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Autor Patrice Nganang.

Kamerun

Der Staatschef ist beleidigt

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Der an der Frankfurter Johann Wolfgang Goethe- und der Berliner Humboldt-Universität ausgebildete kamerunische Autor Patrice Nganang kritisiert die Regierung und wird festgenommen.

Mit seiner schriftstellerischen Tätigkeit wolle er seine Geburtsstadt Yaoundé in eine Bücherei verwandeln, schreibt der kamerunische Literat Patrice Nganang: „In der die Stimmen, die Gerüche, der Geschmack und die Sprachen seiner Einwohner, der Tiere und Pflanzen aufbewahrt sind“. Nun kann – oder besser: muss – der Schriftsteller einen ihm bislang noch unbekannten Winkel seiner Hauptstadt ergründen: den Kerker in der „Délégation générale à la Sûreté nationale“.

Der an der Frankfurter Johann Wolfgang Goethe- und der Berliner Humboldt-Universität ausgebildete Literat wurde am vergangenen Donnerstag von Polizisten in Yaoundé aus dem Flugzeug gezogen: Man warf ihm vor, den Präsidenten Paul Biya beleidigt zu haben. Tatsächlich war Nganang, derzeit Professor an der New Yorker Stony Brook Universität, zuvor zwei Wochen lang durch den Westen seines Heimatlandes gereist, wo die englischsprachige Bevölkerung gegen die Dominanz der französischsprachigen Zentralregierung aufbegehrt – und derzeit noch mit Waffengewalt niedergehalten wird.

Nganang, der selbst Französisch, Englisch, Deutsch und seine Muttersprache Medumba spricht, war über das, was er sah, bestürzt: In einem Beitrag für das „Jeune Afrique“-Magazin geißelte er „die Offensive“ der Biya-Regierung und die Vertreibung ganzer Dörfer, um militärische Operationsgebiete zu schaffen. Die brutale Reaktion der Zentralregierung auf die Beschwerden der englischsprachigen Bevölkerung lässt Nganang schließen: „Nur eine Veränderung an der Spitze des Staates kann den anglophonen Konflikt in Kamerun lösen.“

Dieser Satz muss es gewesen sein, der die Polizei zum Handeln veranlasste: Andere „Beleidigungen“ des Staatsoberhaupts sind in seinem „Jeune Afrique“-Text nicht zu finden. Gestern hat die Staatsanwaltschaft noch einmal eine zweitägige Haftverlängerung durchgesetzt, bevor Patrice Nganang endlich dem Untersuchungsrichter vorgeführt wird. Statt wegen „Beleidigung“ will die Staatsanwaltschaft nun wegen „Bedrohung des Staatsoberhaupts“ Anklage erheben.

Obwohl der 47-jährige Literat seit Jahrzehnten im Ausland lebt – erst in Deutschland und dann in den USA –, ist er in seiner Heimat kein Unbekannter: Er hat die Kameruner Aktivistengruppe „Generationen-Wechsel“ mitgegründet. Sie fordert unter anderem den Abtritt des seit 35 Jahren regierenden Biya: Doch der 84-jährige Präsident will sich im nächsten Jahr wiederwählen lassen, auch wenn es in seinem Staat an allen Ecken und Enden brennt.

Jetzt sieht sich Biya noch mit einem weiteren Problem konfrontiert: Aus aller Welt haben Akademiker, Schriftsteller und Organisationen bereits die sofortige Freilassung Nganangs gefordert. Was dem Literaturwissenschaftler, der seine Frankfurter Doktorarbeit mit summa cum laude abschloss, außerdem helfen könnte: Er hat neben seinem Kameruner auch einen US-Pass. Womöglich haben sich Biyas Schächer mit Patrice Nganang doch ein wenig verhoben.

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