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Stachel im Fleisch

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Leo Tolstoi und seine Frau Sofja, circa 1906.
Leo Tolstoi und seine Frau Sofja, circa 1906. © Getty Images

"Eine Frage der Schuld": Sofja Tolstaja rettete schreibend ihre Ehre.

Von RENATE WIGGERSHAUS

Die großen Meisterwerke "Krieg und Frieden" und "Anna Karenina" machten den russischen adligen Gutsbesitzer Leo Tolstoi hochberühmt. Zu diesem literarischen Ruhm kam seit den 1880er Jahren der eines mit sich und der Welt ins Gericht gehenden und um einen christlichen Lebenswandel ringenden Moralisten und Weltflüchtigen. Die 1891 publizierte Erzählung "Die Kreutzersonate" bot ein für den "bekehrten" Tolstoi charakteristisches Paradox: Kunst als Anklage gegen die Unmoral der Kunst. Doch die "Kreutzersonate" war noch in anderer Hinsicht paradox.

Deren Protagonist, ein zunächst verschlossen und schweigsam wirkender alter Kaufmann, legt während einer Eisenbahnfahrt vor Mitreisenden eine Art Lebensbeichte ab. Sie gipfelt in dem Bekenntnis, aus wahnhafter Eifersucht die eigene vermeintlich untreue Frau ermordet zu haben. Doch er bedauert nicht die schreckliche Tat, sondern den Umstand, dass er diese Frau, die ihn zur "bösartigsten" aller Leidenschaften, der "fleischlichen Liebe" verführt habe, überhaupt geheiratet hat. Nur in der Theorie, so sinniert er, sei die Liebe etwas "Ideales, Erhabenes"; in der Praxis aber "etwas Gemeines, Schweinisches", das "Scham und Ekel" verursache.

Diese Erzählung, so notierte Tolstojs Frau Anfang 1891 in ihr Tagebuch, "hat mich vor den Augen der ganzen Welt verletzt und die letzten Reste von Liebe zwischen uns zerstört". Es erzürnte sie, dass ihr moralisierender Ehemann in seinen Schriften Enthaltsamkeit predigte, zuhause aber seine sexuellen Leidenschaften auslebte. Nach einem Leben in ehelicher Treue, nach sechzehn Schwangerschaften und nachdem sie dreizehn Kindern das Leben geschenkt hatte, traf sie dieses Buch ins Herz. Sie wollte sich wehren. Sie habe anlässlich der "Kreutzersonate", berichtet sie in ihrer Autobiographie "einen kurzen Roman aus der Perspektive der Frau" verfasst, ihn jedoch nicht veröffentlicht. Erst lange nach ihrem Tod, 1994, wurde er in Russland publiziert. Und nun, über ein Jahrhundert nach seiner Niederschrift, ist er zusammen mit der kürzeren der beiden von Sofja Tolstaja verfassten Autobiographien und einem informativen Nachwort erstmals auf deutsch erschienen.

Tolstajas Roman beginnt heiter. Ein klarer Sommertag; zwei junge Mädchen laufen barfuß durchs taufrische Gas, das Handtuch über die Schulter geworfen, das Haar aufgelöst. Unbekümmert und fröhlich erreichen sie die Terrasse ihres Hauses, als sie auf Besuch stoßen: Fürst Prosorski, ein alter Freund der Familie, der einige Jahre auf Reisen im Ausland war, blickt den schönen, unbeschwerten Mädchen, die er zuletzt als Kinder gesehen hatte, staunend entgegen. In ihm regt sich der Wunsch, eine von ihnen zu besitzen. Der 35jährige hält um die Hand der jüngeren der beiden Schwestern, der 17jährigen Anna, an. Und er dringt - wie einst Tolstoj - auf eine rasche Hochzeit. Das Mädchen, das den eleganten, weltläufigen, vermögenden Gutsbesitzer schwärmerisch bewundert, erfüllt bereitwillig alle seine Wünsche, fügt sich seinem leidenschaftlichen sexuellen Verlangen, hilft bei der Verwaltung des Gutes und kopiert seine Manuskripte.

Mit subtiler Ironie macht die Autorin deutlich, wie wenig der Fürst zur Anteilnahme am Leben seiner Frau fähig und bereit ist. Als er vom Dienstmädchen erfährt, dass Anna mit ihrem ersten Kind niederkommt, ist sein erster Gedanke, ob er nicht dem lästigen Dabeisein entgehen könnte. Schmerzlich empfindet die junge Frau die Ignoranz ihres Mannes gegenüber ihren geistigen und materiellen Bedürfnissen. Als junges Mädchen hatte sie gemalt, musiziert, sich in die Schriften von Feuerbach und Shakespeare vertieft. Und nun hat sie kein eigenes Leben mehr.

In dieser Situation kehrt der lungenkranke Freund des Fürsten aus Algier zurück, wo er auf Genesung gehofft hatte. Ihn zeichnet all das aus, was Anna bei ihrem Mann vermisst: Herzenswärme, Anteilnahme an ihrem wie am Schicksal der Kinder, Interesse an Gesprächen über Kunst und Philosophie. Obgleich die sich nun entwickelnde gegenseitige Liebe keusch bleibt, erfasst den stets misstrauischen Fürsten rasende Eifersucht und treibt ihn zum äußersten.

Auf den ersten Blick erscheinen die Figuren dieses tragisch endenden Romans recht holzschnittartig gezeichnet: zu "rein" erscheint die unglückliche Heldin, zu edel der platonische Liebhaber, zu tyrannisch der selbstherrliche Gatte. Doch gerade die Zuspitzung der Charaktere bewirkt, dass der Roman mehr ist als eine private Zurechtrückung. In dem vom Realismus und dem Zeitgeist des 19. Jahrhunderts geprägten fiktiven Geschehen werden all jene Schwierigkeiten sichtbar, mit denen junge Frauen konfrontiert waren, wenn sie nach geistiger und sozialer Eigenständigkeit und individuellem Glück strebten.

So ist dies bewegende Dokument, das im Unterschied zur "Kreutzersonate" die Beantwortung der "Frage der Schuld" den Lesern überlässt, zugleich ein Stück noch heute bewegender Literatur.

Sofja Tolstaja: Eine Frage der Schuld. Aus dem Russischen übersetzt von Alfred Frank und Ursula Keller. Manesse Verlag, Zürich 2008, 315 S., 19,90 Euro.

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