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Stefan Zweig mit seiner zweiten Frau Charlotte Altmann, 1938.  epd
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Stefan Zweig mit seiner zweiten Frau Charlotte Altmann, 1938.

Stefan Zweig

„Wie ich meinen Herzschlag fühle, wenn ich daran denke“

  • vonWilhelm v. Sternburg
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Ein Briefband beleuchtet Stefan Zweigs Haltung gegenüber seinem Judentum.

Ich will mich nicht festlegen auf eine Meinung über das Judentum“, schreibt der 32-jährige Stefan Zweig 1913 einem Freund, „manchmal flutet es in mir und manchmal ebbt es zurück, jeder Mond kann das wandeln.“ Der Sohn des wohlhabenden Textilfabrikanten Moritz Zweig ist damals in den Wiener Kaffeehauskreisen schon ein beinahe etablierter Autor. Neben ersten Gedichtbänden („Silberne Saiten“, „Die frühen Kränze“), Feuilletonbeiträgen für die „Neue Freie Presse“, einigen Übersetzungen und Theaterstücken sind auch seine frühen Novellenbände („Erstes Erlebnis“, „Brennendes Geheimnis“) in der „Welt von Gestern“ (so der Titel von Zweigs am Ende seines Lebens verfassten Erinnerungen) auf Beachtung gestoßen. Frühe Reisen nach Spanien, Algier und Amerika haben sein sich später immer deutlicher herausbildendes Weltbürgertum geprägt. Der Erste Weltkrieg macht ihn zum Pazifisten. 1917 veröffentlicht er das Anti-Kriegsdrama „Jeremias“.

Sein Judentum, das zeigt auch die jetzt erschienene und sorgfältig editierte Sammlung von Zweigs Briefen zu diesem Thema, blieb für ihn eine Selbstverständlichkeit, die der Antisemitismus im Wien seiner frühen Jahre nicht erschüttern konnte. „Zweig bevorzugte die stille Stimme der Vernunft“, konstatiert der Herausgeber Stefan Litt, „die auch heute wieder im Getöse des Populismus unterzugehen droht.“ Das gilt für seinen Humanismus ebenso wie für seine Haltung zum Judentum.

Das umfangreiche schriftstellerische Werk dieses Autors weist nur wenige ganz auf das Jüdische ausgerichtete Texte aus. Dazu zählen einige „Legenden“ („Rahel rechtet mit Gott“, „Der begrabene Leuchter“), und auch sein letzter Roman, „Ungeduld des Herzens“, zeigt eine „Hinwendung zum jüdischen Leben“ in den Habsburg-Jahren. Aber das aufgeklärte Europa ist sein Thema, seine Biografien über Joseph Fouché, Marie Antoinette oder Maria Stuart, seine poetischen Deutungen des Lebens und Denkens von Erasmus von Rotterdam, Sigmund Freud, Magellan, Balzac, Stendhal, Dostojewski, Tolstoi, Kleist, Hölderlin haben ihn zu einem der meistgelesenen deutschsprachigen Autoren seiner Zeit werden lassen.

Zweigs Judentum ist frei von Selbsthass oder ideologischer Orthodoxie. Die Briefe zeigen eine in dieser Frage wohlwollend-skeptische Haltung gegenüber den Entwicklungen in der wieder zunehmend bedrängten jüdischen Welt. „Es belastet das Judesein mich nicht, es begeistert mich nicht, es quält mich nicht und sondert mich nicht“, lässt er Martin Buber 1916 wissen, „ich fühle es ebenso wie ich meinen Herzschlag fühle, wenn ich daran denke und ihn nicht fühle, wenn ich nicht daran denke.“ Aber 1917 teilt er Buber mit, „dass die absolute Freiheit, zwischen den Nationen zu wählen, sich überall als Gast zu fühlen, als Teilnehmer und Mittler, dieses übernationale Gefühl der Freiheit vom Wahnsinn einer fanatischen Welt, mich ... innerlich gerettet (hat), und ich empfinde dankbar, dass es das Judentum ist, das mir diese übernationale Freiheit ermöglicht hat“.

Das Buch:

Stefan Zweig: Briefe zum Judentum. Hrsg. von Stefan Litt. Jüdischer Verlag/ Suhrkamp, Berlin 2020. 295 S., 24 Euro.

Den Publizisten Theodor Herzl, der nach der Dreyfus-Affäre einen eigenen Judenstaat propagiert und Zweigs erste Feuilletontexte in der Wiener „Neuen Freien Presse“ veröffentlicht, bewundert er. Dem Zionismus steht er nicht ohne Verständnis, aber doch distanziert gegenüber. 1937 – Zweig lebt seit drei Jahren im Exil und sein Heimatland Österreich steht nur wenige Monate vor dem „Anschluss“ an das Deutschland des Antisemiten Adolf Hitler – schreibt er: „Aber es gehört zu meinem Wesen – vielleicht ist es ein Vorzug, vielleicht ein Defekt –, dass mir jeder Fanatismus fehlt, dass ich jede Einseitigkeit und Einlinigkeit ablehne. Deshalb ist mir der Zionismus und Palästina niemals als ,die‘ Lösung erschienen...“. Im gleichen Brief äußert er auch Zweifel daran, „dass wir eine ,jüdische‘, eine nationale Literatur zu gründen haben“.

Schon seit 1933 ist seine Verzweiflung gewachsen. „Die Nationalsozialisten haben teilweise recht: In Deutschland sind es nur die Juden (abgesehen von einigen seltenen Ausnahmen), die für Freiheit, für Unabhängigkeit eintreten. Das wahre Deutschland will gehorchen oder befehlen.“

Zweigs Versuche, durch gemeinsame Manifeste und Aufrufe eine gleichgültige Welt auf das Schicksal der Verfolgten in Deutschland und dann auch in Österreich aufmerksam zu machen, scheitern. Ernüchtert erkennt er, „wie bequem es wäre, Zionist oder Bolschewik oder sonst ein festgelegter Mensch zu sein, statt wie eine getriebene Planke in der Sturzflut herumgeworfen zu werden, schon halb zerstoßen und halb zermürbt!“

Als die deutsche Wehrmacht in Polen einmarschiert, schreibt er aus dem Londoner Exil: „An die Juden in Polen zu denken, verstört mir mein Leben.“ Im Februar 1942 nimmt er sich in Brasilien das Leben. „Ich habe Jahre im Ausland gelebt, wo niemand nach der Rasse fragte“, schreibt er Anfang der zwanziger Jahre einem ratsuchenden jungen Verehrer – die Wirklichkeit in seinen Gastländern ein wenig verdrängend –, „als ich zurückkam, war das Problem plötzlich vor mir da und forderte mich ganz.“

Zweig war ein unermüdlicher Briefeschreiber. Stefan Litt schätzt seine Korrespondenz auf 25 000 Briefe und Postkarten. Für den vorliegenden Band wählte er 120 Briefe und Karten aus. 69 davon sind hier erstmals veröffentlicht. Sie zeigen einen Schriftsteller, dessen Ideale tief im europäischen Humanismus verankert waren und der sich immer bewusst war, dass seine Existenz im Judentum ruhte, dem er „nie abtrünnig sein will und werde“.

Auch wenn er am Ende an der Wirklichkeit der Gewalt und des Wahnwitzes zerbrach, seine jüdische Herkunft wurde und blieb ihm eine wesentliche Quelle seines Denkens. Auch das machen seine Einwürfe und Bekenntnisse eindrucksvoll deutlich.

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