Späte Nachfrage

Die gesammelten Aufsätze von Norbert Elias in drei Bänden

Von RÜDIGER ZILL

Manch einer kann die Tinte nicht halten, andere wieder leiden unter einer Schreibblockade, die das Lebenswerk auf schmale Aufsatzbändchen zusammenschrumpfen lässt. So etwas mag man unter individueller Pathologie abbuchen. Jenseits dessen stehen die Auswirkungen des Wissenschaftsbetriebs auf den Textausstoß. Die Produktion von reinen Aufsatzbänden hat in den letzten Jahrzehnten enorm zugenommen; heute entgeht kaum eine der zahlreichen Tagungen von Sonderforschungsbereichsuntergruppen der Veröffentlichung. Andererseits ist die Produktionsdichte auch Zeichen kollegialer Anerkennung: Je renommierter ein Autor ist, um so begehrter ist er als Beiträger zu einem Sammelband. Die Nachfrage stimuliert das Angebot.

Das zeigt sich mit seltener Deutlichkeit am Fall von Norbert Elias, in dessen Gesammelten Schriften gerade drei Bände mit Aufsätzen, Vorträgen und Grußworten erschienen sind. Die drei zusammen mehr als 2 000 Seiten starken Bände versammeln alle zu Lebzeiten von Elias publizierten kleineren Schriften mit Ausnahme einer Handvoll Kleinstbeiträge, die schon in den Frühschriften enthalten sind. Vor seinem 50. Lebensjahr war Elias als Aufsatzautor kaum gefragt; jenseits der 80 stieg die Nachfrage exponentiell. Sinnfälliger könnte die Entwicklung des heute berühmten Soziologen von einem kaum beachteten Exilanten im englischen Leicester zum weithin gelesenen Erfolgsautor kaum werden. Das heißt natürlich nicht, dass Elias vorher nicht produktiv war. Das Material aus dieser Zeit hat sich vielmehr erst später zu Büchern materialisiert.

Arrivierte und Außenseiter

Elias' Arbeit ist also selbst ein exzellentes Beispiel für das Verhältnis von Arrivierten und Außenseitern in der Wissenschaft, das er in seinem rund 100-seitigen Aufsatz "Wissenschaftliche Establishments" von 1982 thematisiert hat. Hier denkt der Außenseiter Elias über die Bedeutung des wissenschaftlichen Establishments für einzelne Disziplinen, vor allem aber auch für das Verhältnis wissenschaftlicher Fächer untereinander nach. Erstaunlicherweise zeigt sich dabei, dass es Elias nicht um die Rolle des um seine Chancen gebrachten Exilanten geht, vielmehr ist es eine viel frühere, eine disziplinäre Verletzung, die im Vordergrund steht: die mangelnde Anerkennung, die der in den zwanziger Jahren zur Soziologie übergewechselte Philosoph von seinem ehemaligen Fach zu erfahren meint.

Vorherrschaftskämpfe zwischen einzelnen Fächern können erbittert und lang anhaltend sein, und Elias hat vor allem die Kämpfe zwischen Philosophen und Soziologen im Blick, wenn er schreibt, "sie können den Establishments mit niedrigem Status, den Außenseitern und Unterlegenen, schweren Schaden zufügen. Obwohl sie normalerweise nicht zu physischen Verletzungen führen, sind seelische Verletzungen häufig und oft schwer." Man hört hier noch einiges aus seiner Heidelberger Assistentenzeit nachhallen. So wird denn auch der Ton des knapp 90-Jährigen, der sein Leben lang immer wieder auf die Bedeutung wissenschaftlicher Distanz für die Entwicklung des Wissens hingewiesen hat, an den Stellen, an denen es gegen die Transzendentalphilosophie geht, besonders leidenschaftlich.

Aber nicht nur gegen die Ansprüche der Philosophie zieht Elias zu Felde, sondern auch gegen die der Vorzeigewissenschaft Physik oder der Politik. Es handelt sich durchweg um stark engagierte Texte. Eine eigentlich soziologische Betrachtung, wie sich wissenschaftliche Establishments entwickelt haben, wie sie agieren und auf die konkrete Gestalt des Wissens Einfluss nehmen, kommt nur en passant in den Blick.

Diese Art Machtkämpfe beschreibt Elias viel klarer und detailgenauer dort, wo es nicht um sein eigenes Metier geht, etwa in seinen Studien zur Genese des Marineberufs im frühneuzeitlichen England. Zu dieser Zeit hatte sich der Beruf des militärischen Schiffsoffiziers in einem lange währenden Prozess herausgebildet, indem er zwei gegensätzliche Gruppen amalgamierte: die aristokratischen Gentlemen, die gewohnt waren die militärische Befehlsgewalt auszuüben, und die Handwerker zur See, die zunächst zivile Praktiker der Seefahrt waren. Elias kann diesen "Clash of Civilizations" paradigmatisch an der Auseinandersetzung zwischen Francis Drake und seinem Partner Thomas Doughty auf deren berühmter Weltumseglung zeigen.

Insgesamt zählt diese Sammlung, die viele sonst nur sehr entlegen erschienene und teilweise bislang nicht übersetzte Texte greifbar macht, sicher zu den verdienstvollsten Teilen der kurz vor ihrem Abschluss stehenden Ausgabe der Gesammelten Schriften von Elias. Dabei tritt auch ein sonst nur wenig bekanntes Detail aus Elias' Biographie zutage: Als er von 1962 bis 1964 Soziologie an der Universität von Ghana lehrte, nutzte er die Gelegenheit, um einheimische Kunst zu sammeln. 1970 konnte er seine Schätze in Leicester öffentlich zeigen. Der Katalog der Ausstellung und einige weitergehende Reflexionen, die Elias aus diesem Anlass niederschrieb, fanden Eingang in die Aufsatzbände, der Katalog allerdings nur in Auszügen. Hier haben die Herausgeber ausnahmsweise auf Vollständigkeit verzichtet, wohl weil sie glaubten, dass die Beschreibung einzelner Ausstellungsstücke nur in wenigen Fällen ergiebig sei. Das mag stimmen, dennoch hätte der Leser gern selbst entschieden, an welchen Stellen er sich langweilen will. Auch das ist eine der Aufgaben von Gesamtausgaben. Wenn schon, denn schon.

Norbert Elias: Gesammelte Schriften. Bde. 14 - 16: Aufsätze und andere Schriften I -III. Suhrkamp Verlag, Frankfurt/M. 2006, 652, 448 und 576 Seiten, 38, 32 und 35 Euro.

Das könnte Sie auch interessieren

Mehr zum Thema

Kommentare