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Späßchen zur Stunde

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Theoretisch zeigen Briten auch beim Lesen Stil.
Theoretisch zeigen Briten auch beim Lesen Stil. © rtr

Rechtzeitig, bevor die Shortlist zum Deutschen Buchpreis 2014 bekannt gegeben wird: Heute erscheint „Der beste Roman des Jahres“ von Edward St Aubyn und erzählt von der britischen Seite der Angelegenheit.

Es ist schwer zu sagen, ob das Leben vor der Erfindung des Deutschen Buchpreises nicht doch besser war. Gegenwärtig herrscht der Longlist-Stress, der aus drei Elementen besteht: der zehrenden Frage, ob es eine gute Longlist ist, einer Frage, die man flott, aber kaum restlos seriös beantworten kann, denn auch eine gescholtene Jury dürfte beim Lesepensum die Nase vorn haben; der theoretischen Seelenpein, dass das deutsche Bücherjahr aber doch nicht aus zwanzig Romanen besteht, obwohl es augenblicklich so aussieht; der praktischen Not, möglichst viele Titel der Longlist möglichst in Ruhe selbst zu lesen, bevor demnächst die Shortlist folgt. Das ist für den Buchhandel offenbar gut, für die nominierten Autoren offenbar großartig, für den Betrieb offenbar belebend und nur ein wenig lästig. Alles in allem kein Drama.

Darum erscheint nun auch mitten hinein in die Tage zwischen langer und kurzer Liste eine veritable Komödie zum Thema: der neue Roman des Briten Edward St Aubyn, der auf Deutsch den schönen und frechen Titel „Der beste Roman des Jahres“ trägt. „Lost for Words“ hieß das Original verblümter.

Der Betrieb interessiert sich derzeit durchaus für sich selbst, eben erst schreibt Julia Trompeter in „Die Mittlerin“ übers Romanschreiben und Bodo Kirchhoff in „Verlangen und Melancholie“ übers Preisevergeben. Und vor allem hat Marlene Streeruwitz in „Nachkommen“ den Deutschen Buchpreis persönlich in den Blick genommen und damit ihrerseits die Longlist erreicht. Demgegenüber ist St Aubyns „Bester Roman des Jahres“ das reinste Späßchen, das einzige zudem, bei dem die Doppelbödigkeit weitgehend mit dem Titel endet. Ab hier zählt nurmehr der blanke Irrsinn.

Der Elysia Preis ist, wie in England weit üblicher als hierzulande, wo selbst das Waldstadion am Ende doch das Waldstadion bleibt, mit einem Firmennamen versehen. Dass die Firma, mittlerweile in asiatischer Hand, windige Geschäfte mit genmanipulierten Lebensmitteln macht – St Aubyn hat sich ein paar fantastische Beispiele überlegt –, tritt in den Hintergrund angesichts einer indiskutablen Jury und einer Longlist-Auswahl, unter die versehentlich auch ein Kochbuch geraten ist. Insofern grenzt „Der beste Roman des Jahres“ an eine Klamotte, die allerdings edel ausgeführt ist.

Leichthändig etabliert St Aubyn eine Handvoll Figuren, aus deren Perspektiven das haarsträubende Geschehen geschildert wird: Der aus der Politik kommende, nicht böswillig, sondern strukturell korrupte Juryvorsitzende (er kennt es nicht anders); die zwanghafte Literaturwissenschaftlerin; die intellektuell hilflose Hobbyleserin und -autorin; der unglückselige Lektor, dessen Praktikantin aus Unkonzentration das Kochbuch eingereicht hat; die gutmütige indische Autorin des Kochbuchs, die wirklich bloß ein Kochbuch schreiben wollte; deren reicher Neffe, der seinerseits einen umfangreichen Roman im Selbstverlag veröffentlicht hat und ein Attentat auf die Jury plant, die ihn nicht auf die Longlist setzt; die Autorin, deren seriöses Buch anstelle des Kochbuchs hätte teilnehmen sollen und in die alle Männer des Romans verzweifelt verliebt sind. Auch der einzige fähige Autor, der zufällig auf die Shortlist gerät, aber dort selbstverständlich chancenlos bleibt.

Grundsätzlich gilt: Die Bücher werden lediglich quer gelesen. Es geht um Wer-weiß-was, aber nicht um Literatur. Es geht zum Beispiel um Macht, Sex, schockierende Eitelkeit und nicht zuletzt um ein permanentes Durchmogeln: durchs Leben, durch eine Lektüreliste, durch das nächste Jurytreffen. Und schon jetzt können Sie mitraten, wer den Preis als „bester Roman des Jahres“ gewinnen wird. Die so weit  vergnügliche Lektüre gewinnt noch deutlich, indem der Übersetzer Nikolaus Hansen St Aubyns bekanntermaßen nüchternen Humor in ein entsprechend untertriebenes Deutsch bringt.

Einen doppelten Boden gibt es nicht, aber es gibt trotzdem einen unerwarteten, ganz gemeinen realistischen Anteil im lustigen Getümmel. So lässt St Aubyn seine Figuren etwa vor unseren Augen in den eingereichten (und in selbst geschriebenen) Büchern lesen, lässt uns auch selbst mitlesen und verfolgen, wie die Figuren darüber nachdenken. Sofern sie denken. Das sind Kabinettstückchen über den Umgang mit Literatur, die Ungeduld – „oh, dachte Penny, komm endlich zur Sache. Diese ganze Beschreiberei machte sie noch verrückt“ –, die simple Einforderung von persönlicher Betroffenheit, die literaturwissenschaftliche Weit- und zugleich Kurzsichtigkeit, die Routine auch der Rezensentensprache.

Ausgerechnet Penny wird man dabei eventuell lieb gewinnen, das intellektuell am deutlichsten überforderte Jurymitglied, dessen Hauptleistung darin besteht, einen extragroßen Teekessel in die Sitzungen mitzubringen. Penny arbeitet an einem Agententhriller, für den sie eifrig ein skrupelloses Versatzstück-Computerprogramm benutzt.

Familiäre Desaster und Schrecken lauern, sie spielen aber in diesem Buch des Familienschrecken-Spezialisten St Aubyn nur am Rande eine Rolle. Man könnte auf den Gedanken kommen, dass er klare Ansichten darüber hat, was schlimm ist und was nicht. Und eine vermurkste Literaturauszeichnung mag ihm ein Witz sein, aber keine Tragödie. Das wäre also nichts Neues, aber man darf daran erinnern.

Edward St Aubyn: Der beste Roman des Jahres. Aus dem Engl. von Nikolaus Hansen. Piper Verlag, München / Zürich 2014. 253 Seiten, 16,99 Euro.

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