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Ruinen des Rathauses von Cambrai: Hier findet im November 1917 ein Rollentausch statt.

Ersterscheinung vor 100 Jahren

„In Stahlgewittern“ von Ernst Jünger: Schmerzensmann und Haudrauf

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Vor einhundert Jahren erschien Ernst Jüngers „In Stahlgewittern“, ein Versuch, die Träume vom Heldentum zusammenzubringen mit den Erfahrungen des Stellungskrieges.

Im Jahre 1920 erschien „In Stahlgewittern – Aus dem Tagebuch eines Stoßtruppführers“ das erste Mal. Das Buch wurde von seinem Autor Ernst Jünger (1895-1998) bis zur Ausgabe von 1978 immer wieder verändert. 2013 veröffentlichte der Verlag Klett-Cotta, herausgegeben von Helmuth Kiesel, eine zweibändige historisch-kritische Ausgabe, die einen fast mühelosen Vergleich der gedruckten Fassungen unter Berücksichtigung der Korrekturbücher ermöglicht.

Vor mir liegt diese hervorragend kommentierte Ausgabe des ehemaligen Professors für Neuere Deutsche Literatur in Heidelberg. Wie auch die ebenfalls von Kiesel herausgegebenen Bände Jüngers „Kriegstagebuch 1914-1918“ (2010) und „Krieg als inneres Erlebnis“ (2016).

Erinnerungsarbeit ist ein heute gerne gebrauchter Begriff. Er verdeutlicht uns, dass das Gedächtnis nicht einfach ein Depot ist, auf das wir zurückgreifen, um die dort verwahrten Gegenstände, wenn wir sie brauchen, unverändert wieder zu Tage zu fördern. Die Erinnerung verändert die Gegenstände und sie wird von ihnen verändert. Das Gedächtnis ist wie die Raumzeit kein Behälter für die darin sich bewegenden Dinge, sondern konstituiert sich wie diese erst in deren Interaktion.

Davon wird im Folgenden nicht die Rede sein. Bei der Erinnerungsarbeit, mit der wir es hier zu tun haben, handelt es sich um eine sehr viel handgreiflichere Sache. Erinnerungsarbeit ist hier die Arbeit, die ein Autor sich macht, um dem Bild, das er von sich haben möchte, näherzukommen.

Wer das Vorwort der ersten Ausgabe liest, bekommt einen ganz falschen Eindruck von dem Buch, das er dann lesen wird: „Noch wuchtet der Schatten des Ungeheuren über uns.“ Das ist ganz nah dran an der „Menschheitsdämmerung“, der im selben Jahr bei Rowohlt erschienenen „Symphonie jüngster Dichtung“. Kurt Pinthus hatte seine Sammlung expressionistischer Lyrik so genannt.

Das Foto zeigt den Soldaten Ernst Jünger am 30. Juli 1914.

Dem Buch selbst aber geht gerade das Menschheitspathos völlig ab. Es sind kurze Sätze, die fast ausnahmslos von dem berichten, was der „Held“ sieht. Der Krieg spielt darin keine Rolle. Ganz falsch. Es macht gerade den Krieg aus, das ist die entscheidende Erfahrung der Krieger, dass er die meiste Zeit unsichtbar ist. Nicht nur gerät im Laufe des Krieges der Kriegsgrund außer Sicht. Der Feind selbst verschwindet. Mal ist er nicht zu sehen, dann wieder ist er so nah, dass man einander grüßt. In den Schützengräben verschwinden nicht nur die Unterschiede zwischen Offizieren und Mannschaft, sondern auch die zwischen Freund und Feind. Bis letztere dann umso gewaltiger aufbrechen.

Die Fronterfahrung von „In Stahlgewittern“ kommt aus ohne die Ideologie von den besseren Menschen, die auf unserer gegen die schlechteren auf der anderen Seite kämpfen. Es gibt beim Jünger von 1920 keine deutschen Herrenmenschen. Es gibt den Soldaten. Auf beiden Seiten.

Jünger erläutert: „Es ist im Kriege immer mein Ideal gewesen, den Gegner unter Ausschaltung des Hassgefühls nur im Kampfe als solchen zu betrachten, und ihn als Mann seinem Mute entsprechend zu werten....“ 1924 wies Jünger darauf hin, dass zu dieser Haltung gehöre, „dass man sich nicht durch übertriebenes Nationalgefühl blenden lässt.“ Dieser Hinweis verschwand aus den späteren Auflagen.

Soldaten sind Mörder, schrieb Tucholsky 1931. Man versteht den Satz nicht, wenn man „In Stahlgewittern“ nicht vor Augen hat. Vom Morden ist zunächst wenig die Rede in Jüngers „Tagebuch eines Stoßtruppführers“. Umso mehr vom Verwundet-, vom Ermordetwerden. Sein Tagebuch vom Oktober 1915 ist eine „Chronik des Abschnitts C., dieses kleinen, winkligen Stückes der langen Front, in dem wir zu Hause waren, in dem wir längst jeden verwachsenen Stichgraben, jeden verfallenden Unterstand kannten. Um uns ruhten in aufgetürmten Lehmwällen die Leichen gefallener Kameraden, auf jeder Fußbreite Boden hatte sich ein Drama abgespielt, hinter jeder Schulterwehr lauerte das Verhängnis, Tag und Nacht, sich wahllos ein Opfer zu greifen.“ Der Schützengraben wird Heimat.

1934 fügt Jünger diesen Erwägungen hinzu: „Ein beliebter Gegenstand der Unterhaltung war der Bau meines ‚Puffs‘, einer kleinen Schlafkoje, die von dem unterirdischen Verbindungsgang aus in die trockene Kreise getrieben werden sollte als eine Art von Fuchsbau, in dem man selbst den Weltuntergang hätte verträumen können.“ ‚Verträumen‘ – das ist die literarische Zutat, die noch nicht wusste, dass dem ersten ein zweiter Weltkrieg folgen würde.

Da war das Buch bereits ins Spanische, Englische und Französische übersetzt worden, hatte u.a. André Gide und Jorge Luis Borges begeistert. Nicht so sehr als literarische Tat, sondern als ein Dokument der Sachlichkeit. Aber die war selbst eine literarische Entscheidung. Das zu sehen, genügt ein Blick ins Vorwort. Da schrieb Jünger: „Ihre Tage verbrachten sie in den Eingeweiden der Erde, vom Schimmel umwest, gefoltert vom ewigen Uhrwerk fallender Tropfen.“ Wahr erscheint das Buch, weil es demonstrativ auf solchen literarischen Zierart verzichtet. Anerkennung gewann es womöglich aber auch, weil der Autor ihn immer mal wieder durchblitzen lässt.

In seinem Tagebuch notierte der Zwanzigjährige am 17.10.1915: „Heut Nachmittag fand ich in der Nähe der Latrine zwei noch zusammenhängende Finger und Mittelhandknochen. Ich hob sie auf und hatte den geschmackvollen Plan, sie zu einer Zigarrenspitze umarbeiten zu lassen. Jedoch es klebte noch grünlich weißes verwestes Fleisch zwischen den Gelenken, deshalb stand ich von meinem Vorhaben ab.“

„Es macht den Krieg aus, dass er die meiste Zeit unsichtbar ist. Nicht nur gerät der Kriegsgrund außer Sicht. Der Feind verschwindet. Mal ist er nicht zu sehen, dann wieder so nah, dass man einander grüßt.“

Diese Passage hat Jünger nicht in die „Stahlgewitter“ aufgenommen. In keine ihrer Fassungen. Ich habe den Verdacht, dass Jünger darauf verzichtete, sie zu übernehmen, nicht, weil er fürchtete, man könne sie ihm als inhuman ankreiden, sondern weil er wusste, dass sie ein literarischer Einfall war, auf den er womöglich erst beim Schreiben des Tagebuchs gekommen war. In den „Stahlgewittern“ – über weite Strecken ein Text der Neuen Sachlichkeit – wäre die Überlegung weniger ihrer Inhumanität als vielmehr wegen ihrer Gesuchtheit aufgefallen.

„In Stahlgewittern“ schildert zunächst die „Stahlgewitter“, denen Jünger und sein Trupp unterworfen war. Sie sind Opfer. Sie erwehren sich übermächtiger Angreifer. Ihr Heldentum ist das von Duldern. Weit über die Hälfte des Buches ist der Krieger ein Schmerzensmann.

Dann endlich im November 1917 bei der Cambraischlacht findet ein Rollentausch statt: Aus Jüngers Truppe – so viel Goethe muss sein –, die bisher Amboss war, wird endlich ein Hammer. Aus dem Schmerzensmann wird ein Haudrauf. Jetzt gibt es Momente wie aus Heldenchroniken und schon wechselt Ernst Jünger die Tonart: „Man hört so oft die irrige Ansicht, dass der Infanteriekampf zu einer uninteressanten Massenschlächterei herabgesunken ist. Im Gegenteil, heute mehr denn je entscheidet der Einzelne. Das weiß jeder, der sie in ihrem Reich gesehen hat, die Fürsten des Grabens mit den harten, entschlossenen Gesichtern, tollkühn, so sehnig, geschmeidig vor- und zurückspringend, mit scharfen blutdürstigen Augen, Helden, die kein Bericht nennt...“

Jetzt spricht er von seinem Vernichtungstrieb: „In einer Mischung von Gefühlen, hervorgerufen durch Blutdurst, Wut und Alkoholgenuss gingen wir im Schritt auf die feindlichen Linien los... Ich kochte vor einem mir jetzt unbegreiflichen Grimm. Der übermächtige Wunsch zu töten, beflügelte meine Schritte. Die Wut entpresste mir bittere Tränen.“ Jünger vergleicht die im Kampf aufgehetzten Soldaten mit „Werwölfen, die heulend durch die Nacht hetzen, um Blut zu trinken“.

Beim Töten hat die Literatur wieder ihren Auftritt. Da werden Metaphern bemüht. Es wird Stimmung gemacht. Auf ganz konventionelle Weise. Jünger sieht, was er erlebt, mit den Augen, die ihm Homer und der „Rasende Roland“, den er im Tornister mittrug, in den Kopf gesetzt hatten. Den Angriff erfährt er als atavistischen Ausbruch. Den analysiert er nicht mit dem Blick der Neuen Sachlichkeit, sondern lässt sich von ihm davontragen und möchte, dass sein Leser mit ihm sich davontragen lässt.

An anderer Stelle schrieb er 1920: „Davor lag mein Engländer, ein blutjunges Kerlchen, den mein Schuss quer durch den Schädel getroffen hatte. Ein merkwürdiges Gefühl, einem Menschen ins Auge zu sehen, den man selbst getötet.“ Den letzten Satz ersetzt er 1961 durch eine längere Betrachtung: „Er lag da mit entspanntem Gesicht. Ich zwang mich, ihn zu betrachten, ihm ins Auge zu sehen. Nun hieß es nicht mehr: ‚Du oder ich‘. Oft habe ich später an ihn zurückgedacht, und mit den Jahren häufiger. Der Staat, der uns die Verantwortung abnimmt, kann uns nicht von der Trauer befreien, wir müssen sie austragen. Sie reicht tief in die Träume hinab.“

Helmuth Kiesel schreibt in seiner Einleitung zu „Krieg als inneres Erlebnis“, der Sammlung von Jüngers Schriften zum Ersten Weltkrieg, Jünger habe erst 1923 zur Politik gefunden. In der ersten Fassung der „Stahlgewitter“ ist von keiner politischen oder gar nationalen Motivation für die freiwillige Meldung zum Kriegsdienst die Rede. Jünger hatte ja schon 1913 die Schule verlassen und war der Fremdenlegion beigetreten. Er wollte etwas erleben. Karl May hatte in ihm den Traum vom Abenteurer geweckt. Als Jünger statt Abenteuer zu erleben, Kasernendrill ausgeliefert ist, flieht er, wird wieder eingefangen, dann aber vom Vater wieder zurückgeholt in die Schule, vor der ihn der Weltkrieg rettet. Karl May fällt Jünger auch wieder ein, als er sich, den eigenen Schützengraben verlassend, im Juni 1916 an den des Gegners heranschleicht.

Als Abenteurer war Jünger in den Weltkrieg gezogen. Verlassen hat er ihn, mit zwanzig Geschossnarben, höchstdekoriert, als Krieger, als Mitglied einer Grenzen überschreitenden Kaste, die froh war, wenn sie mit anderen Kriegern sich dabei messen konnte, eine sportliche Haltung einzunehmen gegenüber Leben und Tod und also auch gegenüber Töten und Getötetwerden. Politik interessierte ihn nicht.

Kiesel schreibt: „Das änderte sich wohl erst 1923, als das ‚Deutsche Reich‘, wie die politische Bezeichnung für Deutschland immer noch lautete, durch die Hyperinflation, der französisch-belgische Besetzung des Ruhrgebiets, den rheinischen Separatismus und drei Putschversuche (der ‚Schwarzen Reichswehr‘, der Hamburger Kommunisten und der Münchener Nationalsozialisten) nicht nur in erneute und verstärkte Turbulenzen geriet, sondern zu zerbrechen drohte. Unter dem Eindruck dieser Vorgänge begann Jünger sich zu politisieren und wurde zum Mitbegründer jenes ‚neuen‘, ‚soldatischen‘ und ‚revolutionären‘ Nationalismus, der das Deutsche Reich unter Abwendung von den alten Eliten und unter Einbeziehung der großstädtischen Arbeiterschaft zu einem modernen, autoritär geführten Machtstaat aufbauen wollte.“

Im September 1923 veröffentlichte Ernst Jünger im „Völkischen Beobachter“ der NSDAP seinen ersten dezidiert politischen Artikel: „Die echte Revolution hat noch gar nicht stattgefunden, sie marschiert unaufhaltsam heran. Sie ist keine Reaktion, sondern eine wirkliche Revolution mit all ihren Kennzeichen und Äußerungen, ihre Idee ist die völkische, zu bisher nicht gekannter Schärfe geschliffen, ihr Banner ist das Hakenkreuz, ihre Ausdrucksform die Konzentration des Willens in einem einzigen Punkt – die Diktatur! Sie wird ersetzen das Wort durch die Tat, die Tinte durch das Blut, die Phrase durch das Opfer, die Feder durch das Schwert.“ So falsch die Vorstellung ist, Ernst Jünger sei immer der Anhänger einer nationalen Revolution gewesen, so falsch ist die Auffassung, er sei es von nun an immer geblieben.

Die Weimarer Republik war nicht von Anfang an verloren. Sie überstand Putschversuche und Bürgerkrieg. Sie überstand die Hyperinflation und das Jahr 1923. Sie hat sich zermürben, weichklopfen, am Ende zerschreddern lassen. Das ist passiert. Aber es musste nicht passieren. Die Verwandlung einer Republik in eine Diktatur folgt keinem Naturgesetz, es gibt keinen zwangsläufigen Verfassungskreislauf, nach dem der Demokratie die Diktatur folgen muss.

Auch heute melden sich Leute, die sagen, die sogenannte friedliche Revolution 1989 sei keine gewesen und außerdem bedürften wir einer Revolution, um mit den Emanzipationsbewegungen der vergangenen Jahrzehnte endlich Schluss zu machen.

Nichts im Jahre 2020 erinnert an Deutschland 1920. Nichts als das Zerreden der Erfolge und die Freude an düsteren Zukunftsgemälden. Wir haben es weltweit mit einer autoritären Wende zu tun. Diktatoren haben wieder Konjunktur. Wer auf den Tisch haut und laut wird, der hat wieder Bewunderer. Wer so tut, als könne er mit zwei, drei energischen Aktionen alles zurechtrücken, am liebsten „wieder“ zurechtrücken, dem scheinen immer mehr Leute nachzulaufen. Oft selbst die, die es besser wissen.

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