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 Stefanie Sargnagel.
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Stefanie Sargnagel.

Coming-of-Age-Roman

„Dicht“ – Ideell verballert

Was davor geschah: Stefanie Sargnagel legt einen tragikomischen Roman über ihre Jugendjahre vor.

Nichts hat sie ausgelassen: Joints am Morgen, Joints am Abend, LSD, Alkoholeskapaden – frei nach dem Motto: Wo ein „Beisl“ (Spelunke), da auch ein Weg. Es brauchte nur genügend „abenteuerlustige Scheiß-drauf-Mentalität“, um gegen Schule, „Polizeistaat“ und die spießbürgerliche Gesellschaft zu rebellieren. Dokumentiert hat Stefanie Sargnagel, der anarchische Shootingstar der österreichischen Literatur, ihre wilden Jugendjahre nun in dem autobiografischen Roman „Dicht“, der sich wie das Making-of zu einer erfolgreichen Schriftstellerinnenkarriere liest.

Denn die 1986 geborene, linksliberale Szeneautorin musste wohl erst durch den Sumpf gehen, um mit ihren „Statusmeldungen“ (2007) zur Stimme ihrer Generation Praktikum zu werden. Mit Humor und zynischem Schneid führt sie uns darin die Absurdität der Arbeitswelt vor Augen, wettert gegen Altnazis und religiöse Bigotterie.

Den Blick für die sozialen Zusammenhänge erhält sie früh auf den Wiener Straßen. Was mit Schulschwänzen und Aussteigerfantasien beginnt, geht über in Drogenpicknicks auf der Votivwiese und unzählige Abstürze in „abgefucktesten“ Stuben. Suff und Rausch in Dauerschleife – davon erzählt „Dicht“. Dass sich der Text dabei rasch leerläuft, ist jedoch weniger als Schwäche denn als programmatische Entscheidung zu verstehen. Wie schon die großen Autoren und Autorinnen der modernen österreichischen Literatur – von Ödön von Horváth über Arthur Schnitzler bis hin zu Thomas Bernhard und Elfriede Jelinek – bedient sich auch deren Erbin im Geist auf ironische Weise der Figur der Wiederholung. Walzerartig dreht sich die Handlung im Kreis, wodurch das augenfällige Sinndefizit der Ich-Erzählerin zum Tragen kommt. Denn hinter der harten, trinkfesten Fassade verbirgt sich eine signifikante Depression.

Das Buch

Stefanie Sargnagel: Dicht. Aufzeichnungen einer Tagediebin. Rowohlt, Hamburg 2020. 256 S., 20 Euro.

Sowohl als deren Ursache als auch als deren Therapeutikum erweisen sich die Bekannten Sargnagels. Bevor sie nach vielen Kuscheleien ihre erste Liebe Florent trifft, lernt sie mit dem Alt-68er Michi die Vorzüge tiefer Freundschaft kennen. Sie wird zu dessen Homie, er zu ihrem Gefährten im Kneipenkarussell. Insbesondere diesen Schilderungen offenbart sich Sargnagels verspielte Stilkunst. Mit Vokabeln wie „einzecken“, „flashig“, „dichte Seligkeit“, „Emozeug“ und Slogans wie „Ethnoromantik statt Hamburger Schule“ weiß das „ideell verballerte Hippiemädchen“ einen groovigen, freigeistigen Sound zu erzeugen.

Mit wenigen Sätzen gelingt es ihr, anschauliche Atmosphären herzustellen. Wie Milieustudien lesen sich die Treffen in Schuppen wie dem „Espresso König“, dem „Cheers“ oder dem „Black Appache“, wo sich „Bezirksalkoholiker ab dem Vormittag die Zeit totschlugen, zum Beispiel Hugo, der schielende Elektriker, immer im Blaumann, obwohl er arbeitslos war“, oder „Gino, ein Hüne von über zwei Metern (...) und einem Gesicht wie aus einem David Lynch-Film, der irgendwas mit Computern machte. An der Ecke saß Ernstl, ein pensionierter Installateur, der schwul war, sich aber nie geoutet hatte“.

In diesen unterhaltsamen Kurzcharakteristiken bloße Parodien zu sehen, griffe zu kurz. Sie erinnern unmittelbar an die Szenenskizzen eines Heinz Strunk, Sven Regener oder Thorsten Nagelschmidt. Was all diese Annäherungen an die Gruppe prekärer, womöglich abgehängter Existenzen eint, ist bei aller Groteske auch eine empathische Haltung. Stefanie Sargnagel mitsamt ihren Kollegen aus der Abteilung Pop-Literatur richten ihr Augenmerk nämlich stets ebenso auf den hohen Grad an Solidarität und Zusammenhalt unter jenen Menschen, die selbst ihren letzten Schluck Bier noch brüderlich miteinander teilen. „Dicht“ gleicht daher, um es mit einem treffenden Bild aus dem Text selbst zu sagen, einem „Lämpchen, das mit seinem warmen Licht jedes noch so fertige Gesicht aufweichte“.

Und so fördert Sargnagels Coming-of-Age-Roman zuletzt einen sensiblen Kern zutage. Mehr und mehr gibt sich die Revoluzzerin als eine verkappte Romantikerin zu erkennen, die doch immerzu von einer Welt der Freundschaft und Herzensgüte träumt. Mag man vielleicht in ihren letzten Büchern noch mehr Pointiertheit in Sachen Gesellschaftskritik beobachten, die sich aufrichtig gegen Austrofaschismus, Rassismus und Sexismus wendet, führt uns „Dicht“ die private Persönlichkeit dahinter klarer vor Augen. Ihre Provokationslust ist dabei einer einnehmenden Verletzlichkeit gewichen. Wofür steht also wohl der Titel? Für „hackevoll“ gewiss, aber mehr noch für: Intensität.

Von Björn Hayer

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