Wie der Staat der Kirche dient

Gerhard Czermaks Religions-Lexikon enthüllt die Langlebigkeit alter Privilegien

Von Ingrid Matthäus-Maier

Als eine der beiden Autorinnen des "FDP-Kirchenpapiers" von 1974 war ich nach 22 Jahren Beschäftigung mit Finanzpolitik im Bundestag und neun Jahren im Vorstand der KfW gespannt zu sehen, wie sich das Verhältnis Kirche - Staat - Religion in dieser Zeit entwickelt hat. Fundgrube dafür ist das Buch von Gerhard Czermak Religion und Weltanschauung in Gesellschaft und Recht. Ein Lexikon für Praxis und Wissenschaft. Liest man die Stichworte nach, muss man irritiert feststellen, dass sich trotz der weltanschaulich-religiösen Neutralität unserer Verfassung an dem politischen Einfluss und den Privilegien der beiden großen Kirchen praktisch nichts geändert hat - und das, obwohl heute ein Drittel der Bevölkerung konfessionsfrei ist und viele der Privilegien auch innerhalb der Kirchen umstritten sind. Einige Beispiele:

Staatsleistungen an die Kirchen: Trotz allerhöchster Staatsverschuldung verstößt die Politik gegen das seit 90 (!) Jahren bestehende Verfassungsgebot (Artikel 138 Weimarer Reichsverfassung in Verbindung mit Grundgesetz-Artikel 140), die Staatsleistungen etwa für die Besoldung von Bischöfen abzulösen, die den Kirchen für Enteignungen im Jahr 1803 (!) zugesprochen wurden. Die mangelnde weltanschaulich-religiöse Neutralität des Staats zeigt sich besonders deutlich darin, dass das Bundesverfassungsgericht zwar die ebenfalls 90 Jahre alte Verfassungsklausel über den Schutz des Sonntags zugunsten der Kirchen anwendet, während der Artikel zulasten der Kirchen von den Verfassungsorganen bewusst negiert wird.

Kirchensteuer: Nach der Verfassung sind die Kirchen berechtigt, aufgrund der bürgerlichen Steuerlisten Steuern zu erheben. Von einem Kirchensteuereinzug durch den Staat über die Arbeitgeber steht da nichts. Geradezu das Musterbeispiel einer Privilegierung.

Theologische Fakultäten: Vor einigen Wochen erst musste das Land Nordrhein-Westfalen den Dekan der katholisch-theologischen Fakultät der Universität Bonn abberufen, weil dieser geheiratet hatte. Bei sogenannten "Konkordatslehrstühlen" mischt die Kirche sogar bei der Besetzung von Philosophielehrstühlen mit.

Kirchenaustritt: Dieser wird bewusst dadurch erschwert, dass man persönlich beim Amtsgericht oder Standesamt erscheinen und eine Gebühr bezahlen muss. Aus jedem anderen Verband kann man schriftlich austreten.

Reichskonkordat vom 20. 7. 1933 (!) zwischen Hitler und dem Vatikan, das eine Grundlage für viele der Privilegien der katholischen Kirche bis heute bildet.

Bei allen Stichworten informiert das Buch umfassend, zum Beispiel über Religions- versus Ethikunterricht inklusive der Auseinandersetzung um "ProReli" in Berlin. Beim Stichwort Kreuz im Klassenzimmer liefert es ausführliche Hinweise auf das Bundesverfassungsgerichtsurteil von 1995, das die staatliche Neutralität in Religionsfragen bekräftigte.

Neutralität ist überhaupt der wiederkehrende Begriff in Czermaks "kritikfreundlichen" Ausführungen, die trotz eigenem säkularen Standpunkt widerstreitende Auffassungen und juristische Kontroversen mit Mehrheits- und Minderheitenmeinung fair benennen. Darin liegt auch die Kraft der Texte, sie erörtern die verschiedenen gesellschaftlichen und politischen Kontexte.

Auf die Inhalte detaillierter einzugehen, verbietet sich angesichts der Fülle der Stichworte. Stichproben, was inhaltlich fehlen würde, kommen zu keinem negativen Befund. In der Tat ist der Begriff eines "Lexikons" zutreffend. Neben den klassischen rechtspolitischen Themen von Staat und Kirche sind Stichworte vorhanden wie Islam allgemein mit weiteren Artikeln zu Islam und Frauen, Islam und Menschenrechten, zum islamischen Religionsunterricht und Kopftuch. Ebenso wenig fehlt es an Artikeln zum Humanismus, zur Säkularisierung, zum Judentum, den Zeugen Jehovas, den Konfessionslosen und den entsprechenden Organisationen und Initiativen.

Czermak wendet sich an ein breites Publikum, an Lehrerinnen und Lehrer, an Journalistinnen und Journalisten, an Schülereltern und Weiterbildner. Mit seinen verständlich geschriebenen Texten, den einschlägigen Gerichtsurteilen und der weiterführenden Literatur ist der Band sowohl für den "Einsteiger" in diese Thematik sehr geeignet als auch wegen der Darstellungsbreite für den "Spezialisten" ein Gewinn.

Das könnte Sie auch interessieren

Kommentare