Mit dem Speer oder spitzer Feder

Peter Hoeres untersucht deutsche und britische Philosphie zwischen 1914 und 19 18

Von THOMAS MEYER

Zu jenen Disziplinen, die sich mit ihrer eigenen Geschichte schwer tun, ja am liebsten ganz auf den Blick in die Verstrickungen der Zunft mit den Zeitläuften verzichten würden, gehört seit jeher die Philosophie. Denn seit der Antike erliegen die sonst sich streng vom irdischen Verlauf der Dinge abgrenzenden Philosophen dem Schlachtenlärm, stürmen gerne mit voran, ob mit Speer, Seitengewehr oder spitzer Feder. Den Blick stets auf die ewige Gültigkeit philosophischer Aussagen gerichtet, waren und sind sie gerne bereit, sich dem nationalen Taumel zu unterwerfen. Doch all das ist für die ergebenen Schüler und Nachgeborenen zumeist peinlich, wenn ansonsten würdige Denker des Guten und Schönen sich als verblasene Chauvinisten, Gewaltenthusiasten und Kriegstreiber zu erkennen geben. Abweichler können allerdings mit der Lupe gefunden werden, wobei sich dann häufig die Wahrheit von Fichtes Satz bestätigt, dass die jeweils betriebene Philosophie sehr viel über den philosophierenden Menschen aussage.

Seit Hermann Lübbes 1963 erschienener Pionierstudie über die Politische Philosophie in Deutschland haben sich zahlreiche Autoren den Schriften von Philosophen zwischen 1914 und 1918 gewidmet. Gerade in jüngster Zeit sind sowohl gute Überblicksdarstellungen als auch überzeugende biographische Arbeiten entstanden, die jenseits von Entrüstungsrhetorik und nachholender Rechtfertigung materialreiche Einblicke in das Treiben der Weltkriegsintellektuellen bieten. Mühe bereitet nicht ohne Grund die schier unendliche Menge von Publikationen.

Kriegszeiten sind nämlich nicht nur Zeiten der Lüge, sondern lassen Tinte im Überfluss aufs Papier laufen: Mehr als 13 000 Titel verzeichnet eine von Kurt Flasch angelegte Bibliographie deutscher Philosophenschriften. Die Frage "Wie dem gerecht werden?" hat trotz aller Bemühungen noch keine befriedigende Antwort erfahren. Was bisher aber vor allem fehlte war eine komparative Monographie. Peter Hoeres, Historiker in Münster, hat diese Lücke mit seiner Dissertation zu den philosophischen Weltkriegsdebatten in Deutschland und England geschlossen.

Hoeres wählt einen konventionellen Zugang: Nach einer pointierten Zusammenfassung der Forschung, bietet er einen Abriss wichtiger philosophischer Strömungen bis 1914, um sich dann dem Deutschland- bzw. Englandbild in den beiden Ländern zuzuwenden. Mittels der Stichworte "Freund und Feind", "Staat", "Krieg", "Frieden" und "Philosophie und Politik" versucht er dann das umfangreiche Schrifttum zu systematisieren und in Thesen zu übersetzen.

Was Hoeres gelingt, ist nicht wenig: Auch wenn die Übersichten selten mehr als Handbuchwissen vermitteln, so ist der Leser doch sehr wohl informiert, bevor er sich mit den Protagonisten ins Kriegsgetümmel stürzt. Da Hoeres außerdem ständig klare Urteile fällt, kann man Seite für Seite entscheiden, ob man ihm folgen möchte oder nicht. Nicht weniger angenehm ist sein Stil, der zwischen Jargon und präziser Wiedergabe zumeist eine kluge Balance findet. Ebenfalls auf die Habenseite gehört Hoeres' Neigung zum Bilanzieren, das unter "Zusammenfassung und Vergleich" in der Tat konzentriert auf den Punkt bringt, was zuvor lang und breit referiert, kategorisiert und interpretiert wurde.

Der große Krieg der Sprachen

In der Darstellung der englischen Seite, die Hoeres unbefangener und eindrücklicher wiedergeben kann, weil sie in der deutschen Forschung bisher weitaus weniger berücksichtigt wurde, liegt der eigentliche Wert des Buches. Hoeres hat hier das Verdienst neben Aribert Reimanns wichtiger Arbeit über den "großen Krieg der Sprachen" wichtiges Neuland erschlossen zu haben. Die Werke etwa von Bernhard Bosanquet, Leonard Trelawny Hobhouse oder John Henry Muirhead sind bisher lediglich in England einigermaßen erschlossen worden; ab jetzt kann und muss man sie auch hier lesen. Hoeres besitzt nämlich in der Auswahl und Wiedergabe der englischen Agitation eine besonders glückliche Hand. Nunmehr können Aktion und Reaktion auf deutscher und englischer Seite besser verstanden werden, weil das Gegenüber Kontur erhalten hat.

Und doch hat die Bilanz immense Löcher und Deckungslücken. Manche davon sind prinzipieller Art. So etwa kann Hoeres an keiner Stelle einsichtig machen, dass die während des Ersten Weltkriegs veröffentlichten Schriften automatisch Beiträge zum Weltkrieg sind. Mühsam werden Paradigmen ausfindig gemacht, die noch die unberührtesten Schriften in ein Weltkriegsraster pressen.

Befangen bis hin zur Unselbstständigkeit ist Hoeres durch seine Entscheidung, Lübbes Studie zu folgen. Noch bei den kleinsten Gehversuchen hält er sich an der vierzig Jahre alten Arbeit fest, auch wenn das ausgebreitete Material das Duo blamiert. Da hilft es auch nichts, die neuesten Arbeiten griffbereit zu haben und die Fußnoten mit teilweise absurden Zurechtweisungen zu versehen. Ausgerechnet ein angesehener Forscher wie Ulrich Sieg muss sich Anmerkungen gefallen lassen, die bereits Grundschülern gegenüber perfide genannt werden müssten. Sehr unangenehm berührt, wie demgegenüber zweit- und drittklassige Autoren herbeizitiert werden - möglicherweise aus inneruniversitären taktischen Motiven. Hinzu kommen handwerkliche Fehler, etwa bei der Gewichtung von Quellen.

Viel Mühe und Fleiß hätte sich Hoeres jedenfalls sparen können, wenn er sich über die folgende Bemerkung David Baumgardts Gedanken gemacht hätte: "Mit der Erregtheit der Kriegs- und Nachkriegsjahre ist eine ältere, weithin verbreiterte Beschaulichkeit des Philosophierens besonders in Deutschland gründlich zerstoben. Leidenschaftliche Neigung und Empfänglichkeit für das extreme weltanschauliche Bekenntnis haben sich seitdem ausgebreitet, und erst damit hat sich die Zersplitterung des philosophischen Denkens bis ins Sektiererhafte verschärft. In solchen Zeiten wiegt die Kraft zu souveränem Ausgleich der zerrissenen Meinungen doppelt schwer."

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