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Der Sozialstaat ist der schlimmste Feind

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Bekenntnisprosa, die sich um Realitäten herumdrückt, bestraft der Markt - wenn es nach dessen Gesetzen ginge.

Von RUDOLF WALTHER

Politiker, die zu spät kommen, bestraft das Leben. Bekenntnisprosa, die sich um Realitäten herumdrückt, bestraft der Markt - wenn es nach dessen Gesetzen ginge. Die FDP sponserte Ulrike Ackermanns Buch "Eros der Freiheit". Die Autorin lehrt an einer privaten Fachhochschule Politische Wissenschaft mit dem Schwerpunkt "Freiheitsforschung".

Diese Freiheitsforschung befasst sich mit den "historischen und ideengeschichtlichen Grundlagen des Kapitalismus", fällt allerdings etwas grob gestrickt aus und lehnt sich stark die Thesen von Friedrich August von Hayek (1899 - 1992) aus den späten 1940er Jahren an. In dieser robust vereinfachenden Perspektive ist der Dauerfeind der Freiheit der "Paternalismus des Staates", den Ackermann beim Rauch- und Alkoholverbot in Talkshows ebenso sein Unwesen treiben sieht wie bei der verordneten Mülltrennung oder bei der Bauordnung für Häuser und Garagen.

Die schlimmste Ausprägung von "Vater Staat" ist für Ackermann allerdings der Sozialstaat. Sie hält "Sozialetatismus und Arbeitskorporatismus" - historisch falsch - für "Erbschaften aus beiden deutschen Diktaturen", als ob es früher und anderswo keine sozialstaatliche Domestizierung des Kapitalismus gegeben hätte. Dem Sozialstaat kommt in dieser verschrobenen Perspektive als einziges Verdienst zu, den "Bürger entmündigt" zu haben. Erleichtert stellt Ackermann daher fest, dass dem Staat jetzt "das Geld ausgegangen" sei. Das gilt wohl eher für die Theologen der freien Wirtschaft, die den Finanzsektor weltweit ruiniert haben und nun nach Staatshilfe schreien.

Trotzdem plädiert die Autorin für eine schon etwas ältere ideologische Schwundform von Freiheit. Diese "Freiheit" hat mit "radikaler Aufklärung" nichts, mit einer aparten Arbeitsteilung aber viel zu tun: Diese meint die Freiheit für Leh- und Ackermänner, Profite zu machen und die Pflicht des Staates, Verluste zu sozialisieren. Die Kritik an dieser Arbeitsteilung beruht nicht, wie Ulrike Ackermann meint, auf einem "antikapitalistischen Ressentiment", denn diese Arbeitsteilung ist eine direkte Folge von Liberalisierung und Deregulierung, wie sie in den Leitartikeln konservativer Zeitungen propagiert werden.

Ulrike Ackermann: Eros der Freiheit.

Plädoyer für eine

radikale Aufklärung. Verlag Klett-Cotta, Stuttgart 2008,

168 Seiten,

19,90 Euro.

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