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Wer kann den öffentlichen Raum prägen? Und was braucht dieser Raum? Die Grünberger Straße in  Berlin im April 2015.
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Wer kann den öffentlichen Raum prägen? Und was braucht dieser Raum? Die Grünberger Straße in Berlin im April 2015.

Stadtplanung

Stadt auf Augenhöhe

Der überfällige Blick auf das „Leben zwischen Häusern“ sollte auf Charakteristika gerichtet sein, der Planer Jan Gehl hat darüber klug geschrieben.

Von Robert Kaltenbrunner

Gemeinsamkeit im urbanen Raum ist nichts, was so ohne weiteres zu haben wäre. Zwar mag jeder Kneipier wissen, wie er sein Café einzurichten hat, um die Besucher anzuziehen, welche er anzulocken wünscht. Funktionieren aber wird das nur, wenn dieses Publikum sich wohlfühlt, eben weil es an diesem Ort sich darstellen und ausleben kann – und schon in Einrichtung und baulicher Gestalt eine entsprechende Anmutung vorfindet. Jede florierende Szenekneipe bietet also praktischen Anschauungsunterricht, wie Raumbild und Gesellschaft zusammengehen.

Allein, mehr als eine mikroskopische Binnenwelt stellt das nicht dar. Jan Gehl hingegen ist es, paradox gesagt, um eine spezifische Verallgemeinerung zu tun – um nicht weniger als das Wechselspiel von Stadtraum und Öffentlichkeit. Der renommierte dänische Stadtplaner hat nun ein bild- und assoziationsreiches Kompendium vorgelegt, in und mit dem er Planungshinweise und Leitlinien für die Gestaltung des Urbanen gibt. Er stützt sich dabei auf Erkenntnisse, die er durch langjährige Untersuchungen von Großstadtsituationen in verschiedenen Ländern gewonnen hat. Indem er selbst Millionenstädte kleinmaßstäblich und im Detail betrachtet, entwickelt er Mittel und Wege, dysfunktionale und unwirtliche Stadtlandschaften entscheidend zu verändern.

Dieser Anspruch ist alles andere als banal. Und auch kein Reservat, das nur Fachleuten zugänglich ist oder sein sollte. Denn Architektur bildet nicht nur Wirklichkeit ab, sondern schafft selbst reale Räume, in denen wir uns verhalten und zu denen wir uns verhalten müssen. Namhafte Philosophen wie John Dewey haben vehement darauf hingewiesen, wie bedeutsam die Erfahrung sinnlich wahrnehmbarer Gestaltungen für den Menschen ist. Oder anders formuliert: Wir als Individuen leben in Abhängigkeit von einer durch andere gestalteten und organisierten gebauten Umwelt. Wir können, von Ausnahmen abgesehen, uns ihr weder entziehen noch sie unmittelbar beeinflussen. Und da sie uns dennoch prägt, uns zwingt, sich irgendwie zu fügen, sind wir gut beraten, wenigstens darüber nachzudenken.

Genau dazu regt Jan Gehl an. Mit „Städte für Menschen“ schreibt er konsequent fort, was er bereits in einem anderen Band, vor über 40 Jahren erstmalig in Dänisch erschienen und mittlerweile in mehr als 50 Sprachen übersetzt, aufbereitet hat. Doch erst vor drei Jahren erschien dieser Klassiker in deutscher Sprache. Dabei betrachtet er das „Leben zwischen Häusern“ als einen potenziell sich selbst verstärkenden Prozess. Wenn jemand eine Aktion starte, so bestehe die hohe Wahrscheinlichkeit, dass andere sich anschließen, sei es als selbst Handelnde oder als Beobachter. Auf diese Weise beeinflussen und stimulieren sich Individuen und Ereignisse gegenseitig. Habe dieser Prozess einmal begonnen, dann sei die Gesamtaktivität meist größer und komplexer als die Summe der ursprünglich involvierten Teilaktivitäten. Im öffentlichen Raum seien ganz ähnliche Muster zu beobachten. Wenn viele Menschen anwesend seien oder etwas vor sich gehe, kämen für gewöhnlich weitere hinzu. Die Aktivitäten stiegen sowohl im Umfang als auch in der Dauer.

Elementare Bedürfnisse

Gehls zentrale These lautet: Es gibt elementare Bedürfnisse für die Gestaltung öffentlicher Räume. Und im Gegensatz zur Architektur, die ebenso wie unser Leben wechselnden Moden und Strömungen unterliegt, bleiben diese Kriterien überraschend konstant. Auch wenn es – angesichts des Umstandes, dass unsere Städte zum allergrößten Teil bereits gebaut sind – oft nur einzelne Interventionen sein können: Sie sollten beispielgebend, auf die Umgebung ausstrahlend, Maßstäbe setzend sein. Zumal es ja beileibe kein singuläres Phänomen ist, dass urbane Umgebungen durch Bauwut, Planungswahnsinn und Immobilienspekulation vielfach an Attraktivität eingebüßt haben.

Wenn er seine Forderungen aufgemacht – „Vorrang für Radfahrer“ etwa, „Städte für Menschen statt für Autos“, oder „Dichte und Nachhaltigkeit“ –, dann mögen sie auf den ersten Blick nicht besonders originell wirken. Aber sie legen die Finger tatsächlich in die Wunde. Und nicht zuletzt dürfte es deren mantraartiger Wiederholung zu verdanken sein, dass es nun vielerorts positive Entwicklungen gibt. Selbst in mittleren Großstädten ist heute angekommen, dass ihre Innenbereiche inzwischen oft austauschbar und konturlos wirken, dass damit jene lokale Identität in Gefahr gerät, die bisher den wesentlichen Ortsbezug für Firmen, Medien, Touristen wie Einheimische bildete: Jene spezifische Erfahrung und Vorstellung nämlich, in einem München eben anders zu leben als in Berlin, in einem Kiel als in Konstanz, weil sich Geschichte, Architektur, Landschaft, Mentalität und Lebensart jeweils unterscheiden. Deshalb wird vom Stadtmarketing heute auch so intensiv darüber nachgedacht, was Städte letztlich unverwechselbar macht, was ihren besonderen Stil, ihre spezifische Farbe, ihre Alleinstellungsmerkmale ausmacht.

Ein urbanes "Wir" ist gefragt

Denn in spätmodernen Zeiten und in globalen Kontexten scheint dies besonders wertvoll: die Betonung und Pflege der eigenen Charakteristika, die in die Stadt regelrecht eingeschrieben sind, die auch ihren Bewohnern Züge eines „Local Spirit“ verleihen und die sie dadurch als ein urbanes „Wir“ erscheinen lassen.

Sich mit dem lebensweltlichen Aspekt des Urbanen zu befassen; anzuerkennen, wie bedeutsam die Frage der diskriminierungsfreien Aufenthaltsqualität ist; darüber nachzudenken, wie das Potenzial der Straße als sozialer Raum gehoben, wie die Sicherheit von Fußgängern und Radfahrern gestärkt werden kann; ein Gespür zu vermitteln von sinnlichen Anreizen, die sich in Bodenbelägen wie in angrenzenden Gebäuden finden können: Das alles ist so anregend wie werthaltig.

Seinem Selbstverständnis nach ist Jan Gehl freilich eher Akteur denn Autor. Was der Stadtplaner in Sachen Reurbanisierung – etwa am Times Square in New York –, haptisch geschaffen hat, dürfte beredeter sein als jedes Buch. Es macht aber auch plausibel, warum er als Ausgangspunkt und zentrale Komponente den öffentlichen Raum der Straßen und Plätze fokussiert, also die Überlagerung von technischen Infrastruktur-Bausteinen einerseits und stadträumlichen Elementen andererseits. Und gerade weil es ihm um konkrete Umsetzung zu tun ist, kann man nachvollziehen, dass er nicht gleich die große Keule der Revolution schwingt, dass er die Frage nach Machtverhältnissen und Konfliktpotenzialen nicht in den Vordergrund stellt.

Was er zu sagen hat, gleicht dennoch einem Manifest. Und das richtet sich gegen die unbe-dachte Modernisierung der Städte, die Ideologien folgt, jedoch bei all den neuen Erkenntnissen über zeitgemäßes Wohnen die Bewohner vergisst. Architektur und Planung, das wird deutlich, haben nicht nur einen Auftrag, sondern auch Verantwortung. Die muss auch eingelöst werden.

Jan Gehl: Städte für Menschen. Jovis Verlag 2015. 304 S., 32 Euro.

Jan Gehl: Leben zwischen Häusern. Konzepte für den öffentlichen Raum. Jovis Verlag. 200 S., 28 Euro.

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