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Spaß und Sport und Standesrepräsentation

Zwischen Frondienst und Waidgerechtigkeit: Werner Rösener schreibt eine Kulturgeschichte der Jagd, ihrer rechtlichen Regulierungen und ihrer Protagonisten

Von UTE ESSELMANN

Um 1330. Eine Dame auf Eberjagd. Ihr Kleid dünkt uns ein Risiko; doch die Dame ist passioniert und deshalb auch durch einen Rocksaum nicht aufzuhalten; ihr Speer rammt die Wildschweinbrust. Verewigt worden ist die Szene als Randminiatur im Stundenbuch (Gebetbuch) namens Taymouth Hours. Nun, speziell über kleidungsbedingte Unfälle hat Werner Rösener, Professor für Geschichte an der Universität Gießen, nichts zu berichten. Andere Unfälle kommen vor. Nicht nur Tiere leiden im Laufe dieser Jagdgeschichte.

Besonders kurzweilig liest sich das Kapitel: "Frauen und Jagd im Mittelalter". Im Spätmittelalter war die Hetzjagd auch bei den Damen sehr beliebt. Philippa von Hainault, Gattin von Englands Edward III., renkte sich auf einer solchen Vergnügung die Schulter aus. Die schottische Königin Maria Stuart entkam nur knapp dem Schicksal, überritten zu werden. Bei der Beizjagd mit Falken blickte man naturgemäß oft himmelwärts, statt auf das Gelände zu achten. Maria von Burgund, die erste Gemahlin von Kaiser Maximilian I., ist bei einer solchen Jagd auf Reiher zu Tode gestürzt. Dito seine zweite Frau, Bianca Maria Sforza.

Was hat die Edelfrauen motiviert, sich solchen Risiken auszusetzen? Ihren Männern diente die Jagd als Zeitvertreib, zur Kampferprobung und Betonung der eigenen Herrlichkeit. Nicht umsonst hielt der Adel über Jahrhunderte an seinen exklusiven Jagdrechten fest. Ein 1682 verfasstes Werk (der Neuzeit) rühmt die Jagd als "eine Gemütserquickung, eine Schwermutsvertreibung, eine Feindin des Müßiggangs und aller daraus entspringenden Laster, eine Ernährerin der Gesundheit, Übung des Leibs, Vorspiel und Spiegel des Krieges und eine gute und reiche Küchenmeisterin, die unsere Tafeln mit herrlichen Speisen versorgt".

Beim Turnier des Mittelalters blieben Frauen auf die Zuschauerrolle beschränkt, wobei sie ihre Favoriten "durch Zurufe und kleine Geschenke aufmunterten", wie Rösener es formuliert. Die Jagd dagegen brachte Sport und Spaß für die Frauen. Sie diente ihnen zur Selbstinszenierung und Standesrepräsentation. Und last but not least, obwohl man nie zu zweit allein war, erlaubte sie erotische Kontakte, "wie sie innerhalb der engen Grenzen von Burg und höfischer Umgebung nicht möglich und aufgrund der Anstandsregeln gerade für junge Frauen auch nicht zuträglich waren".

So weit, so aufregend. Aber darüber hinaus? Ist Die Geschichte der Jagd tatsächlich auch für Laien ein lesenswertes Buch? Auf über 400 Seiten erhellt der Wälzer die Grundlagen der europäischen Jagd (Frühgeschichte, frühe Hochkulturen, Antike), die Jagd im Mittelalter, der Neuzeit und die moderne Jagd (ausgerechnet dieser letzte Teil keine 20 Seiten umfassend und somit relativ unerheblich). Daß trotz der Überlänge die Lektüre nur zeitweilig mühsam ist, liegt vor allem daran, weil die Jagdgeschichte der vergangenen 1000 Jahre vor sozialen Ungerechtigkeiten nur so strotzt.

Selbstverständliche Privilegien

Die Stichworte lauten unter anderem Frondienst, Jägeratzung, Hundelege. Während der Völkerwanderung und mit Einschränkungen wohl auch im frühen Mittelalter galt die Freiheit der Jagd. Danach kam es zunehmend schlimmer für die einfachen Leute, denn ihr Recht auf Tierfang wurde stark beschnitten oder abgeschafft (Forst- und Wildbann der Könige, Wandel des Jagdrechts zum Regal der Landesherren), außerdem wurden sie gezwungen, künstlich gepäppelte Wildbestände und rücksichtslose Jagdtrupps ihre Felder verwüsten zu lassen. Im 15. und 16. Jahrhundert verloren viele Bauern auch die Reste ihres Jagdrechts, und selbst der niedere Adel hatte zumindest einen Teil seiner Privilegien an die Landesherren abzutreten. Anschläge auf Wildtiere wurden zunehmend als Verbrechen gegen den Eigentümer gesehen. Und entsprechend bestraft: Kastration, Blendung, Landesverweis, Abhacken von Händen und Füßen bis hin zu Galeeren- und Todesstrafe werden von Rösener erwähnt.

Unter Frondiensten litten die Bauern über Jahrhunderte. Sogar während der Erntezeit mussten sie das Jagdzeug herrichten und transportieren, Wagen und Pferde stellen, als Treiber und Boten fungieren, die Beute wegschaffen und dergleichen mehr. Ferner hatten Klöster, leistungsstarke Bauernhöfe oder ganze Gemeinden die Pflicht, die Jäger durchzufüttern; "Jägeratzung" wurde diese Zumutung genannt. "Wenn die Verpflegung aus organisatorischen Gründen nicht bei den Pflichtigen selbst stattfinden konnte, wurden ihnen Wirtshausrechnungen präsentiert. ... Diese beträchtlichen Kosten wurden durch Missbräuche weiter gesteigert: Oft wurde über die vielen fremden Gäste geklagt, die die Jäger bei ihren Jagdkampagnen mitbrachten; besonders das ortsansässige und gar nicht atzungsberechtigte Forstpersonal nutzte die Gelegenheit und ließ sich manchmal tagelang ausgiebig bewirten."

Sogar die Aufzucht und Ernährung der herrschaftlichen Jagdhunde bekamen die Bauern aufgedrückt (Hundelege). Selbstsucht statt Fairness, auf die Spitze getrieben, herrschte aber auch im Umgang mit den Tieren: Im 18. Jahrhundert waren pompöse "eingestellten Jagden" an den Fürstenhöfen besonders in Mode. Um zu Anlässen wie Geburtstagen oder Hochzeiten Unterhaltung vom Feinsten zu bieten, wurden Schießstände für die Damen und Herren montiert und die Bauern der Gegend gezwungen, ihnen hunderte Wildtiere vor die Schusswaffen zu treiben. Für "Kampfjagden" wurden Hunde auf Bären oder Wölfe auf Hirsche gehetzt. Besonders beliebt, so Rösener, war auch das "Fuchsprellen": Die Füchse (wahlweise Hasen) wurden in Netze oder Tücher gesetzt und vom Jagdpersonal oder den Gästen hochgeschleudert, bis sie starben. "Verendeten", schreibt Rösener.

Sprachmarotten der Jägerschaft

Von solchen Perversionen berichtet der Autor in deutlich kritischem Ton. Schade aber, dass Waidgerechtigkeit und grundsätzliche Fragen der Zulässigkeit des Jagens in seinem Werk nur sparsam behandelt werden. Wo moralische Erwägungen vorgestellt werden, geht es oft um die Jagd als Mittel gegen Müßiggang oder contra pflichtvergessene, jagdbesessene Herrscher. Von Mitleid mit den Tieren ist dagegen kaum je die Rede. Was dem Buch fehlt, ist eine Extraportion Geschichte der Jagdkritik. Auch dass Rösener die Tiere dauernd (unbewusst) herabwürdigt zu einem "Stück Wild" oder "Vieh" und die Sprachmarotten der Jägerschaft allzu bereitwillig übernommen hat, wird einige Leser stören.

Ansonsten gilt: Das Buch ist bestimmt nicht flott geschrieben ("Aufstandsbereitschaft der Bevölkerung", "materielles Substrat der neuen Forsten"), aber eindrucksvoll kenntnisreich. Bisweilen wirkt der Text, als seien bestehende Aufsätze eingearbeitet worden, was Redundanz erzeugt und der Klarheit nicht dienlich ist. Kommt hinzu ein lustlos gemachtes Glossar. Die Bedeutung von Wörtern wie Artenschutz, Aufforstung, Gehege, Wechsel hatten wir auch vorher schon aufgeschnappt. Sprich: Man hätte sich die Mühe sparen können, sie überhaupt aufzunehmen. Begriffe wie Allmende, Brühl, Drossel, Gescheide, Kleinhäusler, Landstände, Inwohner waren uns dagegen bis dato nicht begegnet. Also ab damit ins Glossar ... im nächsten Buch zur Jagdgeschichte. Und noch ein Wunsch: Mehr Bilder! Mehr Bilder wären toll gewesen.

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