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Die Standuhr ölen

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Auch im digitalen Zeitalter klassisch: Der Blick auf die Uhr, hier: Siegmar Gabriel.
Auch im digitalen Zeitalter klassisch: Der Blick auf die Uhr, hier: Siegmar Gabriel. © dpa

Mit dem Thema „Figurationen der Zeit“ begann das Frankfurter literaTurm-Festival. Es diskutierten Literaturwissenschaftlerin Eva Geulen, Lyriker Michael Krüger und Autor Uwe Tellkamp.

Von Andrea Pollmeier

Auch Literaturfeste können reifen. Vor sieben Jahren fand die Eröffnung des literaTurm-Festivals (bis 27. Mai) noch im rohen Bauwerk des Opernturms statt. „Mörtel knirschte uns damals unter den Schuhen“, erinnert sich Hubert Winkels, der in diesem Jahr erneut die Auftaktdiskussion moderiert – jetzt jedoch im Kaisersaal des Römers. Das Flair des Improvisierten von damals ist einer gediegenen Strenge gewichen. Vor historischer Kulisse diskutierten Literaturwissenschaftlerin Eva Geulen, Lyriker Michael Krüger und Autor Uwe Tellkamp zum angesagten Thema: die „Figurationen der Zeit“.

Zeitenwechsel haben die Mitwirkenden auf je eigene Weise kennengelernt und in ihren Publikationen thematisiert. Die letzten DDR-Jahre hat Uwe Tellkamp in seinem Roman „Der Turm“ aus der Perspektive des Dresdner Bürgertums detailliert nachgezeichnet und hierfür den Deutschen Buchpreis 2008 erhalten. Einen persönlichen Zeiteinschnitt hat Michael Krüger gerade erlebt. Vor wenigen Monaten war er noch Leiter des Hanser- Verlags. Im Gedichtband „Umstellung der Zeit“ setzt er sich mit diesem Wandel auseinander.

Parallele Perspektiven

Eva Geulens Zeitblick ist primär wissenschaftlich geprägt. Die an der Goethe-Universität lehrende Germanistikprofessorin gibt auf die Frage, ob sich literarische Werke eindeutig ihrer Entstehungszeit zuweisen lassen, in dieser Runde die deutlichste Antwort: „Ja“, bestätigt sie. In der Art, Sprache einzusetzen, sei beispielsweise in jedem Werk ein Zeitbezug nachweisbar. Wegen dieser Nähe zu einer historischen Epoche dürfe man jedoch nicht annehmen, dass dieses Werk die Wahrheit über diese Zeit vermittelt. Diese könne sich nur aus der Vielzahl paralleler Perspektiven ergeben. „Wer sich über vergangene Ereignisse vergewissern will, kann das heute mit Hilfe des Internets viel umfassender tun“, so Geulen.

Dennoch mache es Sinn, Jubiläen als Zeitmesssysteme zu nutzen und den Blick verstärkt auf vergangene Ereignisse zu richten. Sein Verständnis für den Ersten Weltkrieg habe sich beispielsweise durch die Publikationen, die anlässlich der 100-jährigen Wiederkehr des Kriegsausbruchs erschienen sind, erheblich verändert, sagt Michael Krüger. Eine Erzählung über die eigene Großmutter könne so allerdings auch, wenn man sie mit der großen Geschichte verbindet, eine riesige Dimension erlangen.

Die Zeit erstarrt und vergreist

Zeit zeigt sich, so Walter Benjamin, immer „an“ etwas. Für Uwe Tellkamp gilt dies vor allem in Bezug auf die Standuhr. Sie ist für ihn nicht nur literarische Metapher, sondern Teil seiner Kindheitserinnerung. Als Kind faszinierte es ihn, wenn die Standuhren in den Häusern der Reihe nach geölt und nachgestellt wurden. Gern zog er mit dem Handwerker von Haus zu Haus und entdeckte so die mit jeder Uhr verbundene Geschichte. „Utopien versuchen die Zeit zu verlangsamen, im Idealfall anzuhalten.“ Dann aber, so Tellkamp, gibt es keine Veränderung, auch keine Revolution. Die Zeit erstarrt und vergreist. „Nicht nur Menschen, auch Gesellschaften können altern.“ Dem Literaturfest möge dieses Schicksal noch eine Weile erspart bleiben.

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