1. Startseite
  2. Kultur
  3. Literatur

In der Sprachfremde

Erstellt: Aktualisiert:

Kommentare

Robert Schopflocher.
Robert Schopflocher. © Rolf Beres

Auf hohem literarischen Niveau: Der aus Fürht stammende Robert Schopflocher machte sich nach seiner Übersiedlung nach Buenos Aires in den fünfziger nicht nur als Autor preisgekrönter Romane in spanischer Sprache einen Namen, sondern auch als Maler und Holzschnitzer. Jetzt liegt seine Autobiografie vor.

Von Frederick A. Lubich

Die Autobiografie des 1923 in Fürth geborenen Autors Robert Schopflocher ist eine der letzten Stimmen einer versunkenen deutsch-jüdischen Kultur, die über Jahrhunderte vor allem auch in dieser Stadt geblüht hat. Das brachte dem Geburtsort bedeutender Persönlichkeiten wie Jakob Wassermann und Henry Kissinger den Ruf eines fränkischen Jerusalem ein.

Um nur die wesentlichsten Aspekte der überaus facettenreichen Aufzeichnungen Schopflochers zu erwähnen: Die Kindheits- und Jugenderinnerungen an das bildungsbürgerliche Elternhaus; die letzten in Deutschland verbrachten Jahre im Jüdischen Landschulheim Herrlingen in der Nähe von Ulm mit all seinen prägenden humanistischen Bildungsidealen; die endlich geglückte Auswanderung der Familie nach Argentinien. Es folgen die ersten Berufserfahrungen als Diplomlandwirt in Patagonien auf den von Baron Maurice de Hirsch gegründeten landwirtschaftlichen Siedlungen, die gegen Ende des 19. Jahrhunderts Tausenden jüdischer Auswanderer aus Russland eine Existenzgrundlage boten. Seit Mitte der dreißiger Jahre des 20. Jahrhunderts fanden dort auch zahlreiche deutsch-jüdische Familien Zuflucht.

Aus diesen von der Not zusammengewürfelten, ungleichen Kultur- und Schicksalsgemeinschaften sollten Jahre später die ersten literarischen Charakterstudien und novellistischen Erzählungen Schopflochers erwachsen. Nach seiner Übersiedlung nach Buenos Aires in den fünfziger Jahren macht er sich nicht nur als Autor preisgekrönter Romane in spanischer Sprache einen Namen, er findet auch als Maler und Holzschnitzer durch Ausstellungen im In- und Ausland Anerkennung.

Systematisches Ineinanderschieben

Im Alter von 57 Jahren entschließt er sich, trotz der immer wieder thematisierten „Sprachfremde“, seine literarischen Texte nur noch in seiner deutschen Muttersprache zu verfassen. Das führt zur Veröffentlichung mehrerer Novellenbände in Deutschland. 2008 erhält Schopflocher den Jakob-Wassermann-Preis seiner Heimatstadt Fürth.

Bezeichnend für Schopflochers Schreibweise ist das systematische Ineinanderschieben individueller Erfahrungen und kollektiver Erinnerungen. Immer wieder sind es markante Bilder, die den zeitgeschichtlichen Horizont erhellen, seien es die geisterhaft wirkenden Schiffe von Auswanderern, die keine Hafenstadt aufnehmen will, seien es die verheerenden Heuschrecken- und Papageienschwärme in den Dornwäldern Patagoniens. Ergänzt wird das von politisch kritischen Reflexionen vor allem über Glanz und Elend der argentinischen Geschichte: die Wirtschaftskrisen, die jahrzehntelangen Terror-Erfahrungen, angefangen von den Anschlägen auf jüdische Institutionen in Buenos Aires seit dem Ende des Zweiten Weltkrieges bis zu den Tausenden von „Verschwundenen“ der letzten argentinischen Junta.

All diese Entwicklungen reihen sich ein in die lange Leidensgeschichte der Menschheit. Verfolgungen, Folterungen und Massenmorde ruft der Autor bis in die Zeiten des Dreißigjährigen Krieges und der Spanischen Inquisition ins Gedächtnis zurück. Die Shoah durchzieht dabei als „nachhallendes Grundgeräusch“ die gesamte Lebenswelt des Autors.

Ein klassisch-romantischer Bildungsroman

Vergleicht man diese Lebenserinnerungen mit den bekanntesten deutsch-jüdischen Autobiografien der letzten Jahre wie etwa denen von Ruth Klüger, Paul Spiegel, Marcel Reich-Ranicki oder auch Maxim Biller, so erweisen sich Robert Schopflochers Aufzeichnungen ihnen in ihrer sprachlichen Ausdruckskraft spielend ebenbürtig und an multikultureller Welterfahrung sicherlich überlegen. So wie Schopflochers Erzählungen noch wesentlich von den Bildungstraditionen der deutschen Klassik und Romantik geprägt sind, so lesen sich auch seine Lebenserinnerungen – ihrem Realismus zum Trotz – immer wieder auch wie ein klassisch-romantischer Bildungsroman. In diesem Sinne kristallisiert sich die Gefühlswelt des Schriftstellers als ein Heimweh im doppelten Sinne des Wortes, in dem Glück und Unglück, Freude und Leid auf widerspruchsvolle Weise aufgehoben sind. Der Autor selbst fasst zusammen: „Dem Wanderer ähnlich, der von einer Anhöhe aus mit dem Blick den von ihm zurückgelegten Weg erfasst, erkenne ich die Spuren der Kindheitseindrücke.“

Es ist jene „Traumwelt“ der deutschen Sprache und Kultur, welcher Robert Schopflocher ein Leben lang „verhaftet geblieben war“, und so schließt denn der Autor mit dem Bekenntnis, dass die fränkische Heimatstadt „nie aufhörte, meine innere Heimat zu sein“. Diese Worte kommen aus einer weiten Ferne, und so wie sie sich zu einer Erzählung verdichten, verdienen sie in Deutschland – und darüber hinaus – einen großen Leserkreis.

Robert Schopflocher: Weit von wo. Mein Leben zwischen drei Welten. Langen-Müller, München 2010, 288 Seiten, 19,95 Euro.

Auch interessant

Kommentare