In "staatsgefährdender" Absicht

Betriebsrat, Häuptling, Fabrikarbeiter: Postum erscheint nun die Autobiographie von Willi Hoss

Von MARKUS MOHR

Walter Ulbricht hielt für seinen Kurs Referate. Der junge Josef Fischer verteilte Flugblätter für seine Gruppe. Herbert Wehner regte sich über ihn während eines SPD-Bundesparteitages auf. Helmut Kohl musste ihm erklären, wie man verdeckte Flick-Spendengelder in die Jackentasche stopft. Von Antje Vollmer wurden ihm wichtige, für beide bestimmte Informationen vorenthalten, und ein Indianerstamm im brasilianischen Urwald wählte ihn zu seinem Häuptling. Die Rede ist von dem Fabrikarbeiter Willi Hoss, der im Februar 2003 im Alter von 73 Jahren in Stuttgart verstarb und von dem nun postum eine Autobiographie veröffentlicht worden ist.

Der aus einem katholisch-evangelischen Elternhaus aus dem niederländisch-westfälischen Grenzgebiet kommende Hoss erzählt in vier Kapiteln seine Lebensgeschichte. Unter dem Eindruck des Zweiten Weltkrieges entschließt sich der Hitlerjunge dazu, für ein Vierteljahrhundert zu einem engagierten Parteikommunisten zu werden. Erfolgreich absolviert er einen zweijährigen Kurs als Parteihochschüler der SED, um danach in die Wirren der KPD-Verfolgungen zu geraten, die in der zweiten Hälfte der 50er Jahre in der Bundesrepublik stattfanden. Sie brachten ihm fünfzehn Hausdurchsuchungen und im Sommer des Jahres 1961 eine Verurteilung zu neun Monaten Gefängnis auf Bewährung ein - aufgrund einer "in staatsgefährdender Absicht begangenen Geheimbündelei" für seine Partei.

Arbeiter bei Daimler-Benz

Mit dem Vorsatz, "dass ich als Kommunist in die Fabrik gehörte" nimmt Hoss eine Arbeit als Fabrikarbeiter bei Daimler-Benz in Stuttgart auf, eine beständig politisch aufgeladene und widerspruchsvolle Verbindung, die bis zu seinem Tod nicht mehr abreißen wird. Unter dem Eindruck des Prager Frühlings sowie der 68er Revolte löst sich Hoss jedoch zunehmend vom orthodoxen Kommunismus. Das trägt ihm 1970 aufgrund seiner Verbindungen "zu direkt antikommunistischen Gruppierungen" einen Parteiausschluss ein.

In den späten Nach-68er-Aufbruchsjahren der Bonner Republik betätigt sich Hoss in der multinational zusammen gesetzten Gruppe "Plakat" gegen immobil gewordene Betriebsrats- und Gewerkschaftsstrukturen als undogmatischer Betriebsrat. Das bringt Willi Hoss zunächst bundesweite Prominenz ein, und die Daimler-Belegschaft belohnt das Engagement im Laufe der Zeit mit Wahlergebnissen bis zu vierzig Prozent. Zugleich gerät Hoss aber zu einer anhaltenden Provokation für die IG Metall, die ihn für lange Zeit aus ihren Reihen verstößt.

Im Jahre 1978 gehört Hoss schließlich zu denjenigen, die sich im Gründungsprozess der Grünen Partei engagieren. Dieses Wirken sollte ihn schließlich in den 80ern für sechs Jahre zum Bundestagsabgeordneten befördern. Parteiübliche Intrigen verhindern aber seine erneute Aufstellung auf einem aussichtsreichen Listenplatz für die Bundestagswahlen im Jahre 1990. Kurz nachdem Hoss wieder in die Reihen der IG Metall zurückkehren kann, beginnt sein letzter Lebensabschnitt. Er führt ihn als Entwicklungshelfer in den brasilianischen Urwald, wo er mit Indianern gemeinsam an der Einrichtung von Solarlampen und Trinkwasserbrunnen arbeitet und mit dem Daimler-Benz-Management Kooperationsprojekte anleiert.

Als sich die Grünen im November 2001 entscheiden, sich am Afghanistan-Krieg zu beteiligen, verlässt Hoss die Partei. Am Ende seines Lebens, für das er mit einer Ehrenprofessur und einem Bundesverdienstkreuz belohnt wird, verbindet Hoss seine Hoffnungen mit der Antiglobalisierungsbewegung und wird Mitglied bei Attac.

Spiegel deutscher Sozialgeschichte

Peter Kammerer stellte die Autobiographie auf der Grundlage längerer transkribierter und von Hoss autorisierter Gespräche zusammen. Kammerer bedauert im Vorwort, dass der plötzliche Tod seines Freundes die Reflexion über ein paar weitere Fragen verhinderte, so zum Beispiel eine Bilanz über sein politisch letztlich misslungenes Engagement bei den Grünen.

Dem ist zuzustimmen. In der Autobiographie, die im Klappentext überraschenderweise als "Erfolgsgeschichte" eines Linken in Deutschland annonciert wird, spiegelt sich der Teil der bundesrepublikanischen Sozialgeschichte, der sich mit den Widersprüchen zu den herrschenden Verhältnissen verbunden weiß. Und zu diesem gehören mindestens die von Hoss selbst verkörperten intellektuellen wie praktischen Ambivalenzen: das Changieren zwischen den unterschiedlichen Franktionen der politischen Linken, irgendwo im Grenzgebiet zwischen der sozialen Frage und den ökologischen Herausforderungen.

Vielleicht geben die instruktiv erzählten Erinnerungen von Willi Hoss den Anstoß für eine wissenschaftliche Biographie, die noch geschrieben werden muss: über das ungewöhnliche Leben des bis an sein Lebensende neugierigen, aktivistischen und in jeder Hinsicht uneitlen Fabrikarbeiters.

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