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Der junge Stefan Heym.
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Der junge Stefan Heym.

„Flammender Frieden“

Stefan Heym „Flammender Frieden“: Noch im Terror kleinkariert

  • VonCornelia Geißler
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Stefan Heyms Roman „Flammender Frieden“ erscheint erstmals auf Deutsch – und erzählt aus der Sicht eines jungen Deutsch-Amerikaners von den Nazis.

Sie greifen einander nicht direkt an, die drei Männer aus drei Nationen, die in Stefan Heyms Roman „Flammender Frieden“ im Zentrum stehen. Sie eint das gemeinsame Interesse an einer Frau. Doch ist es nichts weniger als die internationale Lage anno 1942, die sie zu Konfliktparteien macht. Während an der algerischen Küste noch von Schiffen Salven abgeschossen werden, Panzer rollen und Kampfflugzeuge starten, gehen sie nicht mit Waffen, sondern mit Lügen, Rankünen oder vermeintlich klugen Reden gegeneinander vor. Das, was ein Waffenstillstand sein soll, beginnt im Roman improvisiert mit wehendem weißen Hotelhandtuch und einem Taschentuch als Armbinde. Es ist längst noch nicht das Ende des Weltenbrands.

Der Frieden zwischen dem Wehrmachtsoffizier Ludwig von Liszt (der sich als Franzose auszugeben versucht), dem amerikanischen Geheimdienstoffizier Bert Wolff (der ursprünglich aus Nazi-Deutschland geflohen ist) und dem Franzosen Jules Marie Monaitre (als Vertreter der alten Kolonialmacht und des Vichy-Regimes) trägt im Original den Beinamen „smiling“, „lächelnd“. Stefan Heym hat diese Wendung aus Shakespeares „König Johann“, wo sie in der verbreiteten Übersetzung von August Wilhelm Schlegel ein „holder Frieden“ ist – ein Kompromiss.

Was der Verlag als „die große Entdeckung“ anpreist, ist für das deutsche Publikum wirklich eine. Allerdings handelt es sich nicht um einen Archivfund oder das Wiederauftauchen eines verhinderten Projekts, es hängt mit der Werkgeschichte und der Entscheidung des Autors zusammen, dass Stefan Heyms zweiter Roman erst jetzt auf Deutsch erscheint.

Er entstand nach dem großen Erfolg von „Hostages“, der sich 1942/43 in kurzer Zeit bereits 25 000 Mal verkauft und den 1935 in die USA emigrierten Juden bekannt gemacht hatte. Stefan Heym, geboren 1913 in Chemnitz, konnte sein nach dem Reichstagsbrand im Februar 1933 in Berlin abgebrochenes Germanistik-Studium in den USA fortsetzen, schrieb bald kaum noch für seine exilierten Landsleute auf Deutsch, sondern vor allem auf Englisch.

An der Universität war er „gezwungen, Amerikanisch zu hören, Amerikanisch zu sprechen, Amerikanisch zu denken“, wie er später in seinen „Nachruf“ genannten Memoiren schrieb. Er war damals in Chicago „bestrebt, Anschluss zu finden an die Literatur, die um ihn herum entstand und lebte, die amerikanische“. Und mit „Hostages“ war ihm das also gleich gelungen. In der DDR, wo Heym sich 1953 niederließ, erschien das Buch 1958 unter dem Titel „Der Fall Glasenapp“, 1976 erst in der BRD.

Das Buch:

Stefan Heym: Flammender Frieden. Roman. A. d. Engl. v. Bernhard Robben. C. Bertelsmann, München 2021. 480 Seiten, 24 Euro.

Stefan Heym, geboren als Helmut Flieg, berühmt geworden als kritische Stimme in der DDR, die dem sozialistischen Gedanken zwar zugetan, der Parteidoktrin aber skeptisch gegenüberstand, war lange zumindest von der Arbeitsweise her ein amerikanischer Schriftsteller geblieben. Auch zum Beispiel die Romane „Kreuzfahrer von heute“ (1948), „Goldsborough“ (1953), „Die Papiere des Andreas Lenz“ (1963) und „Der König-David-Bericht“ (1973) schrieb er auf Englisch und übertrug sie selbst ins Deutsche oder ließ Übersetzungen anfertigen, die er redigierte.

Nach dem Märchenbuch „Casimir und Cymbelinchen“ und seinen journalistischen Texten war „Fünf Tage im Juni“ über den Aufstand vom 17. Juni 1953 das erste Buch, von dem direkt eine deutsche Fassung erschienen ist. Allerdings nur im Westen, 1974. Seit der Biermann-Petition 1976 gehörte Stefan Heym in der DDR endgültig zu den bewunderten, kaum noch durch neue Werke anwesenden Autoren. Wer etwa „Collin“ oder „Schwarzenberg“ lesen wollte, musste sich das heimlich besorgen.

Und wer sich für „Of Smiling Peace“ interessierte, hatte nach dem Original zu suchen oder der handlichen „Armed Services Edition“, der Armee-Ausgabe von 1945, antiquarisch ist das Buch noch erhältlich. Zur Entstehungszeit wurde Heym, inzwischen US-Staatsbürger, als Sergeant für psychologische Kriegsführung ausgebildet und befragte nebenher Offiziere für den „Flammenden Frieden“: „Es geht darum, ob die Amerikaner, die angetreten sind, Freiheit und Demokratie zu bringen“, schreibt er in den Memoiren, „sich mit jedem Schurken und Faschisten verbinden sollen, der sich ihnen anbietet, oder ob sie nicht eher, um der Sache willen, den schwierigeren Weg gehen, vielleicht sogar eigene Truppen dafür opfern müssen.“ Als er sich bereits in London befand, denn er sollte zu den alliierten Truppen gehören, die im Juni 1944 in die Normandie geschickt werden, schloss er das Buch ab.

Die Kritik reagierte verhalten, es hieß zum Beispiel, den amerikanischen Soldaten sei anzumerken, dass ein Deutscher den Roman geschrieben habe. Und der linken Presse war das Buch zu wenig links. Er selbst fasst im Rückblick zusammen, nicht weit genug gegangen zu sein „in der Darstellung der Umstände, die uns in Nordafrika aufgehalten haben, und der Gründe dafür“. Er schreibt „uns“: Er verstand sich durchaus als Amerikaner.

Seinem Helden Lieutenant Wolff hatte er eine deutsche Vergangenheit zugeschrieben, er war dem Konzentrationslager Oranienburg entkommen. Er ließ ihn die Nazis so analysieren: „Noch in all ihrem Terror waren sie kleinkariert. Sie brachten massenhaft Menschen um, zogen den Opfern aber vorher die Schuhe aus und katalogisierten sie ordentlich nach Größe. Sie folterten Menschen zu Tode, schickten aber ihre Asche heim – nicht um die Ehegatten zu quälen, sondern damit der Bürokratie Genüge getan war.“ Ein US-Soldat erklärt im Buch, an Wolff klebe das Deutschsein wie an ihm die Herkunft aus Oklahoma: „Ich sehe es doch an der Art, wie Sie die Uniform tragen. Das gefällt Ihnen.“

Der Roman hat viele starke Momente, etwa Dialoge mit scharfen Formulierungen oder taktierendem Unterton. Auch einige Situationen von Flucht und Gefangennahmen sind spannend und präzise geschildert. Von heute aus gesehen, fehlt vor allem dem Kriegsschauplatz die erzählerische Farbe; algerische Orte tauchen auf, werden kaum erfahrbar. Schließlich erweist sich Heyms Versuch als allzu überschaubar, die Handlung allgemeinverständlich zu machen, indem er die Vertreter dreier Mächte von derselben Frau fasziniert sein lässt. Der „graziöse Schwung von Hals und Schulter“ und die „lasziven Augen“ der schönen Marguerite Fresneau, die begehrlichen Blicke auf sie wirken etwas altbacken, auch wenn Bernhard Robben, ein äußerst versierter Übersetzer, die deutsche Fassung erstellt hat. Auch befremdet zuweilen die Allwissenheit der Erzählstimme, die sich in die Motive sämtlicher Figuren hineinversetzen kann.

Stefan Heym war sich der Mängel bewusst und hat das Buch nie auf den deutschen Markt gebracht. Dennoch ist der „Flammende Frieden“ eine Entdeckung, die den Autor in einer Frühphase zeigt, als Chronist der Ereignisse seiner Zeit. Es ist der gedruckte Höhepunkt eines editorischen Vorhabens des Verlags C. Bertelsmann zum 20. Todestag Stefan Heyms am 16. Dezember. Nun liegt eine digitale Werkausgabe in 28 Bänden vor, die länger nicht lieferbare Titel wenigstens als E-Book wieder zugänglich macht.

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