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Ray Loriga: „Kapitulation“ - Stark kristallisiert

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Von: Lisa Berins

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In der Durchsichtigen Stadt von Ray Loriga
In der Durchsichtigen Stadt von Ray Loriga © imago stock&people

„Kapitulation“: Eine Dystopie von Ray Loriga

Die Durchsichtige Stadt klingt wie eine Verheißung. Dorthin sollen die Menschen aus den evakuierten Gebieten umgesiedelt werden. Mitnehmen dürfen sie praktisch nichts: je zwei Familienfotos pro Paar, je einmal die Eltern, Fotos von den Kindern. „In der Durchsichtigen Stadt muss fast alles wieder bei null anfangen“, weiß der Ich-Erzähler in Ray Lorigas Roman „Kapitulation“.

Es ist eine düstere, bedrohliche Zeit, ein Leben unter schwersten Bedingungen: Ressourcen, vor allem Wasser, sind dauerknapp, ein nebulöser, vermutlich autokratischer Staat regiert, und seit zehn Jahren wird Krieg geführt; irgendwo, scheinbar weit weg. Warum, gegen wen, das bleibt unklar. Der Erzähler hat gelernt, Dinge nicht laut zu hinterfragen. „Man gehorcht, weil es einem nutzt, und man zweifelt, weil man selber denkt.“ Vor allem den Herren des Wassers muss man gehorchen.

Während die beiden Söhne des Erzählers an der Front kämpfen - oder schon lange tot sind –, ist ein verletzter, stummer Junge aufgetaucht. Der Protagonist und seine Frau haben ihn bei sich auf dem Hof aufgenommen und verstecken ihn seitdem – er könnte illegal dort sein, seine Herkunft ist „ungeklärt“. Als sie in Richtung Durchsichtige Stadt aufbrechen sollen, schmuggeln sie ihn in den Bus. Ihren Hof, ihren gesamten Besitz müssen sie verbrennen.

Das Buch

Ray Loriga: Kapitulation. Roman. A. d. Span. v. Alexander Dobler. Culturbooks. 200 S., 24 Euro.

In der Durchsichtigen Stadt ist für alles gesorgt, vor allem gibt es durch ein Aufbereitungssystem keinen Wassermangel. Allerdings auch keine Privatsphäre: Es ist immer hell, Tag wie Nacht, und alle Wände und Decken sind aus durchsichtigem Polycarbonat, „das auf natürlichem Wege aus reiner Scheiße gewonnen“ wird. Dass es keine unangenehmen Gerüche gibt, liegt wohl an der „Kristallisation“, der sich alle Neuankömmlinge unterziehen.

Mit dem zugewiesenen Job (in der Fäkalienaufbereitung) und neuer Wohnung, in der die dreiköpfige Familie nun lebt, scheint es zunächst „keinen ernsthaften Grund zur Klage“ zu geben. Ohnehin wüsste man auch gar nicht, an wen die Klage richten, denn eine Regierung gibt es scheinbar nicht, stattdessen einen auf Freiwilligkeit beruhenden Konsens der Vielen - man ahnt es: so ganz freiwillig kann das nicht sein.

Langsam beginnt das Zweifeln. Ein Mann drängt sich in die Beziehung mit seiner Frau - doch der Erzähler schafft es nicht, eifersüchtig zu sein. Dass in dieser vermeintlich perfekten Stadt etwas faul ist, wird bei jedem Versuch, sich den Regeln zu widersetzen, offensichtlicher. In dieser in unheimlicher Schwebe gehaltenen Geschichte stellt sich die Frage: Wird sich der eher charakterschwach wirkende Erzähler dem unterschwelligen Druck und den offenen Drohungen beugen? Sie wird am Ende beantwortet. Aber man wünscht, das Schicksal hätte es besser mit ihm gemeint.

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