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bochum / ich komm aus dir...

Kultur im Revier

Sprache ist nun mal alles

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Zwei Literatur-Anthologien erzählen vom Ruhrgebiet, das jetzt zur Ehre der Kulturhauptstadt gekommen ist. Dabei wird sichtbar: Das Revier ist literarisch längst auf hohem Niveau besiedelt. Von Christian Thomas

Als Heinrich Böll in den 1950er Jahren das Ruhrgebiet wahrnahm, indem er schrieb, es sei noch nicht entdeckt worden, wollte er der Region erkennbar etwas Gutes tun, aus der Außenperspektive behilflich sein. Literarische Caritas aus der alten heiligen Stadt Köln.

Aber das Ruhrgebiet, damals zweifellos noch Kohlenpott, war ja längst entdeckt, auch literarisch, ob nun von Heinrich Heine oder der Droste, von Joseph Roth, Richard Huelsenbeck, Egon Erwin Kisch, Hemingway. Von der Romantik bis zur Neuen Sachlichkeit war es ausgemacht worden, in den meisten Fällen, abgesehen von Erik Reger etwa, vorgefunden worden auf der Durchreise, wie ja auch von Goethe, der die Gastfreundschaft in Duisburg genoss, da waren die kapitalen Vorkehrungen zum Aufbau einem Industrierevier nicht einmal erwogen.

Im Ruhrgebiet residierten keine Schriftstellerfürsten. Das mag erklären, warum der Standardsatz, das Ruhrgebiet müsse erst noch entdeckt werden, auch heute noch zur Litanei wird, mit erheblichem Nutzwert auch im Kulturhauptstadtjahr 2010. Wenn es zwischen Dortmund und Duisburg aus der Binnenperspektive geschieht, hat das viel mit falscher Bescheidenheit zu tun (und die ist ein echtes Manko).

Zur Mentalität im Ruhrgebiet gehört, neben einem enormen Mutterwitz ("Arbeit hat keine Balken": Helge Schneider), ein enormer Minderwertigkeitskomplex ("Die Kultur wird, wie ehedem die Fabriken, Häuser und Menschen, wahllos hineingestopft": Erik Reger). Das sind zwei Zitate aus zwei literarischen Anthologien, in denen sich die Beschaffenheit einer Region verdichtet. Geistige Topografie könnte hier nicht stärker zerklüftet sein, zwischen Selbstzerknirschung und Größenwahn. Beides liegt immer wieder ganz nah beisammen und manchmal gleichzeitig vor, dann singt Herbert Grönemeyer: "bochum/ ich komm aus dir".

Weltweit die meisten Lärmschutzwände

Wer gerne übertreibt, was im Ruhrgebiet vorkommt, dem erscheint diese Region wie eine Idealstadt. Tatsächlich ist die Megacity gleichzeitig eine durchgrünte Stadtlandschaft wie selten sonst eine, das locker Aneinandergereihte wiederum wird jäh von einer extremen Verdichtung abgelöst, da haben die Autoren vollkommen recht, und stoßen sich dann nicht nur an der wohl höchsten Konzentration von Lärmschutzwänden. Deutschlandweit? Weltweit.

Nun gut, viele Ganzbesonderheiten existieren, vom Fußball bis zum Feinstaub, ausgemacht hat sie nicht selten der Stabreim, da halten sich auch die Nachworte ordentlich ran. Max von der Grün wird wohl deswegen als "Malochermonument" abgetan, für Dokumentationszwecke der Arbeiterliteraturtradition sind andere zuständig, der Josef Reding, der Werkkreis, der Wallraff, fürs regionale Idiom ein Jürgen Lodemann mit einer feinen Persiflage ausgerechnet auf das Literaturpapsttum. Schlagfertige Satiriker übernehmen den Staffelstab von Sachwaltern des Mythos. Für die Comedy sorgen bekannte Nasen. Schreibende Frauen? Warum das jetzt?

Neben den Überschneidungen gibt es hier wie dort Alleinstellungsmerkmale. Bei Wieser ist es Erik Regers ruppige Bilanz einer angeblich tranigen Mentalität, einer geistigen, ökologischen und ökonomischen Kolonisation. Man möchte den Text so wenig missen wie bei dtv Ernst Meisters Hingabe an, nun ja, Hagen. Dazu Reportagen, wie die Menschen hier in den letzten Jahren von der Krise gepackt und wie sie durchgeschüttelt wurden. Triviales, so darf man es schließlich von einem authentischen Anthologiespektrum erwarten, tritt an gegen Tiefsinniges, urkomische Lakonik musste man sich nicht erst hart erarbeiten, neben aller Neigung zum Pathos.

Der unter die Erde gebrachte Kohlenpottalltag

Ruhrgebiet, und das ist doch wirklich angemessen, wird in beiden Büchern auf mentalen Reichtum alliterarisiert. Kluge Autoren wissen übrigens das doofe Wort "Ruhrpott" hartnäckig (trotz Kapitelüberschrift) zu vermeiden, was vielmehr noch gelegentlich anklingt, ist das Wort Revier, mit seinem Echo aus Eigensinn und Wirgefühl. Ein Auszug aus Ralf Rothmanns wunderbarem Roman "Milch und Kohle" beschwört den längst unter die Erde gebrachten Kohlenpottalltag. Mulmig war Joseph Roth, ganz offen bekannte er, in Essen abgestiegen, sein Unwohlsein.

Es gibt Texte, in denen eine behäbige Sentimentalität bemuttert oder giftige Böswilligkeit akkurat versorgt wird. So was gehört zur Anthologieausrüstung, neben der Hymne der Hass. Doch mal abgesehen von der Doppelhelix aller lesenswerten Anthologien fehlt etwas, nein, nicht das Klischee, dafür sorgt etwa ein Text des für seine Städtebilder vor dreißig, vierzig Jahren bekannten Horst Krüger.

Dagegen komplett Fehlanzeige, wenn man in beiden Büchern nach einem Text Brigitte Kronauers Ausschau hält. Der Schauplatz ihrer Geschichte muss gar nicht das Ruhrgebiet sein, wohl aber ist das grandios verdichtete Gewebe der gebürtigen Essenerin in dieser Region verortet, nicht als Dialekt, nein, mundartlich gar nicht, wohl aber strukturell, in der Art, in der sich die Erzählerrede von der Figurenperspektive immer wieder anstecken lässt. Schade, dass dieser Ton fehlt. Quasi: die von ihr belebte erlebte Rede.

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