Wer den Spirit findet

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Poetologie am Ding: Wilhelm Genazino belebt die toten Winkel

Der Held des Romans Ein Regenschirm für diesen Tag, ein Schuhtester, den beruflich und privat manches Missgeschick heimsucht, überlegt eines Tages angesichts eines entsprechenden Gewächses: "Schon das Wort Gestrüpp beeindruckt mich. Es ist vielleicht das Wort für die Gesamtmerkwürdigkeit allen Lebens, nach dem ich schon so lange suche. Das Gestrüpp drückt meinen Schmerz aus, ohne mich anzustrengen."

Da ist sie, die poetische Welt des Frankfurter Schriftstellers Wilhelm Genazino. Zuhause ist hier die wohlwollende Aufmerksamkeit für eine von anderen lieblos, in diesem Fall prägnant benannte Nebensächlichkeit; die Suche nach einer "Gesamtmerkwürdigkeit", die nicht erwogen, sondern vorausgesetzt wird; ein Gegenstand (hier: eine Pflanze), der dem Menschen ermöglicht, Zuschauer seiner eigenen Gefühle zu bleiben. "Überhaupt übernahmen die Dinge die Darstellung der Situation", heißt es in Die Kassierinnen. In der poetischen Welt von Wilhelm Genazino sieht man den Dingen ins Auge, aber allzu schmerzhaft ist das nicht.

Magisch-Werden des Banalen

Den Frankfurter Poetikvorlesungen des Georg-Büchner-Preisträgers konnte im Januar und Februar zuhören, wer im Saal noch einen Platz fand (FR v. 12.1. und 10.2.). Im Anschluss liegen die fünf Vorlesungen wie üblich als Bändchen vor, je nachdem zum Lesen oder Nachlesen. Sie heißen Die Belebung der toten Winkel, und die Belebung all der Jacken, Koffer, Fotografien, die Genazino-Leser schon kennen, erscheint hier als ein Magisch-Werden des Banalen. Möglich ist das, weil sich in den Gegenständen "Zeit staut", ihnen etwas inne wohnt, das der hinblickende Mensch freilegen kann. Das ist die Poesie, auf der der Poet Genazino beharrt, die er in immer neuen Beispielen umkreist. Dabei schaut er auch auf andere Mensch-Ding-Beziehungen, von Marcel Prousts stilbildender Begegnung mit einem Tee-getränkten Stück Gebäcks bis zu der Journalistin Lea Rosh und ihren Wunsch, in eine Stele des Berliner Holocaust-Mahnmals einen Zahn aus einem KZ einzufügen. Ein so klassisch orientiertes wie staunenswertes Spektrum.

Die häufig lachhaften Details teilen im Rahmen ihres Magisch-Werdens, ihres über sich selbst Hinauswachsens ihrem bereitwilligen Betrachter Erkenntnisse über ihn selbst und die Welt mit: Genazino spricht, ein Lieblingswort aus den Vorlesungen, von "Epiphanien" (James Joyce folgend). Denn die "poetische Expedition" (oder: der Aufenthalt im "poetischen Labor") ist mit dem Hinsehen noch lange nicht zuende. Assoziationsketten schließen sich daran an, bei denen dem Autor eine weit mehr als oberflächliche Freud-Lektüre hilft, aber auch seine unaufdringlich ausgebreitete Gelehrsamkeit.

Mit fremden Brillen sehen

Der Schriftsteller überträgt schließlich das gerne amüsant Autobiografische - zum Beispiel: Genazino mit einer fremden Sonnenbrille auf dem Eisernen Steg in Frankfurt - ins Allgemeine. Erst dann handelt es sich nicht mehr um Selbstentblößung, sondern um Literatur. Diese Transformation ist keine Kleinigkeit. Genazino gibt dazu eine Klarstellung ab, die - um im Bild zu bleiben - Westentaschen-Poeten, die gleich selbst losziehen wollen, eines Besseren belehrt: "Jeder Text ist autobiografisch, insofern jeder Text das Bewusstsein dessen passiert haben muss, der ihn geschrieben hat. Jeder Text ist nicht-autobiografisch, insofern der Verfasser den Text nachträglich bearbeitet, umbaut, zerteilt, fiktionalisiert … Für eine Erzählung ist nur in zweiter Hinsicht wichtig, was einer ,erlebt' hat; wichtiger ist, welches Bild den Geist des Erzählers anregt. Der Erzähler muss das Detail finden, das den Spirit seines Textes in Gang setzt."

Eine Welt allerdings, in der der geruhsame Blick mittels Warenüberangebot und Unübersichtlichkeit allenthalben gestört wird, macht den Poeten skeptisch. Er ist Flaneur in Städten (konkret: Frankfurt), die sich nur noch für Streuner eignen. Fast wird Genazino zornig am Ende der fünften Vorlesung.

Im Hintergrund der Vorlesungen läuft stets das Erstaunen über die gelegentlich sich aufdrängende eigene Sterblichkeit mit, eine zutiefst menschliche Eigenart (sowohl das Erstaunen, als auch das gelegentliche Erahnen). Die weniger melancholische als groteske Seite des Älterwerdens ist Gegenstand des Theaterstücks Lieber Gott mach mich blind. Parallel zu den Vorlesungen erschien es nun zusammen mit dem noch nicht uraufgeführten Stück Der Hausschrat als Buch. So kann man gleichzeitig mit dem Dozenten auch dem Dramatiker Genazino begegnen. Und am Ende den Prosaautoren vielleicht bevorzugen, aber auch besser kennen.

Wilhelm Genazino: "Die Belebung dertoten Winkel. Frankfurter Poetikvorlesungen." Carl Hanser Verlag, München 2006,107 Seiten, 13,40 Euro.

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