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Spaß mit Tim, Tom und Emil

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Von: Sylvia Staude

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"Frühling und so" ist ein Titel von Rebecca Martin in der Roman-Reihe Anais.
"Frühling und so" ist ein Titel von Rebecca Martin in der Roman-Reihe Anais. © Schwarzkopf

Ein Thema, bei dem sich große Autoren furios blamieren können: die Schilderung des Geschlechtsakts. In dieses Dilemma begibt sich eine Roman-Reihe des Schwarzkopf & Schwarzkopf-Verlags. Von Sylvia Staude

Vor allem ein Thema gibt es, bei dem sich auch große Autoren furios blamieren können: die Schilderung des Geschlechtsverkehrs und seiner Varianten. Manche lassen es in ihren Büchern erst gar nicht dazu kommen, andere blenden zu Beginn dieser Tätigkeit diskret aus, manche schreiben ein, zwei nüchterne Sätze, eher wenige machen sich an eine ausführliche Schilderung. Denn erstens sind die Wörter, die für die direkt beteiligten Körperteile zur Verfügung stehen, allesamt irgendwie unelegant - medizinisch kühl, grob bis obszön, verniedlichend, lächerlich verblümt ("Lustgrotte"). Zweitens gibt es für den Akt selbst relativ wenige Varianten. Das Kamasutra täuscht eine Fülle vor, die für die meisten Menschen außerhalb ihrer Möglichkeiten liegt.

Heimliche Lektüre

In dieses Dilemma begibt sich beherzt eine neue Roman-Reihe des Schwarzkopf & Schwarzkopf-Verlags; sie ist gedacht vor allem für junge Leserinnen und greift hoch, indem sie unter dem Titel "Anais" läuft. Anais Nin ist die Mutter aller weiblich selbstbestimmten Porno-Prosa, ihr "Delta der Venus" (1977) war vor Jahrzehnten - wie es heute ist, kann die Verfasserin nicht sagen - die mehr oder weniger heimliche Lektüre aller Mädchen und Frauen, die Neugier im Leib hatten. In diesen Geschichten kommen Frauen und Männer, Frauen und Frauen, Männer und Männer so variantenreich, spielerisch, dramatisch und erregend zur Sache, dass einem mehr zum Thema nur noch einfallen kann, wenn man de Sadesche Brutalitäten bis hin zum Lustmord einbeziehen will.

"Anais" setzt den Rahmen weit, aber so weit denn doch nicht. Es gibt mit "Spieler wie wir" von Cornelia Jönsson etwas für Sado-Maso-Anhänger: Eine Begeisterung für Striemen und Fesselungen am laufenden Band äußert sich da, die Nicht-Afficionados kaum interessant finden werden. Ansonsten ist das Einkaufs-Prinzip für Jennifer Hirte, Programmleiterin von "Anais": die klare Selbstbestimmtheit der Frauen, von denen in den Romanen erzählt wird. Auf diese Weise grenzt sie außerdem den erotischen Roman vom - ja noch immer durch den männlichen Blick dominierten - Porno ab und sieht ihre Reihe auf der sicheren Seite: So lange die Frau Subjekt ist und genau weiß, was sie will, alle Entscheidungen trifft (in "Spieler wie wir" eben auch die, sich zu unterwerfen), so lange handelt es sich Hirtes Meinung nach nicht um einen Porno.

Ihr zweites Auswahlkriterium ist, und das ist nur logisch, die Wortwahl fürs sexuelle Handwerkszeug. Von Lustkolben und -grotten wolle sie nicht lesen, sagt sie. Hirte schätzt eine "angenehm kühle Art" des Erzählens, eine "Pragmatik in den Benennungen". "Schwanz" sei "Konsens" und allemal besser als "Kolben". Fürs weibliche Pendant ist die Auswahl sowieso geringer (warum eigentlich?); hier überwiegt in den Anais-Romanen sehr deutlich das Duo Möse und Muschi. Aber es gibt auch den, au weia, "kochenden Schoß". Und die "Schmetterlinge im Bauch". Die Viecher haben sich im Liebesroman schon vor Jahrzehnten totgeflattert.

Das dritte Kriterium, nach dem Jennifer Hirte die Romane aussucht, ist deren Verankerung in der, wie man so schön sagt, aktuellen Lebenswirklichkeit. In "Spieler wie wir" hören die Bindungswilligen Goldfrapp und Rosenstolz, die Heldin von Anna Blumbachs "Kurze Nächte" ist alleinerziehend und Hartz-IV-Empfängerin. Und in Rebecca Martins "Frühling und so" sagt Ich-Erzählerin Raquel - eine mit Berliner Schnauze - gleich zu Anfang: "Ich führe ein relativ durchschnittliches Mädchenleben." Also Discos, Partys, Jungs. Nicht ganz repräsentativ dürfte auch hier die schiere Zahl der Jungs sein - aber wer würde einen erotischen Roman lesen wollen, der sich auf die durchschnittliche Anzahl von Geschlechtsverkehren in deutschen Haushalten beschränkt?

"Anais" glaubt, eine Marktlücke ausgemacht zu haben: Selbstbewusste, zu ihren Lust-Wünschen stehende junge Frauen (junge Männer lesen eh nicht, die gucken vermutlich im Internet Porno-Seiten). Die Cover der Anais-Reihe - eine junge Frau, der es die langen Haare ins Gesicht weht, eine junge Frau (angezogen!) im Sommerfeld - sind so dezent, dass man sie in jeder Bahnhofsbuchhandlung ungeniert an die Kasse tragen kann. Zumindest bei "Frühling und so" hat das auch bereits prima funktioniert: Das Buch war auf der Spiegel-Bestsellerliste.

Wie beim Pony

Es ist aber auch dasjenige mit dem frischesten, unverbrauchtesten Ton: Autorin Rebecca Martin ist Jahrgang 1990 und offenbar ein Schreibtalent. Die lässige Sportlichkeit, mit der sie über das Geschlechtsleben ihrer Heldin erzählt (aber eben auch über anderes), hat eine Kritikerin zu der Formulierung veranlasst, in den Anais-Bänden sei von Sex mit der "Fröhlichkeit von Pony-Romanen" die Rede: Vom Glück auf dem Rücken der Pferde zum Spaß auf dem Schwanz von Tim, Tom oder Emil.

Da ist was dran. Und das hat einen Haken. Die Selbstverständlichkeit, mit der sich die Heldinnen der Anais-Romane zu Befriedigung verhelfen, wann immer es sie juckt (und sie auf willige Partner treffen), dazu der möglichst natürliche, schnoddrige Erzählton, beides entzaubert und entdramatisiert den Akt so sehr, dass sich nach relativ kurzer abendlicher Lektüre (jedenfalls bei der Rezensentin, die allerdings nicht mehr wirklich zur Zielgruppe gehört) eines einstellt: blanke Müdigkeit.

www.anais.de

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