Heinrich Steinfest

Auf der Spur einer Tulpenblüte

Cheng reist diesmal nach Island und besteigt dort einen Berg.
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Cheng reist diesmal nach Island und besteigt dort einen Berg.
Piper
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Heinrich Steinfest: Der schlaflose Cheng. Sein neuer Fall. Piper, München 2019. 316 S., 16 Euro.
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Heinrich Steinfest lässt seinen einarmigen Detektiv noch einmal ein Rätsel lösen: „Der schlaflose Cheng“.

Er war ja im Grunde mehr ein Detektiv des Gefühls. Anstatt geregelte Wege zu beschreiten, folgte er gerne merkwürdigen Zeichen.“ Die Rede ist hier von Cheng, Markus Cheng, dem österreichischen Wenig-Chinesen – oder jedenfalls will er mit China und chinesischen Dingen nichts zu tun haben. Sein Hund Lauscher ist mittlerweile tot, aber aufmerksame Menschen sehen das Tier hin und wieder noch zu seinen Füßen liegen. Weiterhin verweigert Cheng eine Prothese und bleibt einarmig. Weiterhin betreibt er zu Beginn von „Der schlaflose Cheng“ eine Detektei in Wien – wie er es bereits in vier anderen Romanen des Österreichers Heinrich Steinfest tat, zuletzt im Jahr 2010.

Und die merkwürdigen Zeichen, denen der Detektiv folgt? Dazu gehört in diesem Fall eine weiße, ausgefranste Tulpenblüte, die Züchtung heißt „White Parrot“, weißer Papagei. Dazu gehört ein Zusammentreffen in einem Hotel in Palma – oh ja, Cheng macht Urlaub! – mit der Synchronstimme eines englischen Weltstars. Beziehungsweise natürlich nicht nur mit der Stimme, sondern dem Eigentümer dieser so markanten wie männlich-betörenden Stimme, Peter Polnitz.

Heinrich Steinfest: Der schlaflose Cheng. Sein neuer Fall. Piper, München 2019. 316 S., 16 Euro.

Wieder in Wien, bekommt Cheng mit – und interessiert sich nicht wirklich dafür – dass Polnitz bei einem Zusammentreffen mit dem berühmten Schauspieler, dem allerersten Zusammentreffen der beiden, diesen ermordet haben soll. Aber warum sollte er das tun? Cheng ist das mehr oder weniger egal, bis Polnitz’ Tochter zu ihm kommt, auf dass er Beweise für die Unschuld ihres Vaters finde. So weit folgt Heinrich Steinfests neuer Fall für Markus Cheng den üblichen Detektivroman-Gepflogenheiten.

Steinfest steht insofern in der österreichischen Krimitradition, als er Scherzen und Wortspielen nicht aus dem Weg geht. Aber er forciert den von Wolf Haas so furios entwickelten Ton auch nicht, neigt eher dem Ironischen, Lebensphilosophischen, manchmal überraschend Zarten und Poetischen zu. Er fordert seine Leser heraus, ob sie wohl die eine oder andere literarische Anspielung verstehen. In „Der schlaflose Cheng“ kommt es zu einer James-Bond- und irgendwie auch Sherlock-Holmes-artigen Szene, die dann freilich auf friedlich Cheng’sche Weise weitergeht.

Die besondere Frau Wolf

„Wissen Sie“, lässt Steinfest Cheng an einer Stelle Polnitz fragen, „was Chesterton über den Wert der Detektivgeschichte gesagt hat? Dass sie die bis jetzt einzige Form volkstümlicher Literatur ist, in welcher sich ein gewisser Sinn für den poetischen Gehalt des modernen Lebens ausdrückt.“ Das ist es auch, was der Schriftsteller dann selbst in seinen Kriminalromanen exerziert, zum Beispiel, wenn er die Beziehung Chengs zu seiner besonderen Vorzimmerdame Frau Wolf beschreibt oder von der famosen Pianistin Margot erzählt, die einmal ein Mann war und nun eine Diva ist. Die 33 000 Gene des Tintenfischs haben ebenso ihren Platz im neuen Roman wie der schöne Satz: „Manchmal ist die Realität ein Segen.“

Fotografien und Tulpenblüte und sonst was führen Cheng schließlich nach Island, wo er mit einem isländischen Polizisten, der eigentlich Schweizer ist und Henzli heißt, über Stock und Stein stapft. Kurios entwickelt sich die Handlung, das ist bei Steinfest nicht anders zu erwarten, aber doch auch menschlich. Und nicht sehr gruselig, denn der Österreicher ist keiner, der auf blutige Lesewerte setzt. Mit seinem einarmigen Detektiv und dessen Geisterhund blickt er eher milde auf Irrungen, Wirrungen und eben auch mal einen veritablen Mord. Und wenn Frau Wolf sagt, sie werde Cheng notfalls in Island suchen, dann meint sie das so.

„Es wird viel geschaut in dieser Welt“, auch das ist ein Satz aus dem „schlaflosen Cheng“. Steinfest schaut und schreibt es mit Zuneigung zum Menschen auf.

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