Bitte deaktivieren Sie Ihren Ad-Blocker

Für die Finanzierung unseres journalistischen Angebots sind wir auf die Anzeigen unserer Werbepartner angewiesen.

Klicken Sie oben rechts in Ihren Browser auf den Button Ihres Ad-Blockers und deaktivieren Sie die Werbeblockierung für FR.de. Danach lesen Sie FR.de gratis mit Werbung.

Lesen Sie wie gewohnt mit aktiviertem Ad-Blocker auf FR.de
  • Zum Start nur 0,99€ monatlich
  • Zugang zu allen Berichten und Artikeln
  • Ihr Beitrag für unabhängigen Journalismus
  • Jederzeit kündbar

Sie haben das Produkt bereits gekauft und sehen dieses Banner trotzdem? Bitte aktualisieren Sie die Seite oder loggen sich aus und wieder ein.

Sprung vom Einer

Sándor Márai erzählt von einer Ménage à trois mit einer Toten

Von KATHARINA NARBUTOVIC

Geht eine Zeit zu Ende, liegt ein Geruch von Gärung in der Luft - ganz wie im Spätsommer, wenn die Früchte überreif sind und alles ins Süßlich-Faulige kippt, bevor die frischen Winde des Herbstes einziehen. So auch in einem Land, das an der Schwelle zu einer neuen Ära steht: Die alten Kräfte sind noch am Wirken und scheinen stärker denn je, doch das Neue bahnt sich bereits seinen Weg. Und das ist vielleicht auch das Interessanteste an Sándor Márais Roman Die Nacht vor der Scheidung, der ansonsten nicht zu den großen Büchern des Autors gehört: Das genaue Porträt der ungarischen Gesellschaft in der Übergangsphase der Zwischenkriegszeit, das Márai anhand der Geschichte zweier ehemaliger Klassenkameraden zeichnet, in deren Denken und Fühlen sich der Geist der Zeit zwischen k.u.k.-Monarchie und Moderne manifestiert, und das der Autor von den übergeordneten gesellschaftlichen und politischen Zusammenhängen ins Private holt, indem er den Zerfall der alten Ordnung im Auseinanderbrechen der Institution Ehe spiegelt. Das Schicksal der beiden dabei auf überzeugende Weise miteinander zu verbinden, ist Sándor Márai mit diesem Buch nicht gelungen.

Christoph Kömüves, aus dessen Perspektive der Roman erzählt wird, ist Richter in Budapest und Repräsentant der alten Ordnung. Er ist ein Mensch, der sich von Pflichtbewusstsein und Verantwortungsgefühl für die Gemeinschaft leiten lässt und der nach einem geregelten, gottgefälligen Leben strebt. Zweifel an seiner Weltanschauung kommen ihm selten, nur die wiederkehrenden Schwindelanfälle deuten an, in was für ein enges Korsett er sein Leben gepresst hat. Nun soll Kömüves ausgerechnet seinen früheren Klassenkameraden, den Arzt Imre Greiner, von seiner Frau Anna scheiden, und dann taucht Greiner in der Nacht vor dem Gerichtstermin auch noch bei Kömüves auf und erklärt ihm, die Verhandlung könne nicht stattfinden, er habe seine Frau getötet. Man will meinen, angesichts der erwähnten Schwindelgefühle und der deutlichen Hinweise darauf, dass Kömüves und Anna einander kannten, werde sich nun ein Abgrund auftun - doch was folgt, ist ein ziemlich seichter Sprung vom Einmeterbrett. Während eines nächtlichen Gesprächs stellt sich heraus, dass Kömüves vielleicht einmal in Anna verliebt war und Anna jahrelang Kömüves vor Augen hatte, wenn sie mit ihrem Mann zusammen war, weshalb sie am Ende die Scheidung einreichte und eine Überdosis Gift einnahm.

Die Nacht vor der Scheidung ist ein Roman, der in vielen Punkten an Sándor Márais berühmtes Buch Die Glut erinnert, die großen Fragen von Wahrheit und Verdrängung, Traum und Wirklichkeit, Tag und Nacht verhandeln will und doch nur wie eine Rohfassung wirkt, weil hier alles so überhöht ist, über das Plakative nicht hinauskommt und letztendlich einen süßlichen Geruch von Trivialität verströmt.

Sándor Márai: "Die Nacht vor der Scheidung." Roman. Aus dem Ungarischen von Margit Ban. Piper Verlag, München 2004, 220 Seiten, 17,90 Euro.

Das könnte Sie auch interessieren

Kommentare