1. Startseite
  2. Kultur
  3. Literatur

Spanische Lyrik: Aus den überquellenden Aschenbechern des Lebens

Erstellt:

Von: Martin Oehlen

Kommentare

Ohne Cervantes geht es nicht – hier als Statue in seinem Geburtsort Alcalá de Henares.
Ohne Cervantes geht es nicht – hier als Statue in seinem Geburtsort Alcalá de Henares. © Curto de la Torre/afp

Von den frühen „Notrufen des Begehrens“ bis ins weltoffene Lateinamerika: Eine vorbildliche Anthologie stimmt vor der Buchmesse auf spanische Lyrik ein

Am Anfang steht die Liebe: „Ach, soviel Liebe, soviel Liebe, mein Liebster, soviel Liebe!“ Verse wie diese aus dem 11. Jahrhundert gehören zu den frühesten Zeugnissen der spanischen Lyrik. Die sogenannten Chardschas („Ausgänge“) wurden von den höfischen Dichtern Andalusiens zuweilen an die Enden ihrer arabischen oder hebräischen Gedichte gesetzt. Was literaturgeschichtlich bedeutsam ist: Einige dieser „erotischen Lockrufe“ wurden auf Mozarabisch verfasst, also einer Mischung aus romanischen und arabischen Sprachpartikeln. Daher platziert Martin von Koppenfels, Literaturwissenschaftler an der Ludwig-Maximilians-Universität in München, die Chardschas an den Anfang der von ihm herausgegebenen Schatzkammerausgabe der spanischen und hispanoamerikanischen Lyrik.

Die vierbändige Anthologie ist in jeder Hinsicht überwältigend. Eine derart umfassende Präsentation der spanischen und dann eben auch hispanoamerikanischen Lyrik von den Anfängen bis in die Gegenwart hat es auf dem deutschsprachigen Buchmarkt noch nicht gegeben. Selbst im Weltvergleich – natürlich mit Ausnahme des spanischsprachigen Raumes – lässt sich eine solche Anthologie kaum finden.

Herausragend ist die zweisprachige Ausgabe zudem, da sie eine konzentrierte Erläuterung der Lyrik über 1000 Jahre hinweg liefert. Dazu tragen die jeweiligen Vorworte bei – neben Gesamtherausgeber Koppenfels sind bei den Einzelbänden noch Horst Weich, Joanna Schumm, Susanne Lange und Petra Strien sowie Bernhard Teuber und Gerhard Poppenberg beteiligt. Und insbesondere der ausführliche Kommentar bietet eine Fülle von Hinweisen: Zur Vita, zum Werk, zur Rezeption und zur Übersetzung. Mit Anspruch auf Wissenschaftlichkeit und Verständlichkeit. Ein Füllhorn.

Mit Blick auf die reiche Überlieferung wagt Martin von Koppenfels die These, dass in den spanischsprachigen Kulturen „von einer lyrischen Disposition“ die Rede sein könne. Dabei verweist er unter anderem auf Miguel de Cervantes, der in seinem Roman „Don Quijote“ ein Kompendium der beliebtesten Gedichtformen seiner Zeit untergebracht hat. Selbstverständlich werden Cervantes-Gedichte auch in der Anthologie dokumentiert.

Von alledem weiß man im deutschsprachigen Literaturraum noch nicht so viel. Spanische Texte sind hier im Vergleich zur französischen, angelsächsischen oder italienischen Literatur eher selten übertragen worden. „Das Interesse der Deutschen an dieser großen poetischen Kultur war jahrhundertelang indirekt, fragmentarisch und von Zufällen und Missverständnissen geprägt“, schreibt Koppenfels.

Gewiss gab es auch in der Vergangenheit Übersetzungen – nicht selten von Kapazitäten wie Joseph von Eichendorff, Edith Stein, Stefan George, Ludwig Uhland, Karl Friedrich Wilhelm Schlegel, Hans Magnus Enzensberger. Dennoch mussten sehr viele Gedichte eigens für diese Ausgabe übertragen werden – sie machen „zwei Drittel des Gesamtvolumens“ aus. Da werden gewaltig klaffende Lücken in der Vermittlung geschlossen.

Dass die Übersetzung von Lyrik eine außerordentliche Herausforderung ist, steht außer Frage. Die vorliegende Ausgabe ermöglicht daher mit gutem Grund den Sprachen-Vergleich. Auch mit geringen Spanischkenntnissen wird man manche Variationen zwischen Original und Übertragung ausmachen können. Dennoch ist klar: Bei dieser Edition ist Formbewusstsein die oberste Übersetzungsregel und nicht das freie Nachempfinden.

Es ist ein Rausch durch die Zeiten, zu dem diese vier Bände einladen. Darin geht es von den frühen „Notrufen des Begehrens“ zu den geistlichen Gesängen, von den volksliedhaften Romances zu den streng getakteten Sonetten, vom ersten „Siglo de Oro“ der Renaissance zum zweiten „Goldenen Zeitalter“ im Barock, vom „Modernismo“ zum „Postmodernismo“, vom kurzen Vers zum beliebten Langgedicht (allerdings muss bei Pablo Nerudas „Canto general“ von 1950, der mehr als 230 Einzelgedichte aufweist, verständlicherweise ein Ausschnitt genügen).

Das Buch:

Martin von koppenfels (Hg.): Spanische und hispanoamerikanische Lyrik. Vier Bände im Schuber. Beck 2022. 2642 S., 158 Euro.

Eine Blütenlese mit vielen Größen wird geboten. Da nennen wir nur König Alfons X. (den Weisen), Teresa von Avila, Luis de Góngora, Lope de Vega, Francisco de Quevedo, Sor Juana Inés de la Cruz, Rosalía de Castro, José Martí, Rubén Darío, Antonio Machado, Juan Ramón Jiménez, César Vallejo, Gabriela Mistral, Pablo Neruda, Jorge Luis Borges, Federico García Lorca, José Lezama Lima und Octavio Paz.

Aber selbstverständlich gilt: Gerade die weniger oder gar nicht bekannten Namen laden zu Entdeckungen ein. Da stoßen wir auf den Mexikaner Amado Nervo (1870-1919), der auf der Höhe seines literarischen Ruhms in Uruguay stirbt, wo er sein Land repräsentiert: „Eine Schiffseskorte der Marine überführt den Leichnam des Botschafters in einer sechsmonatigen Tour zurück nach Mexiko, wobei der Tross verschiedene Häfen Lateinamerikas ansteuert und die Menschen ihm Reverenz erweisen.“ Ein Kontinent, der seine Dichter ehrt.

Was angesichts der großen Auswahl nicht zu übersehen ist: Die Zahl der Lyrikerinnen ist vergleichsweise gering. Rosa Chacel (1898-1994) gehört dazu. Erstmals werden hier Gedichte der Spanierin präsentiert, die bei uns bislang nur als Erzählerin bekannt geworden ist. Auch erfährt man bei dieser Gelegenheit, dass ihr die Verse dann besonders leicht von der Hand gingen, „wenn sie zu Fuß unterwegs war, in der Straßenbahn oder einem anderen Fahrzeug“. Die Bewegung half beim Auffinden der klassischen Rhythmen.

Eine „erste Glanzzeit der iberischen Lyrik“ markiert die Regentschaft von König Alfons dem Weisen (1221-1284). Er sei zwar „in politischen Dingen nicht recht erfolgreich“ gewesen, lesen wir im ersten Band. Doch kulturell seien seine Leistungen „nicht hoch genug zu veranschlagen“. Er selbst schrieb Gedichte und trat überdies als Mäzen auf. Dieser Alfonso el Sabio lud „die besten Dichter seiner Zeit“ an seinen vielsprachigen Hof, „sowohl die provenzalischen als auch die galicisch-portugiesischen Trobadors“. Zudem förderte er die legendäre Übersetzerschule von Toledo. In der lyrischen Vorrede zu seinen „Marienliedern“ reimt Alfons gleichsam in eigener Sache: „Weil Dichten eine Sache mit Verstand ist, / sieh, Dichter, zu, dass Du auch bei Verstand bist, / und dass die gute Rede Dir zur Hand ist, / damit Du alles sagen kannst und weißt, / wie Du es sagst, und was zur Freude reicht, / nur dann weißt Du, was wahres Dichten heißt.“

Was wahres Dichten heißt, ist ein ewiges Thema. Auch beim Kubaner José Martí, mit dem „die lateinamerikanische Lyrik bereits Ende des 19. Jahrhunderts in die Moderne“ stürmt, wie Susanne Lange und Petra Strien im Nachwort zum dritten Band schreiben. Während sich Spanien zu der Zeit mit sich selbst beschäftigt habe, habe Lateinamerika „neugierig in alle Richtungen“ geblickt. Der Kommentar würdigt Martís Rolle: „Der schmächtige Mann, der am 19. Mai 1895 im eleganten Anzug auf einem weißen Pferd im kubanischen Unabhängigkeitskampf voranprescht und aus dem Hinterhalt erschossen wird, nimmt eine einzigartige Stellung nicht nur zwischen Spanien und Lateinamerika ein, sondern auch zwischen den lyrischen Traditionen.“

Die Reise endet nach mehr als 800 Gedichten beim Chilenen Jaime Luis Huenún (Jahrgang 1967). Der Sohn eines Mapuche und einer Chilenin, der seit 2006 an der Universität Diego Portales in der Hauptstadt Santiago Dozent für indigene Lyrik Lateinamerikas ist, schließt den Kreis „mit diesen Gedichten, die friedlich herunterbrennen / in den überquellenden Aschenbechern des Lebens“.

Die Sorgfalt, die dieser Edition zuteil wurde, mag sich exemplarisch an einer Arabeske erkennen lassen. Mit einem kleinen Pfeil am Ende manch eines Gedichts wird auf ein anderes Gedicht verwiesen, zu dem eine wie auch immer geartete Beziehung besteht. Nicht immer wird sofort deutlich, worin die inhaltliche oder formale Parallele liegen könnte. Aber ein zusätzlicher Reiz, durch dieses lyrische Universum zu reisen, ist es allemal.

Auch interessant

Kommentare