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Von ihrem Schicksal auch nur zu lesen ist schwer: Nadia Murad im März in New York.

Nadia Murad

Stellt euch das bitte vor

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Die Jesidin Nadia Murad war Sklavin des IS. Jetzt kämpft sie nicht nur für ihre Würde.

Es gibt ein Video auf Youtube, da steht die Autorin dieses Buches vor der Vollversammlung der Vereinten Nationen. Sie wirkt unheimlich zerbrechlich und doch voller Willenskraft, als sie ans Mikrofon tritt und sagt: „Ich flehe euch an, die Menschlichkeit nicht zu vergessen. Was muss passieren, damit ihr etwas tut?“ Da ist Nadia Murad längst in Sicherheit, 2015 kam sie mit einem Sonderkontingent für besonders schutzbedürftige Frauen und Kinder des Landes Baden-Württemberg nach Deutschland. Sie hätte sich dazu entschließen können über das, was ihr angetan worden ist, zu schweigen, zu versuchen, es zu vergessen. Sie tut das Gegenteil, sucht die Öffentlichkeit. Nicht um ihrer selbst willen, sondern weil das Martyrium, das sie durchlebt hat, für andere noch nicht vorbei ist. Und so erzählt sie ihre Geschichte stellvertretend für andere immer wieder, nicht nur in dieser emotionalen Rede vor den Vereinten Nationen. Und nun hat sie ein Buch darüber veröffentlicht: „Ich bin eure Stimme“. 

Nadia Murad ist Jesidin, die Jesiden sind eine religiöse Minderheit im Irak. Sie wuchs in dem Dorf Kocho im nordirakischen Sindschar-Gebirge auf, und im ersten Teil des Buches beschreibt sie das Leben dort. Sie erzählt von der harten Arbeit auf den Gemüsefeldern, den kalten Morgen, an denen sie im Hof ihres Hauses am Tandur saß, dem Ofen, in dem die Mutter die Fladenbrote buk, die warmen Nächte, in denen das ganze Dorf auf den Dächern schlief. Dem Jungmädchentraum von einem eigenen Kosmetiksalon. Nadia Murad beschreibt dieses Leben gerade lange genug, dass man ihren Verlust wenigstens ein wenig ermessen kann. 

Im August 2014 überfallen IS-Milizen Kocho und auch andere jesidische Siedlungen im Sindschar. Sie ermorden Nadia Murads Mutter und sechs ihrer Brüder. Sie ermorden 5000 Männer und Jungen. Mehr als 7000 Frauen und Kinder werden entführt, eine davon ist Nadia Murad. Das Massaker ist von den Vereinten Nationen 2016 als Völkermord anerkannt worden. Das ist auch Nadia Murads Verdienst. Sie wurde dabei von der Anwältin Amal Clooney unterstützt. 

Nadia Murad wird nach Mossul verschleppt. Sie ist 21 Jahre alt und jetzt eine Sabiya, wie die IS-Kämpfer ihre Sexsklavinnen nennen. Manche der Männer bekommen eine geschenkt, als Belohnung oder Ansporn, andere bezahlen dafür. In Propagandamagazinen werden Rekruten mit der Aussicht auf eine eigene Sabiya geworben. Der IS interpretiert den Koran so, dass die Vergewaltigung Ungläubiger keine Sünde ist. Nadia wird von Mann zu Mann gereicht, sie muss sich zurechtmachen, bevor sie vergewaltigt wird. Schon davon zu lesen, ist schwer auszuhalten. 
Monate später gelingt es ihr, aus dem Haus, in dem sie festgehalten wird, zu entkommen. Sie irrt durch die Straßen von Mossul, unsicher, an welche Tür sie klopfen und um Hilfe bitten soll. Denn sie braucht Unterstützung, wenn die Flucht gelingen soll. „Stellt euch bitte vor, ihr hättet eine junge Tochter, die aus ihrer Familie herausgerissen wurde und all diesen Vergewaltigungen ausgesetzt war. Stellt euch das bitte einfach nur vor, während ihr überlegt, was ihr jetzt mit mir machen sollt.“ Mit diesem Satz appelliert sie an die Verantwortung derer, die ihr öffnen. Es ist eine Verantwortung, die jeder Mensch hat, und würde er sie annehmen, gäbe es kein von Menschen verursachtes Leid.

Nadia Murad schont sich nicht bei der Beschreibung dessen, was ihr widerfahren ist. Das würde jeder Frau schwerfallen, hat der Missbrauch doch die perfide Wirkung, dass er auch das Opfer zu beschmutzen scheint. Bei einer jungen Frau, die aus einer höchst konservativen Kultur stammt, muss die Überwindung noch größer sein. Es ist erstaunlich, welchen Umgang Nadia Murad mit dem Erlebten gefunden hat. „Nadia hat sich keine der Rollen aufzwingen lassen, die ihr das Leben zugedacht hat: Vergewaltigungsopfer. Sklave. Flüchtling. Statt dessen hat sie sich neue gesucht: Überlebende. Anführerin der Jesiden. Anwältin der Frauen“, schreibt Amal Clooney im Vorwort zu diesem Buch. Im vergangenen Jahr war Nadia Murad für den Friedensnobelpreis nominiert, sie ist Sonderbotschafterin der Vereinten Nationen für die Würde der Opfer von Menschenhandel. 

Was Nadia Murad für die jesidische Gemeinschaft bedeutet, habe ich selbst erlebt, in einem Spätkauf. Der junge Mann hinterm Tresen sprach mit einem anderen Kunden, und ich bekam mit, dass er Jeside ist. Darauf sagte ich ihm, ich habe gerade Nadia Murads Buch gelesen. „Nadia Murad“, antwortete er, und es ging ein Lächeln über sein zuvor so gehetzt wirkendes Gesicht. Er erzählte mir voll Stolz, sie habe für die Jesiden vor den Vereinten Nationen gesprochen. Er erzählte, wie er selbst von den IS-Kämpfern dazu gezwungen worden sei zu konvertieren, weil sie ihn sonst getötet hätten. Beim Abschied gab er mir ein Stück Schokolade mit auf den Weg. Alles wegen Nadia Murad.

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