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Es steht nichts fest auf Erden

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Wenig Orientierung im Dschungel.
Wenig Orientierung im Dschungel. © REUTERS

Herzerfrischend verschroben: Annette Hugs Roman „Tell in Manila“ führt ins Leben des philippinischen Nationalhelden Jose Rizal und in den Dschungel der Wörter und Sprachen.

Von Sabine Vogel

Dieser Roman erzählt eine Geschichte darüber, wie Literatur die Welt verändern kann. Für Jose Rizal endet sie tödlich. Der Philippino aus aristokratischem Haus kommt 1886 als Mediziner und Schriftsteller nach Europa, studiert in Madrid, praktiziert in Heidelberg Augenchirurgie, er lässt in Berlin seinen Roman „Noli me tangere“ drucken und er übersetzt Schillers Bühnenstück über den Freiheitskämpfer Wilhelm Tell in seine Muttersprache Tagalog. Als er nach Manila zurückkehrt, findet auch dort ein Aufstand gegen die spanische Fremdherrschaft statt. Rizal, 35-jährig, wird als Aufwiegler hingerichtet.

Es gibt Dutzende Biografien und mehrere Filme über den philippinischen Nationalhelden. In ihrem Roman „Wilhelm Tell in Manila“ taucht die Schweizer Autorin Annette Hug tief in Rizals einsames Ringen um die Wörter ein. Er ist in der Fremde und heimatverloren zwischen mehreren Sprachen. Die Dialekt sprechende Kellnerin im Biergarten bringt ihm eine weitere bei. Rizal überträgt den Kampf der Eidgenossen gegen die Habsburger Tyrannen auf die Verhältnisse seiner kolonisierten Heimatinseln, er übersetzt eine Schweizer Geschichte aus lang vergangener Zeit in seine philippinische Gegenwart.

Sein „Übersetzen“ selbst eine überseeische Reise von einer in eine andere Kultur. Wie soll man nüchtern bleiben, wenn die „Satzteile zu kreisen beginnen“ und die Silben wuchern. Wie im Fieberrausch, der ihn im bitterkalten Berlin heimsucht (in der Jägerstraße 71 erinnert eine Plakette an Rizal) vermischen sich die Tropen mit den Alpen, Küssnacht wird Kalamba, der Vierwaldstättersee zum pazifischen Binnenozean, unter den schneebedeckten Bergen brodelt feuerflüssige Materie, der Sultan greift die Burg an, die Mauren fallen in die Bucht, die Rütlischwüre fallen in lautmalerische Reime, die Litaneien der Frauen in homerische Gesänge.

Rizals „Anstrengungen des Begriffs“ sind der sprachverliebten Autorin Anlass oder Vorwand für linguistische Exkursionen in den Dschungel der philippinischen Ursprache. Schon Wilhelm von Humboldt listete allein 17 verschiedene Formen des tagalogischen Verbs auf: „Überall über das Bedürfnis überschießende Fülle“. Hinter einer herzerfrischend verschrobenen Erinnerung an die Aktualität Tells verbirgt sich so auch die Eloge auf den Reichtum einer Kultur, die bereits vor dem Auftauchen der Spanier gut zu leben wusste. Oder besser?

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