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Wo steht der Feminismus?

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Was hat sich ein Jahr nach #metoo verändert? Der aktuellen "Standortbestimmung Feminismus" widmet sich eine Diskussion auf der Frankfurter Buchmesse.

Das Wort „Feminismus“ im Veranstaltungstitel zieht Menschen an. Es ist voll, sehr voll in dem kleinen Bereich vor dem Weltempfang Salon in Halle 4.1 auf der Frankfuter Buchmesse als taz-Chefredakteurin Katrin Gottschalk die Diskussionsteilnehmerinnen vorstellt. Kübra Gümüsay, Journalistin und Netz-Aktivistin, Margarete Stokowski, Spiegel-Kolumnistin und Buchautorin, die gerade das Buch „Die letzten Tage des Patriarchats“ veröffentlicht hat und Heike-Melba Fendel, ebenfalls Journalistin, Autorin und PR-Agentin.

Alle vier Frauen beschäftigen sich in ihren Publikationen mit Feminismus. Dass sie deshalb nicht unbedingt die gleichen Positionen vertreten, zeigt sich in der Diskussion schnell. Aber, das sei vorweggenommen: Während der gesamten Veranstaltung wird keine der Teilnehmerinnen unterbrochen, an keiner Stelle muss die Moderatorin eingreifen, weil eine Antwort zu ausschweifend wird. Die Debatte prägt eine respektvolle, empathische Gesprächskultur. Etwas, was man auf der Buchmesse auch anders erlebt.

Lauter Feminismus, aber mit wie viel Wirkung?

Die aktuelle Entwicklung, dass immer mehr Menschen für ihre Interessen einstehen und auf die Straße – generell, nicht nur für feministische Forderungen, wie man es jetzt bei der #Unteibar-Demonstration in Berlin mit knapp 250.000 Menschen gesehen hat – bewertet Kübra Gümüsay als positives Zeichen für eine engagierte, junge Generation. Auch Margarete Stokowski schließt sich dieser Einschätzung an. Feminismus sei plötzlich „cool“, man könne feministische T-Shirts bei H&M kaufen und eine größere Masse interessiere sich seit #Metoo für das Thema. Doch dieser neue Schwung käme nicht bei allen an, kritisiert Stokowski. Gruppen, die in der breiten öffentlichen Wahrnehmung wenig vorkommen, die nicht im Film-, Musik- oder Publikationsgeschäft sind, sondern zum Beispiel schlecht bezahlte Pflegejobs ausüben, hätten von der neuen feministischen Begeisterung sehr wenig.

Auch sei es nicht genug, die Forderungen, etwa nach gleicher Bezahlung von Frauen für gleiche Arbeit, nur auszusprechen: „Wir wollen die Gerechtigkeit jetzt auch umgesetzt haben“, sagt Gümüsay. Das mache aber männlichen Entscheidungsträgern Angst. Moderatorin Gottschalk führt an, dass die Außenwahrnehmung vieler sei, dass Deutschland in Sachen Gleichberechtigung der Geschlechter schon sehr weit ist. Das, so Stokowski, läge auch daran, dass es in der Geschichte der Emanzipation immer Männer gegeben habe, die an irgendeiner Stelle „Das reicht jetzt aber wirklich“ gesagt hätten. Durch Sätze wie „Die Waffen einer Frau“ wird eine Gleichberechtigung vorgegaukelt, doch das seien Ablenkungsmanöver vom Patriarchat.

Heike-Melba Fendel sieht das etwas anders. Sie inszeniert sich als Frau, die sich selbstbewusst genommen hat, was sie wollte, und vertritt in feministischen Kreisen unpopuläre Meinungen in der Diskussion. Mehrfach betont sie, dass feministische Forderungen „nur selbstverständlich“ sind, dass diese zwar etabliert werden müssten, aber dass Frauen auch häufiger ihre eigenen Rechte einfordern müssten. Doch immer noch sei bei Frauen die romantische Komödie das beliebteste Film- und Fernsehgenre, seien Mama-Blogs von Frauen meistgelesen und noch immer würden viele Frauen nach einem Mann suchen, der alles für sie macht. Fendel, die sich selbst nicht mit dem Begriff Feministin „anfreunden“ kann, fragt: Wenn Frauen sich beschweren, dass Männer die Sichtweisen häufig bestimmen, warum sind bei Wikipedia nur 15 Prozent der aktiven Schreiber*innen weiblich? Weil Frauen weniger Freizeit als Männer hätten, erwidert Stokowski. Gerade für so unbezahlte Sachen wie eine aktive Wikipedia-Autorinnenschaft bräuchte man aber viel Zeit. Gümüsay weist außerdem darauf hin, dass sich die Sichtweise von Fendel meist an privilegierte, weiße, gesunde Frauen aus der Mittelschicht richte. Nicht jede Frau könne einfach so „für ihre Rechte einstehen“, oft aus Angst vor Repressionen.

Privilegierte Frauen jedoch, könnten ruhig öfter die „Poesie des Fuck You“, wie sie Margarete Stokowski in ihrem ersten Buch „Untenrum frei“ beschreibt, ausleben, meint die Spiegel-Kolumnistin. „Feminismus besteht auch darin, sich selbst das Leben einfacher zu machen“, sagt Stokowski und hat mit ihrem Vorschlag, Gesprächspartner*innen auch ruhig mal zu sagen: „Das ist das Dümmste, was ich je gehört habe“, die Lacher auf ihrer Seite.

„Wisst ihr noch, damals…“

Darauf angesprochen, was sich die drei Gesprächsteilnehmerinnen als Thema im nächsten Jahr bei dieser Diskussion wünschen würden, antwortet Fendel, dass sie gerne über Frauen sprechen würde, die sich Gleichberechtigung erkämpft haben – weibliche Erfolgsgeschichten.

Margarete Stokowski hat einen anderen Vorschlag. Schön wäre es doch, wenn sie im nächsten Jahr dasitzen, lachen und sich dunkel an diese seltsame Zeit zurückerinnern würden, in der ein Horst Seehofer Innenminister in einem rein männlichen Heimatministerium war. Was für verrückte Zeiten.

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