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Novalis-Büste am Grab in Weißenfels (Sachsen-Anhalt).
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Novalis-Büste am Grab in Weißenfels (Sachsen-Anhalt).

Die Romantik

Stefan Matuschek „Der gedichtete Himmel“: Imaginäre Bautätigkeit

  • VonHarro Zimmermann
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„Der gedichtete Himmel“: Stefan Matuschek erkundet das Romantische als tiefgreifendes Stilphänomen.

Der junge Friedrich Schlegel fand es zwingend nötig, die Sphären des Wahren und des Sittlichen von der „Selbständigkeit des Schönen“ zu trennen, denn nur so könne es zur Entfesselung der ersehnten „deutschen“ Revolution kommen, zur Romantik. Gemeint war nicht weniger als eine ultimativ schöne und moralisch „wohltätige“ Weltveränderung, wenn die Schlegel-Brüder, Novalis und Tieck, Fichte und Schelling von ihrem „Wagestück der Vernunft“ sprachen, die Menschheit den „Schrecken der objektiven Welt zu entziehen.“

Niemals, so schrieben sie in den Himmel von Dichtung und Philosophie, könne das sich selbst hervorbringende Ich zum Objekt einer kontingenten Wirklichkeit werden: „Sein überhaupt ist nichts als Freisein – Schweben ... Aus diesem Lichtpunkt des Schwebens strömt alle Realität aus“, doziert Fichte damals.

Für Stefan Matuschek ist die Romantik keine Gefühlsrevolte

Am Ende des aufgeklärten 18. Jahrhunderts huldigen die Romantiker einer „progressiven Universalpoesie“, das Schöngeistige soll jetzt nicht nur alle Wissenskulturen, mitsamt den Religionen symphonisch zusammenführen, sondern das Leben und die Gesellschaft überhaupt poetisch werden lassen, ihre Arbeitsteilungen und alle bürgerlichen Deformationen aufheben. Mit der Romantik erhält alles Geistige, alles Idealische und Phantasmatische eine nie gekannte Bedeutungssteigerung, sie will nicht weniger, als die metaphysische Obdachlosigkeit der Zeit mit den Mitteln von Imagination und Ästhetik, mit Laune, Witz und Selbstgenuss, ja mit neuer Sinn(en)fülle kompensieren.

Für Stefan Matuschek ist zu Recht klar, dass die Romantik keine Gefühlsrevolte wider das Aufklärungszeitalter darstellt, auch dass sie als gesamteuropäische Erscheinung betrachtet werden muss, die einen literarischen Fortschritt, vielleicht eine intellektuelle Radikalisierung gegenüber der vorangegangenen Kulturepoche des Kontinents bedeutet. Wohl deshalb gilt sein Interesse vor allem der Bestandsübersicht und der Feinanalyse im Feld der romantischen Schönschreiberei.

Die Romantik sei zuvörderst ein „Stilphänomen“, das allerdings „unmittelbar auf die Weltanschauung und Lebenseinstellung durchschlägt. Damit gewinnt (sie) philosophische und lebenspraktische Relevanz“. Soll heißen, das Romantische entsteht dort, wo die Religionen und die rationalen Wissenschaften die Fragen nach dem Sinn des Ganzen und nach den „Perspektiven jenseits von klaren und deutlichen Begriffen“ nicht mehr zu stellen, bzw. nicht mehr zu beantworten in der Lage sind.

Die Romantik erscheint deshalb als eine Methode, mit der metaphysischen Obdachlosigkeit in einer entgötterten Moderne durch „imaginäre Bautätigkeit“ fertig zu werden. Die Romantiker, so der Autor, ersinnen für sich und ihr Lesepublikum einen „erdichteten Himmel“, sie kultivieren das artistische Spiel- und Erprobungsfeld eines selbstermächtigten Imaginationsverlangens.

Das Buch:

Stefan Matuschek: Der gedichtete Himmel. Eine Geschichte der Romantik. Beck, München 2021. 400 S., 28 Euro.

Dergestalt verkörpert die literarische Innovation der „Kippfigur“ für Matuschek eine Art Universalmodus zur Beschreibung des romantischen Kunstverfahrens. Sinnstiftende Entwürfe werden als Deutungsangebote dargebracht und lassen zugleich erkennen, dass sie bloße Fiktionen sind. Dieses „Als ob-Spiel“, dass man sich in einem Wissens- oder Stimmungsmodus befinde, der bewusstermaßen nur den schönen Schein abbilde, ist nicht nur dem Melos der Schlegelschen Ironie abgelauscht, sondern wird in diesem Buch zum historisch „entscheidenden Beitrag“ und zum „Erfolgsmodell“ der Romantik überhaupt erklärt.

Stefan Matuschek als kluger Literaturinterpret

Mit der ubiquitären Kippfigur, so Matuschek, sei jene selbstbewusste literarische Kraft, ja eine „Mobilmachung“ in die Welt getreten, die das Religiöse subjektiviert und ästhetisiert, die phantastischen Tiefen der Menschenpsyche erkundet, sich als mythologischen Entwurf ausprobiert und neue Gemeinschaften zu stiften versucht habe. Wenn der Autor sinnvollerweise zwischen der Romantik als Phänomen und als Diskurs unterscheidet, so erweist das Kippfigur-Argument seine Angemessenheit und Trennschärfe allemal dort, wo es um die Analyse ästhetisch-technischer Innovationsprozesse in der europäischen Literatur geht. Schwieriger wird es, wo sich das Romantische mit politischen Mythen und Sozialutopien, mit Nationalstereotypen oder Zeitstimmungen amalgamiert.

Fündig wird der kluge Literaturinterpret Matuschek erwartungsgemäß bei Byrons Weltschmerz, bei Schillers und Goethes Einvernahme als europäische Romantiker, bei der Subjektivierung des Religiösen durch Schleiermacher, bei Schlegels Theorie der Unverständlichkeit, beim Schauerroman wie beim romantischen Märchen für Erwachsene der Brüder Grimm, bei Richard Wagners mythologisierendem Gesamtkunstwerk oder bei Autoren wie Baudelaire, Rilke, Wolfgang Hilbig und selbst bei J. D. Salinger.

Mal um Mal gelingt in luziden Analysen der Nachweis, wie sehr die Romantiker über die Zeiten hin eine „individualisierte, freie, interpretationsoffene Form von Metaphysik“, gleichsam zum Hausgebrauch, zu schaffen verstanden. Und noch ihre subtilsten Stilinnovationen reagieren dabei auf ein kritisches Bewusstsein von den Grenzen der aufgeklärten Vernunft.

Das Romantische liege also nicht im Was, sondern im Wie ihrer Darstellungen und Ansichten, schreibt der Autor, die Romantik sei daher auch kein Schicksalszusammenhang und keine Affäre, sondern sie eröffne seit 1800 allenfalls neue literarische und philosophische Möglichkeiten.

Und dennoch bleibt wahr, dass die Romantiker gleichsam über die Verhältnisse ihrer Vernunft gedacht, empfunden und gedichtet haben, das aber heißt auch – wir müssen sie in den konkreten Lebenszusammenhängen ihrer langwährenden (Ideologie-)Geschichte betrachten. Mit Nietzsche zu reden, die Romantik ist auch in ihrem „mannigfachen Suchen, Experimentiren, Zerstören, Verheißen, Ahnen, Hoffen“ wahrzunehmen, als „Carneval aller Götter und Mythen, bei dem es dem geistigen Mittelstande mit Recht bange um sich selbst werden musste“.

Die Romantik war gewiss eine europäische Erscheinung, und ist es in ihren innovativen Ausstrahlungen auf die ästhetische Moderne nach wie vor, aber sie bleibt auch eine eigentümlich deutsche Affäre. Die Virulenz des National-Mythos seit Friedrich Schlegel, Görres, Hölderlin, seit Fichte, Schiller, Novalis, Adam Müller und Kleist, bis zu Wagner und Nietzsche, zum völkischen Nationalismus, zu Heidegger und den Nazis, ja bis zum deutschen Teufelspakt des „Doktor Faustus“, ist ohne den Wort- und Imaginationsfuror der Romantik undenkbar.

Gewiss, man kann die Bedeutung der Romantik nicht zu einem intellektuellen Zerstörungswerk herabstufen wollen, aber mit ihrer metaphysischen Begehrlichkeit und ihrem faszinierenden Leichtsinn hat sie der einstigen Selbstbescheidung aufgeklärter Vernunft die enervierendsten Wechselbäder zugemutet, und das oft im wirklichen Leben.

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