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„Les Demoiselles D’Avignon“, 1907: Picasso revolutioniert die Malerei, Gandhi den Revolutionskampf, Einstein ein Jahr zuvor die Physik.
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„Les Demoiselles D’Avignon“, 1907: Picasso revolutioniert die Malerei, Gandhi den Revolutionskampf, Einstein ein Jahr zuvor die Physik.

Wahrnehmung

Stefan Klein: „Wie wir die Welt verändern“ – Unser Gehirn dient nicht der Wahrheit, sondern dem Überleben

  • Arno Widmann
    VonArno Widmann
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Vom Zusammenspiel von Fantasie und Skepsis: „Wie wir die Welt verändern“, das neue Buch von Bestseller-Autor Stefan Klein.

Ich bin ein Fan. Ich gehöre zu denen, die auf jedes neue Buch von Stefan Klein warten, sich auf es stürzen und es verschlingen. Nein, mit dem Verschlingen – das stimmt nicht. Ich brauche sehr lange für seine Bücher. Da stehen fast auf jeder Seite Sätze, die mich dazu bringen, das Buch beiseitezulegen und nachzudenken.

M ir kommen dann Zweifel – an dem, was er schreibt. Aus den Abgründen meiner Ahnungslosigkeit mobilisiere ich Argumente gegen das, was er sagt. In seinem neuen Buch zum Beispiel steht gleich am Anfang der Satz: „Jedes schöpferische Denken entspringt dem Zusammenspiel vieler Menschen.“ Das stimmt, denke ich mir auf meinem Sofa sitzend, wenn es sich gegen die Vorstellung wendet, das Genie schaffe alles aus sich heraus. Es stimmt nicht, wenn der Boss meint, das Großraumbüro sei nicht nur kostengünstig, sondern auch ein Laboratorium der Kreativität, weil alle unentwegt mit allen verbunden sind. „Das Zimmer für sich allein“ war für Virginia Woolfs Kreativität so notwendig wie ihr Bloomsbury-Kreis. Klein schreibt seine Bücher, indem er mit sehr vielen Leuten über die darin berührten Themen spricht, aber auch, indem er allein in seinem Zimmer sitzt und sich klarwird über seine Gedanken.

Princeton, das nicht einmal 30 000 Einwohner hat, ist eine der zentralen Produktionsstätten von Wissen. Und um 1900 war keineswegs entschieden, dass die Berliner Universität wichtiger war als die in Göttingen. Kommunikation ist eine Grundvoraussetzung, ohne den freien Austausch in der Wissenschaft ist Fortschritt nicht zu denken. Aber zur Bereitstellung einer Infrastruktur der Kreativität gehört die Ermöglichung von Konzentration, ja Einsamkeit ebenso sehr.

Stefan Klein weiß sehr genau, was er will

Wer sich daran erinnert bei der Lektüre der ersten Seiten von Kleins Buch, mag sich das als Einwand notieren, beim Weiterlesen aber wird er feststellen, dass Klein das sehr genau weiß, und ein paar Kapitel später schreibt er: „Offenbar brauchen wir Rückzüge in eine Innenwelt, um uns immer wieder eine neue Vorstellung davon zu machen, was um uns geschieht.“

Wie naiv mein Hinweis auf Princeton ist, macht Klein mit diesen Sätzen deutlich: „Wir blinzeln bis zu zwanzigmal in jeder Minute – viel öfter als zum Befeuchten der Hornhaut mit Tränenflüssigkeit notwendig wäre. Bei jedem Lidschlag werden die Signale vom Auge für ein paar Zehntelsekunden abgeschaltet …“ Unser Innenleben übernimmt das Kommando und kurz darauf wieder die Kommunikation mit der Außenwelt. Dieser Wechsel konstituiert unseren individuellen Erkenntnisprozess.

Man darf nicht aufhören, Klein zu lesen. Je mehr man ihm widerspricht, desto näher kommt man ihm. Und wenn ich am Ende des Buches wieder Einwände gegen ihn habe, dann ist davon auszugehen, dass er sie selbst viel besser kennt und im nächsten Buch auf sie eingehen wird.

Werkzeugproduktion oder Wahrheit

Worum geht es in „Wie wir die Welt verändern“? In vier großen Schritten geht es von den ersten tastenden Versuchen der menschlichen Werkzeugproduktion über die Herstellung einer symbolgesteuerten Kommunikation und die zunehmende Vernetzung der Menschen und ihrer Kenntnisse bis in die aktuellen Auseinandersetzungen um die Möglichkeiten und Gefahren der künstlichen Intelligenz. Wir müssen uns klarmachen, schreibt Stefan Klein: Unser Gehirn ist nicht dazu da, die Wahrheit aufzudecken, es dient nicht der Erkenntnis, sondern dem Überleben. Logik und Gefühl interagieren. Sie wirken zusammen, darum wird es, meint er, niemals einen Computer geben, der mit unserem Gehirn wirklich konkurrieren kann.

Das Buch

Stefan Klein: Wie wir die Welt verändern. Eine kurze Geschichte des menschlichen Geistes. S. Fischer, Frankfurt a. M. 2021. 270 S., 21 Euro.

Ein Computer, erklärt Klein, könne niemals auf die Idee kommen, mit der Marcel Duchamp den Kunstbegriff revolutionierte: ein Pissoir als Kunstwerk. Das ist ein menschlicher Einfall, einer, der aus dem System ausbricht, in dem er sich bewegt. Dazu sind Maschinen nicht fähig.

Ich weiß nicht, ob das stimmt, aber es ist bedauerlich, dass Klein an dieser Stelle sich nicht mehr für tierische Intelligenz interessiert. Kann die das auch nicht, oder ist die Vernetzung von Kalkül und Emotion nicht genau das, was uns zusammen von den Maschinen unterscheidet?

Stefan Klein weckt meinen Widerspruchsgeist, er treibt mich zum Nachdenken. Aber vor allem liebe ich die Geschichten, die er erzählt. Zum Beispiel die von den Schimpansinnen Sarah und Sheba, die lernten, mit Symbolen umzugehen, mit ihnen zu rechnen und zu denken. Das ist eine großartige Passage. Sie ist es vor allem darum, weil Klein sich zwar die Zeit nimmt, uns die Experimente so genau zu erzählen, dass wir sie verstehen können, aber darüber keine Sekunde aus den Augen verliert, warum er es tut. Das hält uns, seine Leserinnen und Leser, bei der Stange, das gibt uns das Gefühl, von ihm schlauer gemacht zu werden. Im Ganzen und auch im Kleinen und Besonderen.

Und wie verändern wir die Welt? Klein hat kein Revolutionshandbuch geschrieben, keine Gebrauchsanweisung, wie wir die Welt verändern können. Sein Buch beschreibt, wie wir die Welt verändernd wahrnehmen, wie wir sie wahrnehmend verändern. Wir sind so gebaut, die Evolution hat uns dahin gebracht. Wir entkommen dem nicht. Wir mögen prinzipiell nicht herauskommen aus unserer Haut, aber wir schauen öfter über sie hinaus als irgendeine andere Spezies.

Mit Siebenmeilenstiefeln durch die Weltgeschichte

Auf seinem Weg mit den Siebenmeilenstiefeln durch die Weltgeschichte fallen ihm Dinge auf, auf die er nicht eingehen kann, die er aber erwähnt und mit denen er immer wieder unsere Neugierde weckt. Zum Beispiel wissen wir, dass 1905 Albert Einstein die Spezielle und 1916 die Allgemeine Relativitätstheorie veröffentlichte. Raum und Zeit waren keine leeren Kartons mehr, in denen die Gegenstände – von den Supergalaxien bis zum Coronavirus – aufbewahrt wurden, sondern die Gegenstände erzeugten Raum und Zeit.

1907 beendete Pablo Picasso sein Monumentalgemälde „Les Demoiselles d’Avignon“, ein radikaler Bruch mit der bisherigen Art, Menschen und Dinge in Raum und Zeit darzustellen.

In denselben Jahren entwickelte Mohandas Gandhi in Südafrika in der Praxis seines Kampfes gegen die Unterdrückung seine Satyagraha-Lehre, die – ein radikaler Bruch zur gängigen Revolutionslehre – darauf setzte, mittels der eigenen Gewaltlosigkeit und der Bereitschaft, selbst Schmerz und Leiden auf sich zu nehmen, die Vernunft und das Gewissen des Gegners anzusprechen. Er sollte nicht mehr geschlagen, sondern gewonnen werden.

Diese zeitliche Koinzidenz ist nur eine Bemerkung am Rande. Sie spielt keine zentrale Rolle in Kleins Argumentation, aber sie beflügelt doch die Fantasie. Man begreift, dass auf den verschiedensten Schauplätzen, an den unterschiedlichsten Fronten zur gleichen Zeit unabhängig voneinander prinzipiell sehr ähnliche Auseinandersetzungen stattfanden.

Stefan Klein munitioniert uns aber auch mit der Skepsis, die, ohne unsere Fantasie zu lähmen, uns doch ermöglicht, ihre Ergebnisse zu überprüfen, oder doch uns wenigstens in die Lage versetzt zu erkennen, wo wir nicht überprüft haben. Stefan Klein zeigt uns nicht nur, dass beides nötig, sondern auch, wie schön beides ist: die Fantasie und ihre Überprüfung.

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