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Yara Lee lässt fünf durch die Welt gondeln.

Literatur

Ständig ist alles im nächsten Moment vorbei

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"Als ob man sich auf hoher See befände": Die in Wien lebende Autorin Yara Lee bezirzt mit einer possierlichen Odyssee.

Ulysses sucht den perfekten Ort zum Sterben und entscheidet sich für Pula in Kroatien. So kann das nicht funktionieren, und es funktioniert auch nicht. In Pula gibt es nicht einmal einen Sandstrand. Stattdessen lernt Ulysses eine erotisierende Frau namens Kirke kennen.

Ulysses’ Vater Lelius war einst der Meinung, er müsse von Columbus abstammen, dafür sprachen „seine Vorliebe für Kartoffelspeisen und seine Liebe zum Meer“. Jedoch gab es keine Beweise. Ulysses’ Mutter Estrela de Mar hatte während der Schwangerschaft „Lust auf Äpfel, und so ging Lelius und pflückte jeden Tag einen Apfel vom Baum des Nachbarn“. Schon werden sie nachhaltig aus dem Paradies vertrieben. Das Paar zieht sich vorläufig aufs Land bei Dresden zurück.

Ulysses’ Tochter Marla wächst als Waisenkind auf, ahnt aber, dass ihr Vater noch lebt. Ein Blitz hat Marlas Mutter, Angiolina, getötet, ein Vorgang, der sich hier in buchstäblichen und sinnbildlichen Varianten wiederholt. Marla lernt James kennen, einen ehrgeizigen und etwas unterkühlten Delfinforscher.

James ist der Enkel von Jill Baker, der ersten Delfinreiterin und wird später der mysteriösen, blonden und imposanten Helen Waters begegnen, auch sie Meeresbiologin aus Leidenschaft, nachher aber Hauptverdächtige wegen eines Anschlags auf Dr. Gewalt, Leiter des Instituts, an dem sie und neuerdings auch James arbeiten. Die meisten Figuren sind auf Reisen. Natürlich geht es über kurz oder lang um die Frage, ob Ulysses und Marla einander jemals begegnen werden.

Mit einem ambitionierten schmalen Buch debütiert die ausgebildete Pianistin Afamia Al-Dayaa als Romanautorin. Wenn sie schreibt, nennt sie sich Yara Lee. 1985 wurde sie in Wolfsburg geboren und hat, wie man liest, syrisch-koreanische Wurzeln. Sie lebt inzwischen in Wien und studiert an der Universität für Angewandte Kunst Sprachkunst.

Werden Ulysses und Marla einander begegnen?

„Als ob man sich auf hoher See befände“ ist also einerseits ein Buch, als ob man sich auf hoher See befände, da alles schwankt und wankt. Oder um es mit Marla zu sagen: „Was ist da doch für ein Weh in der Welt. Ich meine, ist es nicht so, es ist wohl so, als ob man sich auf hoher See befände, die nicht nur gefährlich, sondern auch ein doppelter Boden ist.“ So dass Leserin und Leser, als diese Sätze am Ende fallen, schon darüber nachdenken werden, ob die hohe See ein doppelter Boden ist. Ja, ist sie wohl gewissermaßen.

Andererseits zeigt sich „Als ob man sich auf hoher See befände“ in der Anlage als bezaubernde Odyssee. Zwei Paare und ein einzelner gondeln durch Länder und über drei Generationen. Sie sind nicht direkt pflichtvergessen, aber auch nicht sehr zielorientiert. Außer James vielleicht, dessen Zuneigung zum Meer weniger poetisch als faktengesättigt ist. Mit ihm und Marla wird es wohl auch nicht gut ausgehen.

Während Marla und Ulysses weniger schicksalshaft als zufällig aufeinander zu schlängeln, jedenfalls beide nach Wien kommen, besteht der wesentliche Anteil des Buches aber aus mit zarten Linien verbundenen Szenen und Kabinettstücken. Die Figuren und Yara Lee erproben ihre Sprachkünste, vielleicht ist es das, was man in einem Studium der Sprachkunst erforscht. Sie reden, sie beobachten, sie reflektieren auch regelrecht um die Wette, sie testen Wörter und Wendungen, sie lassen sich nichts durchgehen.

Yara Lee immer an ihrer Seite. Das ist ein riskantes, aber nie langweiliges Vorgehen. Riskant, weil aufgehen muss, was so ehrgeizig angelegt ist, und wenn in der Dämmerung „das Gezwitscher eines morgendlichen Vogels als Relikt der Nacht an ihnen vorbei schrammte“, so stellt sich doch die Frage, ob das Gezwitscher eines morgendlichen Vogels ein Relikt der Nacht sein kann. Diese Frage stellt sich aber nur, weil Yara Lee keinen Satz beiseite lässt, und die meisten sind schön, witzig und lakonisch.

Lelius und Estrela de Mar, Ulysses, Marla und James befinden sich, wie Odysses natürlich – Direktheiten sind Yara Lee gar nicht unangenehm, und warum sollte Ulysses nicht im Sirenen Café einkehren? -, auch auf einer Reise im übertragenen Sinne. Auf einer Sinnsuche, die untragisch erfolglos bleibt, aber in Meditationskurse und zu recht bedrohlichen Alpträumen führt. Auch bekommt man manchmal ein philosophisches Aussehen, wenn man etwas Philosophisches sagt.

Yara Lees Ton bleibt dabei leicht und verspielt und angenehm distanziert. Ihre Figuren sind unverdrossen Kunstfiguren – manchmal erinnern sie an Anne Weber und deren „August“- oder „Kirio“-Personal –, Spielfiguren, die es aber in sich haben. Auch macht gerade das Künstliche sie in einem Roman so besonders einleuchtend und angemessen.

Im Café Sharky kommt es zu Reibereien. „,Ich kann damit leben‘, sagt Marla. ,Ach, wirklich?‘ ,Man kann mit allem leben …‘ ,Nein. Mit allem nicht ...‘ Zeitungsbericht: Kärnten. Dame, von Klapperschlange gebissen, gestorben.“ Manche Passagen sind etwas feuilletonistischer als es Literatur idealerweise ist, aber immerhin sind es feine Feuilletons: „Eine fesche Frau in ganzgelbem, glanzgelbem Kleid und mit überohr-großen Kopfhörern auf dem Kopf. Einer quert gelassen die Straße, das hupende Auto missachtend, schaut lässig weder nach links, noch nach rechts, Hände in den Hosentaschen.

Und einer mit Tretroller, der betretene Tretroller quietscht haarscharf an Marla vorbei. ,Ständig ist alles im nächsten Moment schon vorbei‘, bemerkt Marla. Neben ihr wartet eine mit Kopftuch, aber knallroten Stöckelschuhen. Tauben, paarweise oder in Scharen, trippeln um die Stöckelschuhe herum, eine Taube mit blutroten Augen: alles vorbei. Langsamen Schrittes trippeln zwei alte Damen mit Gehstöcken: auch vorbei. Das Gezwitscher der Vögel: schon vorbei usw.“

Yara Lees Figuren, das Netz aus Anspielungen, in dessen Mitte Zentrum Ulysses und James Joyce stehen, drängen in Richtung einer Bedeutung, die aufs Schönste nicht eingelöst wird. Nein, es hat keine Bewandtnis mit diesem lichten Büchlein, das aber doch auch von Liebe, von Sehnsucht erzählt und so sorgfältig lässig, dass selbst kleine Sentimentalitäten ausschließlich erfreuen. Man lernt auch einiges über Delfine.

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