Spezialgebiet Kriechtiere und Lurche

Unerwartete politische Aktualität: Hans Joachim Schädlichs Roman "Anders" überträgt die Mimikri von der Natur auf die Gesellschaft

Von SIBYLLE CRAMER

Maskenzug mit Zuschauern, diesem Bildschema folgt die figürliche Anordnung des Romans Anders von Hans Joachim Schädlich. Zu sehen sind drei in Gespräche über ihre "Fälle" vertiefte ältere Herrschaften, zwei pensionierte Meteorologen, die zusammen mit ihrer Freundin Ida instabile Wetterlagen und Klimastürze der Machtgeschichte beobachten. Ihr besonderes Interesse gilt den Machenschaften von Tarnungs- und Täuschungskünstlern, Fälschern, Betrügern und Lügnern, die in politischen Umsturzzeiten ihre Überlebenskunststücke vorführen.

Dabei haben sie drei verwandte, aber nicht deckungsgleiche Fälle aus der jüngsten deutschen Vergangenheit vor Augen: die Verfälschung historischer Tatsachen durch den kommunistischen Aufbau-Schriftsteller Bruno Apitz in dem zu DDR-Zeiten populären KZ-Roman Nackt unter Wölfen, die Verwandlung des hohen SS-Funktionärs Hans Ernst Schneider in den linksliberalen Aachener Lehrstuhlinhaber Hans Schwerte und der politische Mummenschanz eines gewissen "Dschidschi", der unschwer als Gregor Gysis demokratischer Kopfsturz zu erkennen ist.

Die Artgenossen der Opportunisten im Reich der Tiere sind Kriechtiere und Lurche, deren Färbung von dem Bodenuntergrund abhängt, auf dem die Tiere leben. Den kleinen Vortrag über ihre Wechselkunststücke hält ein Zoologe, der die Runde von Fallbeobachtern am andern Ende der Welt erweitert, als der konstitutionell gereizte, an entzündlichen Nerven, der Krankheit aller Kritiker leidende Ich-Erzähler endlich in die Tat umsetzt, was er dauernd angekündigt hat. Er gibt seinem idiosynkratischen Impuls nach und macht Schluss, bricht aus, reist ab, geht nach Australien. Aber noch unterwegs eröffnet er einen fieberhaften, dichten Briefverkehr zwischen Australien und der alten Heimat.

Gerichtstag wird gehalten über Schuldige, die in der Tat nie zur Rechenschaft gezogen worden sind. Doch mit einem symbolischen Ersatzverfahren begnügt Schädlich sich nicht. Die drei Aufklärer sind vor den scharfen Augen des Autors nur solange sicher, wie sie in ihren Gesprächen ausbreiten, was sie über die Mythologen und Wendehälse der jüngsten deutschen Geschichtsumbrüche wissen. Unbehelligt dürfen sie noch die Musterbücher der Charakterkunde erweitern und den Typus des Wechselbalgs der Geschichte einschreiben, der ein physiognomischer Blindgänger ist, weil seine hervorstechende Eigenschaft seine Gesichtslosigkeit ist. Sowie sich jedoch das Gespräch nach innen öffnet und auf dem sprachlichen Schauplatz eine symmetrische Spiegelkonstruktion sichtbar wird, rücken die Ermittler geschichtlicher Wahrheit als Objekte einer umfassenderen erzählerischen Ermittlung in ein höheres poetisch-philosophisches Wahrheitsspiel ein.

Als gesellschaftlicher Gestus und Kommunikationsfigur charakterisiert das Gespräch die friedvollen, in der Sache fruchtbaren Beziehungen der vernünftig sich verständigenden kritischen Köpfe zueinander. Dabei bleibt es, solange die Unterhaltungen den Fortgang ihrer Forschungen spiegeln. Sowie jedoch die Sache in den Hintergrund tritt und der Geistesmensch dem Naturwesen Platz macht, sowie das Gespräch sich in ein Selbstgespräch des Ich-Erzählers verwandelt, in psychisch-seelische Binnenräume wechselt und die Gefühlsbeziehungen des Dreierbündnisses wiederspiegelt, endet die Eintracht und drohen Zank, Hader, der Ausbruch von Streit -, nie jedoch das Ende des Gesprächs.

"Mein letzter Freund hat verlauten lassen: Ich bin allergisch gegen solcherart Verlautbarung, besonders bei Awa": der erste Satz des Buchs intoniert das Thema und die für die Gespräche konstitutive Denkfigur der Einheit der Gegensätze, deren rhetorisches Spiegelbild das Oxymoron ist. Von Hass nämlich, von Feindschaft, Entzweiung und Bruderkrieg kann keine Rede sein. Ja, recht besehen, handelt es sich nicht einmal um eine Meinungsverschiedenheit oder gar einen Gefühlskonflikt. Den Satz, auf den der Erzähler hier so allergisch reagiert, wird der Leser später aus seinem eigenen Munde hören. Und die gemeinsame Liebe des Ich-Erzählers und seines Freundes Awa zu Ida gefährdet den Dreierbund nicht. Denn sie erklären ihr zwar unentwegt ihre unsterbliche Liebe, müssen aber gar nicht abgewiesen werden, denn vor Heiratsanträgen hüten sie sich wie der Teufel vorm Weihwasser.

Von Beginn an bis zum Ende des Buchs, zu seinem abschließenden "Hatte ich nicht schon genug gesagt?", wenn er mit dem Kriechtierspezialisten in Australien eine neue Gesprächsrunde eröffnet, gibt der Erzähler den galligen Solipsisten und finalen Schlussmacher. Die personale Perspektive der Ich-Erzählung ermöglicht dem Leser jedoch den Blick hinter die Vorhänge der Gespräche und enthüllt ihm das Geheimnis des merkwürdig gebrechlich-unverbrüchlichen Bündnisses, das auf Schritt und Tritt auf dem Spiel zu stehen scheint, ohne je zu scheitern. Es ist das Gesetz der Stellvertretung, das jedem Gesellschaftsvertrag seine Stabilität verleiht. Im Akt der ersten grundlegenden Übereinkunft, der gemeinsamen demokratischen Gesinnung, entsteht ein Spiegelsystem der Reflexion und der Stellvertretungen. Jeder von ihnen reflektiert sich im anderen und tritt ihm angesichts des wechselseitigen Einvernehmens sein Recht ab. So wird die Grundlage für jenes stellvertretende Handeln geschaffen, das sie vorführen, wenn sie einander die Recherche der jeweils anderen Fälle überlassen und das Ergebnis ihrer Nachforschungen austauschen.

Das Bauprinzip des Gesprächs folgt dem schöpfungsgeschichtlichen Gesetz der Scheidung der Welt in einander entgegengesetzte und als Ganzes doch untrennbar zusammengehörige Bereiche. Wie der biblische Jehova Himmel und Erde, Licht und Finsternis, Abend und Morgen scheidet und das Wechselgesetz von Spiel und Gegenspiel den endlos-unendlichen Fortbestand der Welt sichert, so erbaut der Autor seine Dialogwelt aus Gegensätzen. Das kontrapunktische Gesetz organisiert die Handlungsräume wie die Wechselbeziehungen des Personals, die Trennung von Geschichtsbühne und Kammerspiel, die Scheidung in einen öffentlichen Raum historischen Handelns und den oppositionellen des zwischenmenschlichen Geschehens, das Gegeneinander von ideenbesessenen Männern und gefühlssicheren Frauen. Die Spannung von Pol und Gegenpol sorgt für die Unaufhörlichkeit der Bewegung und die Fortdauer der Gespräche über die Trennung hinweg.

Auf diese Weise wird eine Grenzerfahrung der modernen politischen Geschichte erzählt, die angesichts der jüngsten Enthüllungen über die verdrängte NS-Mitgliedschaft renommierter Germanisten an unvorhergesehener Aktualität gewonnen hat (FR vom 26. November und 10. Dezember 2003). In einer typologischen Gegenüberstellung konfrontiert Schädlich den streitbaren Eigensinn demokratischer Selbstbegründer mit der Nichtverständigung, den beflissenen Metamorphosen blind sich unterwerfender Opportunisten der Macht, die im geschichtlich-politischen Kampf ums Überleben dem autoritären Staat ihre Identität opfern. Mit der mythologischen Figur des Kentauren, der Zwiegestalt zwischen Mensch und Tier, teilen sie ihr Schicksal als Schiffbrüchige der Aufklärungs- und Humanitätsidee: Menschliche Andersheit also als Rückfall des Menschen in den Mythos, dem die Gattung im Prozess der Zivilisation entronnen ist. Solch doppelte Ironie ist das Ergebnis der platonischen Dialoge, die listig auf die Schulübungen der antiken Akademie anspielen.

Hans Joachim Schädlich: "Anders". Roman. Rowohlt Verlag, Reinbek 2003, 220 Seiten, 19, 90 Euro.

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