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Weiße Lady: Ein Junge vor einer Statue Margaret Thatchers, London.

Sachbuch Evans "Veränderte Vergangenheiten"

Das Spiel mit einer anderen Geschichte

Richard J. Evans’ „Veränderte Vergangenheiten“ denkt nach über virtuelle Geschichte und das Was-wäre-wenn

Von Ruth Fühner

Was wäre, wenn? Wenn zum Beispiel Margaret Thatcher, die als Premierministerin durch Großbritannien fegte wie ein eisiger Wind, 1983, nach dem Sieg im Falklandkrieg, von einem IRA-Attentäter erschossen worden wäre? Diese Frage spielte die Schriftstellerin Hilary Mantel vergangenes Jahr in einer Kurzgeschichte durch. Genussvoll stürzte sich eine erregungsbereite Öffentlichkeit auf den angeblichen Skandal. Kurzerhand wurde aus der literarischen Fiktion geistige Brandstiftung destilliert, konservative Abgeordnete schäumten von der „zerrütteten Psyche mancher Linker“.

Die fiktive „Ermordung Margaret Thatchers“ war ein Novum im Werk Mantels, deren Romanen aus der Tudor-Zeit der Historiker Richard J. Evans ansonsten die „Patina der historischen Authentizität“ bescheinigt. Doch Mantels Erzählung erschien zu spät, um Aufnahme ins englische Original von Evans’ Essay „Veränderte Vergangenheiten“ zu finden – sonst hätte sie als eins der seltenen Gegenbeispiele für seine zentrale These über „kontrafaktisches Erzählen in der Geschichte“ dienen können.

Evans zufolge nämlich wärmt sich vor allem konservatives Wunschdenken an Gedankenspielen nach dem Muster „was wäre gewesen, wenn“. Dabei geht es Evans weniger um literarische Phantasien als um die Fiktionen seiner Zunftkollegen, deren Vielfalt und Konjunktur – zumindest im englischen Sprachraum – einigermaßen überrascht. Wer das Genre bisher für eine harmlose Spielerei gehalten haben mag, wird mit diesem Buch unerwartet von einem scheinbaren geschichtswissenschaftlichen Nebenschauplatz mitten in einen hochaktuellen politischen Streit hineingezogen.

Doppelte Verunsicherung

Seit 1990, stellt Evans fest, häufen sich die Bücher und Sammelbände über „virtuelle Geschichte“. In seinen Augen die Folge einer doppelten Verunsicherung: mit dem Ende der Großen Geschichtserzählungen – zuletzt des Marxismus und der kommunistischen Fortschrittsidee – war der Ausgang der Geschichte wieder offen, während der Postmodernismus eine Vielfalt gleichberechtigter Narrative begünstigte, eine Version der Geschichte erschien so gut wie die andere.

Ausgangspunkt für konservative Historiker, die ihnen suspekte Vorstellung von Geschichte als Spiel anonymer Kräfte zu attackieren. Gegen den angeblichen Determinismus schickt kontrafaktisches Erzählen den Zufall, den freien Willen und das Handeln einflussreicher Individuen in Stellung. Die Falle, in die sich seine Kollegen damit begeben, zerpflückt Evans schon allein mit Hilfe der Logik. Nehmen wir etwa mit Niall Ferguson an, Großbritannien wäre im Ersten Weltkrieg neutral geblieben, Deutschland wäre die Demütigung einer Niederlage erspart geblieben und damit der Welt auch Hitler und der Holocaust. Phantasien dieser Art verkennen, dass die Geschehnisse an jedem, auch noch so unwesentlichen Kreuzungspunkt eine andere Richtung nehmen können – da ist es mehr als unwahrscheinlich, dass das Ausbleiben eines einzigen Ereignisses ausgerechnet zu jenem Ergebnis führen sollte, das das Wunschdenken vorgibt: dem Fortbestehen des British Empire, das in seiner splendid isolation dem gegenwärtig von Deutschland dominierten Europa Paroli bietet.

Es ist kein Zufall, dass sich Evans besonders ausführlich mit diesem Beispiel auseinandersetzt. Für ihn ist Fergusons Gedankenspiel ein Kampfgeschütz im gegenwärtigen Streit um die Stellung Großbritanniens zu Deutschland und der EU. Evans ist ein überzeugter Europäer, deutschfreundlich noch dazu, und an dieser Stelle wird sein Essay, eine leicht inkonsistente Mischung aus Faktenstolz, akademischer Akribie und politischem Furor, zur offenen Streitschrift.

Die Stärke seines Buches aber liegt darin, dass er den geringen Nutzen kontrafaktischen Erzählens für die Historikerzunft eben nicht nur politisch, sondern auch methodologisch gut begründet. Hilary Mantels Phantasie vom Tod der EU-Feindin Margaret Thatchers dürfte ihm trotzdem klammheimliche Freude bereitet haben.

Richard J. Evans: Veränderte Vergangenheiten. Aus dem Englischen von Richard Barth. DVA 2014. 224 Seiten, 19,99 Euro.

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