Die Sprache als Anker

Die Exil-Ungarin Agota Kristof erzählt, warum sie Schriftstellerin wurde

Von NICOLE HENNEBERG

"Displaced Persons" nennt man Menschen, die von Gewalt, Krieg oder Hunger aus ihrer Heimat vertrieben wurden; auch die ungarisch-französische Schriftstellerin Agota Kristof gehört zu ihnen. Sie floh 1956 aus einem Land, in dem der Terror der kommenden Jahrzehnte bereits deutlich sein Gesicht gezeigt hatte. Sie erinnert sich noch genau an den Tag im März 1953, als Stalin starb: die Schüler müssen einen Aufsatz darüber schreiben, dass der Genosse Stalin ihnen "zuerst ein Vater, dann ein heller Leitstern" war. Dann läutet plötzlich die Schulglocke, die Schüler erheben sich, einige weinen - doch es war nur das Signal zur Leerung der Mülleimer! Es ist für sie ein befreiender Moment; in Ungarn wird die Zeit der inneren und äußeren Erstarrung, der Angst und der seelischen Verkrüppelungen, von denen Agota Kristof in ihren Büchern erzählt, erst sechsunddreißig Jahre später beendet sein.

Eine Jugend im Internat

Die Schriftstellerin, die in diesem Jahr ihren 70. Geburtstag feiert, war damals achtzehn Jahre alt und Schülerin eines staatlichen Internats, das eher an ein Kloster oder eine Besserungsanstalt erinnerte als an eine Schule. In ihrer autobiographischen Erzählung Die Analphabetin (von Andrea Spingler klar und atmosphärisch dicht übersetzt) berichtet sie von der Not der langen, sprachlosen Nachmittage im Arbeitssaal, die sie zum Schreiben zwangen, weil es der einzige Weg war, den Kummer über den Verlust von Mutter, Brüdern und vor allem der persönlichen Freiheit zu ertragen. Diese Tagebücher muss sie, zusammen mit ihren ersten Gedichten, bei der Flucht zurücklassen; und in gewissem Sinne schreibt sie, in wechselnden Perspektiven und in einer anderen Sprache, bis heute daran weiter.

Das Exil hat ihr Schreiben entscheidend geprägt - "naturgemäß", würde der von ihr verehrte Thomas Bernhard hinzufügen. Sie verlor Freunde und Familie, die Zugehörigkeit zu einer Gesellschaft und, mit der Sprache, auch die inneren Orte der Erinnerung: die Sprachbilder und Klangfarben und die Gefühlsstruktur der Sätze. In der französischsprachigen Schweiz, der sie als Flüchtling zugeteilt wurde, blieb sie lange vom kulturellen und sozialen Leben ausgeschlossen, weil sie nicht lesen konnte und die Menschen nicht verstand. Sie war in einer Wüste gelandet - aber das konnte sie den freundlichen Schweizern, die so stolz auf ihr Land waren, ja nicht sagen.

"Wie wäre mein Leben gewesen, wenn ich mein Land nicht verlassen hätte? Härter, ärmlicher, denke ich, aber auch weniger einsam, weniger zerrissen, vielleicht glücklich." All ihre Bücher erzählen vom gewaltsamen Verlust geliebter Menschen und den von ihnen geprägten Orten; und scheinbar unausweichlich steigert sich die Sehnsucht zu einem tödlichen inneren Kampf. Vielfach durchgespielt und variiert wird diese Zerrissenheit in der Geschichte von den Zwillingen Lucas und Claus; im letzten Band der Trilogie sind die festen Identitäten der beiden Hauptfiguren endgültig zerbrochen und ihre Biographien werden ineinander gespiegelt.

Eine lebensrettende Rolle spielen dabei die großen Hefte als der geheime Ort des wahren Ichs: in täglichen Notaten vermessen die Figuren der Romane den Raum ihrer inneren Welt, halten Träume fest und buchstabieren vorsichtig Hoffnungen aus. Auch auf dem Schreibtisch der Autorin lag ein solches Heft, in das sie Anfang der achtziger Jahre kurze Prosastücke über ihre Kindheit zu schreiben begann. Ihr erster Roman erschienen 1986 und hieß, wie kann es anders sein, Le grand cahier.

Im Rhythmus der Stanzmaschine

Es ist ein ausdauernder und harter Kampf um den existentiellen Anker Sprache, von dem Agota Kristof in dieser Erzählung berichtet; sogar die stumpfsinnige Arbeit in einer Uhrenfabrik schien ihr dabei sinnvoll, weil der Kopf für eigene Sätze frei blieb und die Stanzmaschine diese in Bewegung setzte. Mit dem Emigrantendasein hat sie sich, wovon die elf konzentrierten Kapitel zeugen, heftig und rückhaltlos auseinander gesetzt In einem ihrer Gedichte heißt es dazu: "eure wurzellosen Füße werden nicht wund/ aus großer Entfernung blickt ihr seelenlos/ eure Leiden wurden euch ausgerissen". Auch für sie war der Schock der Ankunft groß, denn auf dieses erstarrte, wortlose Leben unter einer dünnen Wohlstandstünche war sie nicht vorbereitet.

Mit dem ihr eigenen Rigorismus hat Agota Kristof sich als Analphabetin bezeichnet; aber sie macht damit auch den Abgrund sichtbar, den sie bis zum ersten Buch zu überwinden hatte. Ihr knapper Stil, der eine so unglaubliche Wirkung entfaltet, lässt für Halbherzigkeiten oder spielerische Ambivalenzen keinen Raum; aber was in dieser Erzählung zwischen den Zeilen aufscheint, ist ein fein abgestufter, zwischen Sarkasmus und Komik changierender Humor, der verstehen lässt, was Agota Kristof an Thomas Bernhard so schätzt.

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