Stefanie de Velasco. Foto: Joachim Gern

Zeugen Jehovas

Stefanie de Velasco: „Kein Teil der Welt“ – Der bleierne Glaube

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Stefanie de Velasco erzählt in ihrem Roman „Kein Teil der Welt“ von Zeugen Jehovas, die in den Osten kamen.

Die jugendliche Erzählerin in diesem Roman soll miterleben, wie eine neue Gemeinschaft aufgebaut wird. Ihre Eltern wünschen das, betreiben das Werk mit Elan. Peterswalde heißt der Ort, wohin sie kurz nach dem Mauerfall gezogen sind, der Name ist fiktiv, die Geschichte ist es auch, aber sie hat einen dicken wahren Kern. Stefanie de Velasco, 1978 geboren, im Jahr 2013 durch ihr Debüt „Tigermilch“ aufgefallen, orientiert sich mit ihrem Roman „Kein Teil der Welt“ an ihrer eigenen Kindheit und Jugend. Der Klappentext teilt es mit: „Sie wuchs bei den Zeugen Jehovas auf und verließ die religiöse Gemeinschaft mit 15 Jahren.“

In der DDR waren die Zeugen Jehovas verboten, wurden wegen der Verbreitung ihrer eigenen Lehre ausgegrenzt, auch bestraft. Die Nazis schickten Zeugen Jehovas (die „Bibelforscher“) sogar ins Konzentrationslager. Im Roman hat die Großmutter des Mädchens das KZ überlebt und in der DDR heimlich weiter zu ihrer Lehre gehalten. Der Vater ging in den Westen und durfte bis 1989 als „Republikflüchtling“ nicht zurück. Nun zieht er mit Frau und Tochter in sein Elternhaus.

In Peterswalde leben die Leute einfach, ein Supermarkt kündigt seine Eröffnung vorerst nur an, der neue Gemeindesaal muss noch erbaut werden. Die Eltern verkaufen Esther gegenüber den Umzug in die Ödnis als Aufgabe, „um die letzten Menschen zu fischen, bevor die große Drangsal kommt“. Doch das Mädchen kann den Pioniergeist der Eltern nicht teilen.

Der Roman behandelt eine zweifache Emanzipation. Einerseits zeigt er Esther dabei, wie sie die Worte der Eltern hinterfragt und sich eine eigene Meinung bildet, ein logischer Prozess innerhalb der Pubertät. Andererseits folgt er rückblickend dem Weg von Esthers bester Freundin, die noch früher den Bruch wagt – mit schwerwiegenden Folgen. Sulamith war mit ihrer Mutter aus Rumänien nach Westdeutschland geflohen, die Mutter geriet noch im Aufnahmelager unter die Fittiche der Zeugen Jehovas und strebte danach, sich ihnen anzupassen.

Stefanie de Velasco: Kein Teil der Welt. Roman. Kiepenheuer & Witsch, Köln. 432 Seiten, 22 Euro.

Stefanie de Velasco stellt differenziert dar, wie Esthers und Sulamiths Freundschaft heftigen Prüfungen ausgesetzt ist, als die Mädchen 14, 15 Jahre alt sind. Es irritiert Esther zunächst, als die Freundin zu zweifeln beginnt. „Ich glaube an Jehova und das Paradies“, schreibt diese in eines der Notizhefte, die sie sich wie ein gemeinsames Tagebuch hin- und herreichen, „aber ich will nicht ständig anderen davon erzählen müssen.“ Sulamith hat einen Freund aus „der Welt“, also nicht aus der Gemeinschaft. Esther will sie nicht verraten, eifersüchtig ist sie dennoch. Es dauert, bis auch sie feststellt, Jehova fühle sich an „wie ein bleiernes Gewicht, das mich immer tiefer nach unten zieht“.

„Kein Teil der Welt“ kann als Ost-West-Roman gelesen werden. Westler erzählten kurz nach dem Mauerfall gern, in den neuen Bundesländern sei die Fahrt über Land wie eine Zeitreise, weil alles so rückständig sei. Mit diesen Blicken ziehen auch Esthers Eltern in den Osten. Sie sehen sich selbst sowohl als Wessis als auch als Gläubige im Vorteil. In der Perspektive der jugendlichen Esther stoßen im Roman lustige Hörfehler auf historische Ungenauigkeiten. Esther hört immer, dass Gleichaltrige von der „Alligatorin aus der Schule“ sprechen, das kann ja nur die Agitatorin sein. Esther erinnert sich an eine der Reisen mit ihrer Mutter in die DDR, das Auto voll mit „Wachtturm“-Zeitschriften. An der Grenze wird das Auto inspiziert, und das Mädchen sagt zu dem bewaffneten Beamten: „Wir sind nur Terroristen.“ Touristen meinte sie. Dass aber die Biberfarm ein „Kollektiv zur Pelzherstellung“ gewesen sein soll, klingt unsinnig. Gemeint ist vermutlich eine LPG, eine Landwirtschaftliche Produktionsgenossenschaft.

De Velasco baut noch ein dunkles Geheimnis in den Roman, das Esthers Vater vor seiner Familie verbirgt und dem das Mädchen dann auf die Spur kommt. Erzählerisch führt die Autorin damit unnötig auf Abwege – sie entfernt Esther von der Suche nach dem Rätsel um Sulamith.

Stark ist der Roman immer dann, wenn es um die Zweisamkeit der Mädchen geht und um ihren Konflikt, sich nicht zu den anderen, den „Weltmenschen“ zugehörig fühlen zu dürfen. Ihre Seelenqual verpackt Stefanie de Velasco in viele Gespräche. Auch die Distanz zur Mutter wird zunehmend greifbarer. Und man versteht: Von dieser einen Glaubensgemeinschaft ist es nur ein Sprung zum diktatorischen Prinzip überhaupt.

In der Schule im Osten haben die „Alligatoren“ nach 1989 zwar nichts mehr zu sagen, doch Esthers Eltern wollten sie zu einer Agitatorin im Dienste Jehovas ausbilden.

Die Autorinliest am 2. Dezember im Literaturhaus Frankfurt und am 3. Dezember im Literaturhaus Darmstadt.

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