+
Schweigsame und manchmal doch vielsagende Seite der Ahnenforschung.

„Kronos’ Kinder“

Den Stammbaum hinauf

  • schließen

Sergej Lebedews Roman über Geister der deutsch-russischen Geschichte.

Mindestens einmal im Monat fährt der kleine Kirill mit seiner Großmutter hinaus auf den Deutschen Friedhof im Moskauer Stadtteil Lefortowo. Seit der Revolution von 1917 begräbt man dort unabhängig von Konfession und Nationalität, zuvor aber hatte er zwei Jahrhunderte zur Bestattung von Andersgläubigen und Ausländern aller Art gedient. Vielleicht weil das Deutsche in Russland ein Inbegriff des Ausländischen ist, heißt der Friedhof trotz seiner eigentlich weit multikulturelleren Ausrichtung Deutscher Friedhof, und den kleinen Kirill beschleicht dort stets das Gefühl, er betrete feindlichen Boden.

Umso größer ist sein Schock, als eines Tages die Großmutter nicht nur das bislang regelmäßig aufgesuchte Grab mit den wohlvertrauten kyrillischen Buchstaben aufsucht, sondern sich an einem ganz anderen Grabstein zu schaffen macht. Mit einer Metallbürste säubert sie sorgfältig die verwitterten Buchstaben, und siehe da: Es sind tatsächlich deutsche Lettern. „Balthasar Schwerdt“, sagt sie, „das ist dein Urururgroßvater.“

Lina Wesnjanskaja, die Großmutter, hieß, bevor sie ihren russischen Konstantin heiratete, Karolina Schwerdt. Sie trug einen Namen, den man im Großen Vaterländischen Krieg tunlichst ablegte, wenn man eine Chance dazu hatte. Von nun an betrachtet der junge Kirill das Blut, das in seinen Adern pocht, mit gemischten Gefühlen. Ein Viertel Deutscher soll er sein? Und wer waren diese Schwerdts überhaupt? Die Großmutter bleibt stumm, weiß wohl auch wenig. Für den Grabstein des Deutschen hatte der Steinmetz ein aufgeschlagenes Buch gemeißelt. Aber dessen steinerne Seiten sind leer. Kirill wird klar: Dieses Buch über die Schwerdts, das muss er selber schreiben.

Nun liegt es vor. „Kronos’ Kinder“ von Sergej Lebedew ist die Geschichte einer Ahnenforschung. Der 38-jährige Autor stammt teilweise selbst von deutschen Vorfahren ab, etwas von ihnen sei auch in das Buch geflossen, erklärte er in einem Interview. „Kronos’ Kinder“ ist ein wilder Mix aus Recherche und Erfindung, Mythologie und Poesie. Lebedews Alter Ego Kirill, inzwischen zum ausgebildeten Historiker gereift, macht sich auf die Reise, um in den Archiven von Halle, Leipzig und Wittenberg die letzten 200 Jahre seiner Familiengeschichte zusammenzustückeln. Er fährt auch nach Stalingrad, wo sich spätere Vorfahren gegenseitig in die Zielfernrohre genommen hatten, und nach Leningrad, wo einige von ihnen verhungert waren. Und er reist in die Phantasie.

Den Anfang bildet also Balthasar Schwerdt, der in Moskau Begrabene, geboren 1805, Sohn eines berühmten Hallenser Chirurgen. Ihn verschlägt es nach Russland, in die Fänge eines schrulligen Fürsten, an dessen Hof er als Homöopath für das ewige Leben seines neuen Herren forschen muss, stets bedroht, in Ungnade zu fallen, wenn der Fürst von einem neuen Quacksalber beeindruckt ist, einem Blitzheiler etwa, der therapeutische Elektrizität „aus den geschwollenen Zitzen eines Gewitters zapft.“

Sieben Kinder hatte Medicus Balthasar, die ihre Wege durch die verwickelte deutsch-russische Geschichte finden müssen. Einer dieser Pfade endet bei Kirill, der nun die ganze Strecke rückwärts geht. Das hört sich mühsam an, und ist es auch. Nicht alle Ahnen sind so unvergesslich wie Balthasar, manche bleiben blass, der Stammbaum hat morsche Äste, wiederholt ruft der Leser nach mehr Ordnung in dem genealogischen Chaos. Und wird belohnt durch einen breit sich dahinwälzenden Sprachstrom, auf dem irrlichternd schöne Bilder treiben, wuchtige Vergleiche, nie gehörte Metaphern, haarsträubende Geschichten, wie sie in dieser Fülle Menschen zustoßen, die von Geburt an unter Verdacht stehen. „Partielle Menschen“, wie Kirill sie nennt, „Menschen die aus deutschen und russischen Hälften, Vierteln, Achteln“ bestehen. Für sie war der Preis für Fehlleistungen außerordentlich hoch, „denn partielle Menschen sind verletzlicher als ganze, man kann sie leichter zu Dämonen des politischen Bestiariums erklären.“

„Dämonen eines Bestiariums“ – das ist sprachlich vielleicht zu viel des Guten; Sergej Lebedew neigt zur stilistischen Überdosierung. Zusammengehalten wird die teils verwirrende Vielzahl der Einfälle aber durch eine These, die der Autor wiederholt demonstriert: Geschichtsschreibung brauche Einbildungskraft. Dichtung sei die ideale Recherchemethode dort, wo Datenketten abreißen. Findet Kirill eine fehlende Figur seines Puzzles nicht im Archiv, wo die „Ersatzmänner der Geschichte“ hausen, die „Personen zweiten Ranges“, dann erscheint sie ihm wie aus dem Jenseits. Ein Buch wie eine Séance.

Das könnte Sie auch interessieren

Kommentare

Liebe Leserinnen und Leser,

wir bitten um Verständnis, dass es im Unterschied zu vielen anderen Artikeln auf unserem Portal unter diesem Artikel keine Kommentarfunktion gibt. Bei einzelnen Themen behält sich die Redaktion vor, die Kommentarmöglichkeiten einzuschränken.

Die Redaktion