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Christoph Szalay wurde zunächst als Profisportler im Team der Nordischen Kombinierer in Österreich bekannt.

Christoph Szalay

„Sprache ist nicht unschuldig“

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Der österreichische Lyriker Christoph Szalay, jüngster Träger des Alice-Salomon-Poetikpreises, über seine Vergangenheit als Skispringer und die Kunstfreiheit.

Herr Szalay, nach der Debatte um das Gomringer-Gedicht an der Fassade der Alice-Salomon-Hochschule in Berlin habe ich es für möglich gehalten, dass der Poetik-Preis verbrannt ist, dass ihn keiner mehr haben will. Haben Sie gezögert, ihn anzunehmen?
Nicht mal eine Sekunde. Zum einen, weil dies ein Preis für interdisziplinäre Praktiken ist, der Arbeiten honoriert, die disziplinenübergreifend funktionieren. Und ich kann auch das Preisgeld gebrauchen.

Was bedeutet es, als Textproduzent interdisziplinär zu arbeiten?
Darum geht es in meiner Poetikvorlesung, unter anderem in einem Skypegespräch mit der Autorin Swantje Lichtenstein. Für mich war immer klar, dass ich null Lust habe, Text immer nur als Text auf Seiten zu begreifen. Und es war mir auch wichtig, Inputs aus anderen Disziplinen zu holen. Es ließe sich an dieser Stelle auch ein Gespräch darüber beginnen, ob nicht der Begriff Transdisziplinarität zielführender ist.

Zum Beispiel?
Viel aus der Bildenden Kunst. Ich habe dann ja auch an der UdK (Universität der Künste Berlin, Anm. d. Red.) in Berlin im Studiengang Kunst im Kontext studiert, weil ich nicht an ein Schreibinstitut wollte. Ich wollte von allen möglichen Einflüssen umgeben sein, auch Performance, Tanz. Da bin ich gezwungen, mit Leuten zusammenzuarbeiten. Wobei gezwungen ein schlechtes Wort ist. Diese Zusammenarbeit eröffnet einem ja Möglichkeiten.

Eigentlich wollten Sie mal Skispringer werden, Sie hatten Olympia-Ambitionen. Wie sind Sie vom Sport zur Textproduktion gekommen?
Ich war auf dem renommierten Skigymnasium Stams. Jeden Tag habe ich sechs bis acht Stunden trainiert, dann gab es noch exklusive Gespräche über Trainingspläne, den richtigen Schliff am Ski, den richtigen Stoff für den Sprunganzug, Videostudium. An den Wochenenden ging es auf Wettkämpfe. Aber für die erste Liga hat es nicht gereicht, und ich hab dann mit zwanzig aufgehört. Ich schau mir das immer noch an, es ist nach wie vor ein Teil meines Lebens, aber mir war es irgendwann zu wenig.

Das ist auch psychisch anstrengend.
Klar. Beim Skispringen heißt es ja auch immer, das sei krass sensibel.

Was ist damit gemeint?
Dass Kleinigkeiten extreme Auswirkungen haben. Ob ein Sprung gut oder schlecht ist – (er schnippst mit den Fingern) – das ist die Zeitspanne, die darüber entscheidet. Die Zeit der Absprungbewegung. In der Zeit kannst du alles versauen oder alles richtig machen. Man braucht eine große Körpersensibilität. Bei einem guten Sprung kann man sich dabei zusehen, wie man springt, auch die Zeit läuft dann langsamer.

Haben Ihre Erfahrungen aus dem Sport Einfluss auf Ihre Texte?
Ich glaube, mein Interesse, mit Leuten aus der Performance oder dem Tanz zu arbeiten, dieser körperliche Aspekt, lässt sich damit verbinden. Ich kriege auch den Wettkampfgedanken nicht raus, pusche mich krass, so dass Sachen ihre Leichtigkeit verlieren. Man kann es Hartnäckigkeit nennen oder auch Verbissenheit.

Zurück zur Gomringer-Debatte. Haben Sie die verfolgt?
Ich habe sie verfolgt, aber ich war zu dem Zeitpunkt nicht mehr in Deutschland. Aber man kann sie nachverfolgen, Artikel für Artikel, auf der Webseite der Alice-Salomon-Hochschule, und das habe ich teilweise auch gemacht.

Haben Sie eine Haltung zu dem Vorgang?
Für mich war ein Hauptproblem, dass der Ausgangstext des Asta zu dem Gedicht schnell aus der Debatte verschwunden ist. Dabei kam da relativ viel Vorsicht von den Studierenden, es war ein Versuch, Dinge genau zu formulieren. Und in der Debatte ging es dann sofort um Kunstfreiheit.

Aber genau darum ging es doch.
Ich würde mich schwertun, das mit ja zu beantworten. Für mich ging es darum, dass sich Diskurse verändern. Und Dinge, die vor 20, 30 Jahren niemandem aufgefallen wären, sind jetzt ein Thema. Es hat damit zu tun, welchen Blickwinkel man hat. Dinge verändern sich.

Das war immer so, nur deshalb ist selten ein Kunstwerk entfernt worden. Es war bei den Studenten von Unwohlsein angesichts des Gedichts die Rede und davon, dass sie ihr Haus gerne umgestalten würden.
Das ist doch eine legitime Haltung, darüber diskutieren zu wollen. Ich hab da auch wenig bis null Mitleid mit Gomringer. Natürlich ist es individuell schwierig, damit umzugehen. Aber ich finde es notwendig, auch die eigene Arbeit verschiedenen Diskursen auszusetzen. Das ist ja auch ein Korrektiv. Mir erzählt so eine Diskussion etwas darüber, was ich selber nicht auf dem Schirm hatte. Den Gomringer-Text zu lesen, mit dem Wissen über feministische, über queere Diskurse – da wird es echt schwierig, auch wenn, wie immer wieder formuliert wird, es nicht so gemeint war. Sprache ist nicht unschuldig. Ich sehe es als Aufgabe künstlerischen Arbeitens und Handelns, auch die eigene Denkweise auf den Prüfstand zu stellen, zu sehen, wie viele Rassismen, Sexismen, Homophobien, etc., kurz, wie viel ich von all dem Zeug, das scheiße ist, in mir trage, und das in Texten, im Arbeiten zutage kommt. Ich würde, bevor ich über Kunstfreiheit diskutiere, darüber diskutieren, was es heißt, wenn sich Diskurse verändern.

Wenn man davon ausgeht, dass es keine absoluten Kriterien für die Bewertung von Kunst gibt, muss man doch deshalb seine Kunst nicht verändern, oder?
Aber irgendwann werden Dinge vielleicht problematisch. Wenn jemand sich ausgeschlossen fühlt zum Beispiel, sehe ich das als Problem. Ich finde, es ist eine Aufgabe, diese Bereitschaft zu haben, sich so einem Diskurs auszusetzen, auch wenn das bedeuten kann, dass es die Dekonstruktion der eigenen Arbeit bedeutet. Sich so einer Debatte zu verweigern, fände ich viel problematischer als alles andere. Sicher ist es krass, dass da etwas weggekommen ist. Aber das stimmt ja nicht einmal. Das Gedicht kommt zwar von der Wand weg, aber dieser Text ist so präsent seitdem, dass ich zum Beispiel mehr darüber sprechen muss als über anderes.

Als klar war, die Fassade würde neu gestaltet, hat der Asta eine Art Säuberungskatalog aufgestellt, in dem definiert wurde, was der neue Text alles nicht sein dürfe, nämlich sexistisch, rassistisch, ageistisch, lookistisch und so weiter. Welcher Text könnte dieser Art von Überwachung standhalten?
Vorweg – ein Begriff wie Säuberungskatalog ist weit weg von dem, was hier angemessen ist, was letzten Endes vertretbar ist. Dann – ich würde das als Herausforderung ansehen. Cool. Voll gut. Da gibt es eine Idee von Gesellschaft, die anders funktioniert als gegenwärtig, und im besten Fall gibt es dafür eine Entsprechung auf der sprachlichen Ebene. Ich liebe es, wenn ich ein Buch in die Hand nehme und erstmal komplett überfordert bin. Wenn da Begriffe reinkommen, die du nicht kennst. Donna Haraway zum Beispiel mit ihrer Idee von kinship, von Verwandtschaft, die Wörter für ein zukünftiges Denken erfunden hat.

In Deutschland gibt es die AfD, in Österreich die FPÖ, die die Kunstfreiheit angreifen. Aber man muss doch die Kunstfreiheit gegen alle verteidigen, und nicht nur gegen die, deren Argumente man nicht teilt, oder?
Ich weiß nicht, wie weit einen dieser Begriff bringt, wie weit er brauchbar ist. Die Frage wäre viel eher, worüber wir diskutieren, wenn wir über Kunstfreiheit diskutieren. Was meint das, und was und wen meint es nicht. Der Begriff ist ja zutiefst politisch, indem er im Grundrecht verankert ist, worauf sich regierende Parteien in Österreich in den 80ern geeinigt haben. Wenn ich mit solch einem Begriff hantiere, dann bin ich nicht zuletzt auch bei Förderkatalogen, Fördersystemen, auf die der Großteil unseres Kunstbetriebs ausgerichtet ist. Wenn ich Kunstfreiheit meine, dann müsste ich konsequenterweise auch meinen, dass jemand wie Odin Wiesinger oder ähnliche Leute Eingang in einen (Förder-)Betrieb finden müssten, dass auch das unter Kunstfreiheit fällt, jemand, der Soldaten an Gräbern und mit Kränzen malt, der über zeitgenössische Kunst als vom Hässlichen, Minderwertigen etc. spricht. Ich habe ganz ehrlich kein Problem damit, wenn die Freiheit spätestens hier aufhört, ich spätestens hier keine Lust habe, die andere Seite der Kunstfreiheit zu verteidigen. Kurz – bevor ich über Kunstfreiheit diskutiere, benötigt es ganz andere Diskussionen.

Derzeit steht ein Gedicht der Lyrikerin Barbara Köhler an der Fassade der Hochschule. Über die künftige Gestaltung entscheiden Sie. Wie geht das vor sich?
Alle fünf Jahre gibt es die Möglichkeit, die Fassade neu zu gestalten. Darüber entscheiden die letzten beiden Menschen, die den Preis bekommen haben, also ich und eine weitere Person. Aber das ist kein Muss.

Interview: Susanne Lenz

Zur Person

Christoph Szalay, 1987 in Graz geboren, wurde zunächst als Profisportler im Team der Nordischen Kombinierer in Österreich bekannt. 2007 begann er ein Studium der Germanistik an der Universität Graz sowie Kunst im Kontext an der Universität der Künste in Berlin. Er ist Lyriker, Künstler und Kurator sowie seit 2017 Literaturbeauftragter des Forum Stadtpark in Graz. Szalay ist jüngster Träger des Poetik-Preises der Alice-Salomon-Hochschule in Berlin und hat am Dienstag dort seine Poetik-Vorlesung gehalten.

Der Poetik-Preis der Alice-Salomon-Hochschule ging 2011 an den Lyriker Eugen Gomringer. Sein Gedicht „avenidas“ war an der Fassade der Hochschule angebracht worden. Im vergangenen Jahr wurde es entfernt, nachdem es eine heftige Debatte gegeben hatte. Studierende der Hochschule hatten gemeint, der Text sei sexistisch.

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