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Stanislaw Lem im Jahr 2003 in Bielefeld, wo er eine Ehrendoktorwürde entgegennimmt.
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Stanislaw Lem im Jahr 2003 in Bielefeld, wo er eine Ehrendoktorwürde entgegennimmt.

Stanislaw Lem zum Hundertsten

Stanislaw Lem: Das dritte Augenpaar

  • Arno Widmann
    VonArno Widmann
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Zum 100. Geburtstag des Gedankenspielers und Science-Fiction-Autors Stanislaw Lem.

Im Jahre 1983 veröffentlichte Stanislaw Lem den dritten Band seiner „Bibliothek des 21. Jahrhunderts“. Der Titel des Originals war – wenn die Angaben in der deutschen Übersetzung von Friedrich Griese stimmen – „The World as Holocaust“. Im Deutschen hieß das noch im selben Jahr erschienene Buch „Das Katastrophenprinzip“.

Lem entwickelte darin die These, dass im Laufe des 21. Jahrhunderts die Menschheit begreifen werde, dass das Holocaust-Prinzip, die Vernichtung des Lebens, der Weg sei, auf dem Entwicklung stattfinde. Ganze Galaxien, das werde man begreifen, seien fortwährend damit beschäftigt, einander zu verschlingen und zu verschmelzen. In diesem Prozess würden unentwegt Millionen Sonnensysteme zerstört und neu entstehen. „Die Welt wird sich somit nach den wissenschaftlichen Erkenntnissen des kommenden Jahrhunderts als eine Häufung von zufälligen, zugleich schöpferischen und zerstörerischen Katastrophen herausstellen. wobei allerdings nur die Häufung zufällig war, die einzelnen Katastrophen aber den strengen Gesetzen der Physik unterlagen.“ 1986 begann der sogenannte Historikerstreit, an dessen Ende die Einmaligkeit des Holocaust als zentraler bundesrepublikanischer Glaubensartikel festgestellt wurde. Lems Argument von „The World as Holocaust“ spielte in der damaligen Auseinandersetzung keine Rolle.

Soweit ich sehe, ist bis heute kein Buch über die Versuche jüdischer Überlebender erschienen, mit dem Holocaust durch Übertrumpfung fertigzuwerden. Schon im Jahre 1950 hatte Immanuel Velikovsky (1895 – 1979) in seinem Buch „Worlds in Collision“ („Welten im Zusammenstoß“) die Judenvernichtung, also auch die eines Großteils seiner Familie, angesichts der angeblich periodisch vorkommenden kosmischen Zusammenstöße klein geschrieben.

Die Pointe der von Stanislaw Lem beschriebenen galaktischen Vernichtungsvorgänge ist freilich sein Gedanke, dass die anorganischen und die organischen Entwicklungsprozesse sich über Milliarden Jahre hinziehen können, dass aber, sobald die Geschichte ihre technologische Phase erreicht, sie nirgendwo über ein paar Jahrtausende hinausgekommen ist. Der „Zivilisationsbruch“ ist die Zivilisation selbst.

Ein Freund machte mich 1969 auf den am 12. September 1921 in Lemberg geborenen Stanislaw Lem aufmerksam. Er empfahl mir die gerade erschienenen „Robotermärchen“. Mich erreichten sie nicht. Lems erfolgreichster Roman „Solaris“ (übersetzt in mehr als dreißig Sprachen und vielfach verfilmt) war zwar schon 1961 in Polen erschienen, kam aber auf deutsch erst 1972 heraus. In der DDR erst 1983. Ich las die Geschichte vom Planeten, der von einem die Gedanken seiner irdischen Besucher verkörpernden Ozean bedeckt war, als Metapher. Ich kam überhaupt nicht auf die Idee, die Möglichkeit einer radikal anderen Intelligenz ernst zu nehmen. Meinem Freund, der gerade das so interessant an Lem fand, gelang es nicht, mich zu überzeugen. Ich las Lems Geschichte als einen Versuch über das Scheitern menschlicher Kommunikation. So las ich Lem an Lem vorbei.

Lem war damals schon einer der erfolgreichsten Science-Fiction-Autoren der Welt, sein Werk wurde in mehr als vierzig Sprachen übersetzt und erreicht heute eine Auflage von annähernd fünfzig Millionen Exemplaren. Er hatte begeisterte Leserinnen und Leser, weil er gerade kein Soziologe war, weil er die Vorstellung, die menschliche Gesellschaft sei das höchste Gut und der Endpunkt der kosmischen Evolution, aus großer Distanz belächelte. Er dachte nach über andere Arten von Intelligenz und er dachte anders nach als wir gewöhnlichen Intelligenzler. Er spielte mit seinen Gedanken, erfand Geschichten für sie und schickte sie in immer neuen Geschichten durch immer neue Versuchsanordnungen. Mir wurde das erst 1975 klar, als ich „Summa technologiae“ las. In diesem Essay ist die Rede von allerhand Phantastischem, das später zur Realität wurde. „Intellektronik“ nannte Lem damals, was wir heute „künstliche Intelligenz“ nennen. Unsere „virtuelle Realität“ heißt bei Lem gewissermaßen noch alteuropäisch „Phantomatik“.

Lem sprach in dem Buch nicht als Science-Fiction-Autor, sondern als ein Philosoph, der sich Fragen stellt wie „Was dürfen wir von Wissenschaft und Technik erhoffen?“ oder „Gibt es Technologien, die zwar denkbar, aber jetzt und für immer unrealisierbar sind? Läge der Grund dieser Unmöglichkeit in der Struktur der Welt oder in unseren Beschränkungen?“ oder „Ist die Richtung, die wir eingeschlagen haben, etwas Typisches im Kosmos, ist sie die Norm oder ist sie eine Aberration?“

Das waren Stanislaw Lems Fragen 1964. Wir hatten damals noch Heideggers Auslassungen über das „Gestell“ verschlungen. Als dann 1976 die deutsche Übersetzung bei Insel erschien, hatte ich Jürgen Habermas’ 1968 erschienenes Edition-Suhrkamp-Bändchen „Technik und Wissenschaft als ‚Ideologie‘” gelesen und bekam Lems großartiges Buch in den falschen Hals. Er rückte mir zu nahe an die Kritische Theorie, um noch interessant sein zu können. Eine Dummheit auch das. Verpasste Gelegenheiten.

Erst seit das Weltall mich wieder interessiert, seit ich die Überlegungen über es ernst nehme und ich, was über es gesagt wird, nicht mehr als in Wahrheit auf die menschliche Gesellschaft gemünzte Sätze lese, bin ich endlich bei Lem gelandet. Inmitten von Weiten, vor denen ich so lange geflohen war in die Heimeligkeit unseres blauen Planeten.

Inzwischen wissen wir, so entnehme ich der neuesten deutschen Ausgabe von „Solaris“, von 4778 Exoplaneten, die sich auf 3535 Sternensysteme verteilen. So viel zur Frage nach der Einzigartigkeit unserer Erde. Es gibt Wissenschaftler, die heute davon ausgehen, dass es allein in unserer Milchstraße viele Milliarden erdähnliche Planeten in habitablen Bereichen geben könnte.

Lem hatte freilich schon vor fünfzig Jahren darauf hingewiesen, dass mit der bloßen Position eines Planeten wenig gesagt ist. Man muss seine Geschichte kennen, um zu wissen, wozu er taugt. Denn „während die für die Planetenentstehung günstigen Bedingungen innerhalb der Spiralarme eine Galaxie bestehen, herrschen die für die Entstehung und Entwicklung des Lebens erforderlichen Bedingungen in der Leere zwischen den Armen“. Ein Satz, den ich heute, da ich ihn wörtlich nehme, doch wieder nur zu gut und zu gerne auch als Metapher lese.

Kurz vor dem Weltkriegsende kamen die Behörden dahinter, dass Lem gefälschte Papiere hatte. Hitler, schreibt er einmal, habe ihm beigebracht, dass er Jude sei. Lem floh mit seinen Eltern aus Lemberg ins dreihundert Kilometer westlich liegende Krakau. Dort lebte er mit einer kurzen Unterbrechung bis zu seinem Tode am 27. März 2006. Während der kurzen Unterbrechung arbeitete er auch 1983 am Berliner Wissenschaftskolleg. Ich war aus den genannten Gründen zu dumm, seinen Vortrag über „Die Wahrheit der Phantastik – wie ich sie auffasse“ zu besuchen.

Der Suhrkamp-Verlag legt aus Anlass des 100. Geburtstags eine Reihe von Werken Lems neu vor. Leider nicht die Theaterstücke. Der Band „Best of Lem“ bietet auf 527 Seiten ein Potpourri aus Romanen, Erzählungen und Essays des Autors. Unbedingt sollte man daraus lesen aus dem Jahre 1962 den Text: „Lolita oder Stawrogin und Beatrice“, Es geht darin u.a. über den „Kopulationismus“, über die Schwierigkeiten nicht etwa bei der Kopulation, sondern über die unüberwindlichen Probleme, sie zu schildern.

Die Abschnitte darüber zeigen Stanislaw Lem von einer ganz ungewohnten Seite: Er ist unfassbar konventionell. Er schreibt, der „Geschlechtsakt“ müsse „in hermetischer Abgeschlossenheit stattfinden“, sonst habe er immer etwas Anomales. Diese hermetische Abgeschlossenheit gibt es aber nicht, wenn jemand ihn schildert. Selbst wenn es dem Erzähler gelänge, sich herauszuhalten, der Leser sei doch immer dabei. Der Vorgang ist darum nicht darstellbar als das, was er ist. Er verliert als dargestellter seine Intimität. „Die eigentliche Ursache des Scheiterns ist das dritte Augenpaar, jene Augen, die man nicht schließen kann, die Augen des Lesers.“

Kein Wunder, dass der Dichter Lem an anderer Stelle zu der Erkenntnis kommt: das Phänomen selber ist seine beste Darstellung. Man wird am Ende gut daran tun, von der analytischen zur schöpferischen Darstellung überzugehen, „zur praktischen Imitologie“.

Der Lem-Leser hat verstanden: Die zwei, die sich anschauen, gibt es nur in der Wirklichkeit. In der virtuellen Welt ist das dritte Augenpaar immer dabei. In der wirklich wirklichen Welt freilich, weiß der Leser nur zu gut, ist es schwer genug, die von Lem für selbstverständlich angenommene Situation der „hermetischen Abgeschlossenheit“ herzustellen. Sie ist ein spätes Produkt und – jeder Jugendliche weiß das – ein teures Gut.

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