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Alissa (l.) und Martin Walser vor Alissa-Walser-Bildern, 2007. Auch für den Band „Sprachlaub“ hat Martin Walsers Tochter die Aquarelle beigesteuert.
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Alissa (l.) und Martin Walser vor Alissa-Walser-Bildern, 2007. Auch für den Band „Sprachlaub“ hat Martin Walsers Tochter die Aquarelle beigesteuert.

Aphorismen

„Sprachlaub“ von Martin Walser: „Ras doch nicht so, Jahr“

  • Judith von Sternburg
    VonJudith von Sternburg
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„Sprachlaub“ von Martin Walser, dazu Aquarelle von Alissa Walser.

Einen Tag vor seinem 94. Geburtstag am morgigen Mittwoch erscheint wieder ein schmales Buch von Martin Walser, zwei Jahre nach der Geschichte („Legende“) „Mädchenleben oder Die Heiligsprechung“. Man beunruhigte sich schon, aber nun ist es gut. Auf der letzten Seite steht: „Stich mich nicht in die Hüfte, Freund, / zapf mich nicht an, ich wehre mich / nicht, ich bin bedacht und will / bis zum letzten Abend leben.“

Das Buch ist schmal, auf die Seiten sind locker Aphorismen und freie Verse verteilt, dazwischen viele Seiten mit abstrakten Aquarellen der Ende Januar 60 gewordenen Alissa Walser. Sie hat schon einmal Bilder für ein Buch ihres Vaters beigesteuert hat, den Gedichtband „Das geschundene Tier“ von 2007.

Abstrakte Aquarelle, das zeigt sich nun wieder, sind etwas ganz anderes als noch so kurze Sätze. Sie sind rasch zu erfassen und – das würde man über die Sätze erst recht nicht sagen – in diesem Fall unverbindlich, auch buchstäblich, indem sie jenseits von gelegentlichen Wellenbildungen oder jahreszeitgemäßen Farben nicht einfach auf die Texte zu beziehen sind. Sie führen ein zartes Eigenleben, freilich sind es immer Linien, also Wege, und fast immer reichen sie (unsichtbar) über den Blattrand hinaus. Das Papier scheint überhaupt lediglich einen Ausschnitt zu zeigen.

Das entspricht wiederum den zweizeiligen bis eine Seite langen Texten, letzteres kommt bloß einmal vor. Trotzdem ragen die Sätze über die Seiten hinaus, wenn der Autor es will. „Für später“, schreibt er, „für später ... / das es nicht gibt. Aber so geübt / bin ich im Verschieben, dass / ich das beibehalten muss / bis zum Schluss. / Für später.“ Er stehe mit dem Rücken zur Gegenwart, schreibt er auch, aber er schaut selten zurück. „Mir sagt die Amsel, was ich wissen will. / Du brauchst keine Vergangenheit, sagt sie, / Zukunft genügt. Wem, wenn nicht der Amsel, / darf ich glauben.“ Nun mag eine Amsel ein dubioser Gewährsmann für menschliche Lebensplanung sein, aber auch das ist ein Vorzug Martin Walsers seit je: selbst zu entscheiden, wem er Glauben schenken will. Dem Leben Glauben zu schenken, es kann kein Fehler sein.

Das Buch

Martin Walser / Alissa Walser (Aquarelle): Sprachlaub. Rowohlt, Hamburg 2021. 142 Seiten, 28 Euro.

„Sprachlaub“ heißt das Buch bescheiden, aber Walser bescheidet sich in hohem Alter auf beeindruckende Art nur da, wo es vermutlich nicht anders geht. In der Länge, nicht in der Sache. „Unermüdlich sein / und unersättlich / und undurchschaubar / und unerklärlich / und unzumutbar / und unsterblich. / Mehr nicht.“ Das ist nicht wenig, das ist viel, das ist keck.

Die Walser’sche Lebenszugewandtheit wirkt auch oder sogar gerade in ihrer noch so komprimierten Form unbändig, aber nicht impertinent. Im „Sprachlaub“ finden sich Sinn- und Merksprüche für den Alltag, die den geübten Sprachproduzenten dokumentieren. Die Liebe zur Sprache und zum geschriebenen Wort als zentrale Ausdrucksform für absolut alles, das kann eine Routine werden, auch eine niveauvolle Gewohnheit ist eine Gewohnheit, wie schreibende Menschen wissen.

Mit dem Verstehen durch andere ist es komplizierter, zuweilen frustrierend. „Die Sterne sind Analphabeten, ich habe / umsonst gelebt.“ Hochgemuter kann Frustration nicht sein, und weniger verzweifelt das stete menschliche Scheitern kaum umschrieben werden. „Ich bin ein Schiff, ich strande ununterbrochen. / Es ist mein Lieblingskurs, / den mir die Not verschreibt.“

Walser schreibt mehr über das Leben als über den Tod, über den er auch schreibt am Rande, aber kristallklar und unverblümt. „Ich möchte bald weg sein. Bitte. / Und nehmt mir’s nicht übel. Außer euch / schulde ich keinem was. / Wenn ihr mich ließet, wäre ich frei / zu gehen, wohin das Kopfweh will.“ Ganz selten lässt sich etwas auf ein konkretes Ereignis der Gegenwart zurückführen, den Eindruck „Mir wird das Jahr gestohlen“ wird er mit vielen teilen, dann aber wieder diese verblüffende, geniale, trotz des Plurals ungemein persönliche Wendung: „Ras doch nicht so, Jahr, / tu langsam! / Langeweile, komm, schütz uns / vor den Zähnen der Zeit.“

Martin Walser hat immer dazugehört auf seine Weise, einer von uns, das Gegenteil eines Einzelgängers, aber eigenständig bis ins Mark. Jetzt verschwendet er aber keine Zeit mit Aktualitäten, beziehungsweise nur mit Dingen, die ihn selbst interessieren. Der Tod von Rolf Hochhuth (im Mai 2020), ein rares Beispiel, wird erwähnt, „das tut weh und hört nicht auf, weh zu tun. / Er hätte nicht vor mir sterben dürfen. / Er war doch jünger. / Ich habe jeden Tag versäumt, mit ihm zu sprechen“. Die Liebe interessiert ihn natürlich. „Dass man auskommt ohne einander, / hätt ich nicht gedacht, / ich weiß, was der Salamander / nachts macht.“ Vergleichsweise dringlich und fordernd sind solche Zeilen: „Warum schenkst du mir / deine Marianne nicht? Ich wäre / glücklicher mit ihr als du. / Das weiß ich, und du weißt es auch — ich begreife dich nicht. Warum / schenkst du mir deine Marianne nicht!“ Liebe ist auch für Goethe – ist es falsch, hier an Marianne von Willemer zu denken?, sollte Walser Goethe ansprechen und duzen, wäre man jedenfalls nicht im geringsten erstaunt – ein Elixier zum Schreiben gewesen. Das ist auch so eine Plattitüde, die beide mit Leben füllen konnten und können.

Und stellt sich die Liebe nicht ein, kann der Dichter immer noch andere Dinge unternehmen. „Gegen Abend ein Beil nehmen / und Schatten hacken.“ Die einen nennen es ineffizient, die anderen poetisch und friedfertig. Keine resignative, eine quicklebendige Stimmung liegt über dem „Sprachlaub“.

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