Bitte deaktivieren Sie Ihren Ad-Blocker

Für die Finanzierung unseres journalistischen Angebots sind wir auf die Anzeigen unserer Werbepartner angewiesen.

Klicken Sie oben rechts in Ihren Browser auf den Button Ihres Ad-Blockers und deaktivieren Sie die Werbeblockierung für FR.de. Danach lesen Sie FR.de gratis mit Werbung.

Lesen Sie wie gewohnt mit aktiviertem Ad-Blocker auf FR.de
  • Zum Start nur 0,99€ monatlich
  • Zugang zu allen Berichten und Artikeln
  • Ihr Beitrag für unabhängigen Journalismus
  • Jederzeit kündbar

Sie haben das Produkt bereits gekauft und sehen dieses Banner trotzdem? Bitte aktualisieren Sie die Seite oder loggen sich aus und wieder ein.

Spiel ohne Grenzen

Denn Peter Careys vierstimmigem Erzählerchor ist nicht unbedingt zu trauen

Von SACHA VERNA

Lügen haben kurze Beine, tragen mitunter aber ziemlich weit. Peter Carey kommt damit bis nach Malaysia. Dort stößt eine Dame namens Sarah Elizabeth Jane Wode-Douglass, Herausgeberin einer britischen Literaturzeitschrift, mit vielen Ambitionen und wenig Geld, auf das Werk eines genialen Dichters. Dass es sich bei Bob McCorkles Versen um einen Jahrhundertfund handelt, steht für Sarah sofort fest. Alles andere als fest steht jedoch, wer oder besser was hinter der Figur Bob McCorkles steckt. Mein Leben als Fälschung ist die fabelhafte Nichtbeantwortung dieser Frage.

Je nachdem beginnt die Geschichte 1985 in Thornton, Berkshire oder 1972 in Kuala Lumpur oder 1946 in Melbourne. 1985 schreibt Sarah Wode-Douglass in einem alten Pfarrhaus nieder, was sie 1972 in Kuala Lumpur erlebte. Und was sie dort erlebte, hängt mit Geschehnissen 1946 in Melbourne zusammen. In Melbourne wird Bob McCorkle 1946 als 24-Jähriger geboren. Er ist die Erfindung von Christopher Chubb, einem darbenden Poeten, der den erfolgreichen Herausgeber einer avantgardistischen Literaturzeitschrift, David Weiss, bloßstellen will, indem er ihm das prätentiöse ?uvre eines "unbekannten" Meisters unterjubelt, das Weiss auch prompt als große Kunst veröffentlicht. McCorkle wird als Witz entlarvt, Weiss blamiert und überdies der Verbreitung obszöner Schriften angeklagt.

Weiss' Selbstmord ist für Chubb der Anfang eines schrecklich langen Endes. Denn er sieht sich plötzlich mit einem Wesen konfrontiert, das von sich behauptet, Bob McCorkle zu sein und das genau wie bei Doktor Frankenstein seinem Schöpfer keineswegs wohl gesinnt ist. Kreatur und Erzeuger liefern sich eine wilde Verfolgungsjagd durch Australiens tropische Nachbarländer, bis es in Kuala Lumpur zu einer Art Showdown kommt. McCorkle stirbt, und Chubb fristet von da an das elende Dasein eines Fahrradmechanikers, das eigentlich in McCorkles Biografie gehört.

Endlose Sitzungen im Merlin

Peter Careys Mein Leben als Fälschung ist ein äußerst vergnügliches Stück Literatur über das Wesen der Fiktion. Er jongliert mit mindestens vier Erzählerstimmen, von denen keine wirklich zuverlässig ist: Jene Chubbs, der nach dessen Tod zum Hüter von McCorkles Werk geworden ist und dies Sarah nur überlassen will, wenn sie sich seine unglaubliche Geschichte anhört - während endloser Sitzungen im "Merlin", einem Hotel in Kuala Lumpur, dessen staubige Pracht noch von der kolonialen Vergangenheit zeugt. Die Stimme Sarahs, die bei Chubbs Vortrag vergeblich versucht, einen klaren Kopf zu bewahren und dem McCorkle-Mysterium doch verfällt. Es gibt irre Passagen, die aus der Sicht McCorkles geschildert sind, und das penetrante Geschwätz John Slaters, Schriftsteller und ungeliebter Freund der Familie Wode-Douglass, der Sarah überhaupt erst nach Kuala Lumpur gelockt hat. Und dann ist da natürlich noch die Stimme des Autors selber, der den Chor dirigiert. Es ist bewundernswert, wie Carey den verwickelten Plot, die diversen Zeit- und Erzählebenen in flüssige Prosa verwandelt. So verwirrend die Handlung auch ist, so gekonnt hält Carey eine Spannung aufrecht, die den Leser buchstäblich bis zur letzten Seite treibt. Die zauberhafte Exotik der Kulisse, die raffinierten Täuschungsmanöver von Protagonisten und Autor machen dieses Buch zu einem schillernden Capriccio, das spielerisch zeigt: Literatur ist der schönste Schwindel der Welt. Peter Carey bemerkt zum Schluss des Romans, dass seine McCorkle-Affäre einen historischen Kern hat: Im Australien der 1940er Jahre musste sich ein gewisser Max Harris wegen Unanständigkeiten eines nicht existenten, von ihm publizierten Dichters vor Gericht verantworten.

Wer weiß, wie viele Autoren über ein Treffen mit den Ausgeburten ihrer Fantasie erfreut wären. Da der Australier Peter Carey seit 13 Jahren in New York lebt, braucht er sich nicht allzu sehr zu sorgen: Von den Landsleuten, mit denen er seine (Booker-Preis-gekrönten) Romane bevölkert, trennen ihn viele tausend Seemeilen.

Das könnte Sie auch interessieren

Kommentare