand für Literatur; auch wenn ich äußerlich der alte zu sein scheine.“

Stephan Hermlin hat manches in der DDR verteidigt, was nicht schönzureden war. Es ist auch ein Leben der Rückzüge und der Anpassung. Aber dieser Dichter ist nicht mutlos. „Ich bin ein spätbürgerlicher Schriftsteller“, hält er auf einem Schriftstellerkongress den ideologisch verbohrten Kritikern „bürgerlicher Künstler“ zornig entgegen, „was könnte ich als Schriftsteller auch anderes sein? Ich hörte nicht auf, einer zu sein, während ich Jahrzehnte hindurch Kommunist war und blieb“. Und er sagt auch: „Es ist das Vorrecht der Dichter, vernunftlos zu träumen.“

Völkers Erinnerungen machen Lust, sich erneut von der Poesie und den Einsichten dieses „Spätbürgerlichen“ bezaubern zu lassen.

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