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Sozialismus, Schrullen und Liebe

Klaus Schlesinger schreibt an den Rissen innerbetrieblicher Vergangenheiten entlang

Von Roman Luckscheiter

Der Sozialismus mit menschlichem Antlitz ist vermutlich ein Widerspruch in sich - allerdings ein fruchtbarer. Denn an ihm haben sich Generationen von Autoren abgearbeitet, die ihre Utopie wenigstens auf dem Papier existieren lassen wollten oder die gerade diesem Widerspruch nachspürten, um in ihm etwas Allgemein-Menschliches zu entdecken. Die erlittenen Konflikte zwischen dem eigenen Streben nach Glück und der verordneten Beglückung schienen dazu prädestiniert, die alten Fragen von Individuum und Gesellschaft, von Privatheit und Öffentlichkeit neu zu erörtern. Wer dies aus der Binnenperspektive unternahm und dabei Augen und Mundwerk zu weit offen hielt, dem erledigte das System freilich bald jeden Diskussionsbedarf. Das musste auch Klaus Schlesinger erfahren, als er 1979 aus dem Schriftstellerverband der DDR ausgeschlossen wurde, weil er gegen eine Verurteilung Stefan Heyms protestiert hatte.

Er übersiedelte in die Bundesrepublik und erlebte dort die "Schwierigkeit, ein Westler zu werden", wie eines seiner letzten Bücher hieß. So hat er sich immer für den Begriff der "DDR-Literatur" ausgesprochen, zu der er auch sein im Westen entstandenes Werk zählte: DDR-Literatur, das seien alle Texte, "die die DDR zum Gegenstand haben, die in der DDR spielen oder die mit der DDR in irgendeine Beziehung zu setzen sind", die sich das "Erzählen bewahrt" und "die ganze Postmoderne gespart" hätten, erklärte Schlesinger in einem Gespräch mit Studenten im Jahr 1999. Zwei Jahre nach seinem Tod sind nun - zusammen mit eben diesem Gespräch - seine gesammelten Erzählungen aus den sechziger und siebziger Jahren sowie ein Romanfragment aus dem Nachlass erschienen. Die Erzählungen handeln von den gewaltsamen Absurditäten der deutschen Geschichte, verknüpfen private Trennungs- mit politischen Teilungserfahrungen, kindliche Sehnsüchte mit den herben Enttäuschungen des Erwachsenwerdens.

Inmitten des zum Teil surreal vermittelten Wahnsinns einer doktrinär verwalteten Gesellschaft stehen ganz simple Menschen, die sich, wie in der Erzählung "Der Niedergang des Kleinhandels", die idealistische Frage nach dem Sinn des Lebens stellen: "Wonach richtet sich denn heute alles? Mit sechs zu den Pionieren, mit vierzehn in die FDJ, mit achtzehn in die Partei und mit zwanzig in den Neubau." Da scheint die Perspektive interessanter, dass der Sohn einmal den Laden seiner Eltern wird übernehmen können. Nachdenklich kommentiert Frau Fackeldey: "Ja, einen Sinn braucht man schon."

Im Romanfragment Die Seele der Männer, das einmal den sehr viel durchsichtigeren Arbeitstitel "Die Liebe in den Zeiten volkseigener Betriebe" getragen hat, werden die staatlichen Sinnangebote weiter karikiert. In einer Fabrik für Isolierstoffe und Kondensatoren geht Brehm Mitte der fünfziger Jahre in die Lehre und begegnet neben den Schrullen sozialistischer Ökonomie auch den Tücken übertriebenen Engagements. Sein Kollege Lefty beispielsweise ist für die sogenannte "Sichtagitation" verantwortlich und muss die Frontseite der Kantine, die auch als Kulturraum fungiert, mit immer neuen Parolen verzieren; doch als er es mit dem Enthusiasmus eines gelernten Schildermalers zu genau nimmt und ein Transparent in Gutenbergfraktur gestaltet, wird gegen ihn der Vorwurf des Formalismus erhoben. "Vielleicht nimmst du das zu ernst, sagte Brehm. Da guckt doch sowieso keiner hin. - Das ist es ja! Man sitzt zwei Tage von morgens bis abends, und dann guckt keiner hin."

Damit ist ungefähr die innerbetriebliche Stimmung geschildert, die in ihrer Lethargie genügend Spielraum ließe, wenigstens in der Freizeit kreativ zu werden, wenn nicht auch hierfür schon mit staatseigenem Kabarett vorgesorgt wäre. Nur im Verhältnis zwischen den Geschlechtern bleibt das menschliche Antlitz des Kollektivs noch gewahrt - da wird dann endlich auch einmal "hingeguckt", wenn jemand die Halle durchquert. Mancher Blick macht Appetit auf mehr, so dass der Lehrling zu ersten Landpartien eingeladen wird, arrangiert von seinem Kumpel, der kuppeln will. Doch wiederholt sich in dieser Konstellation eben jene oktroyierte Glückspolitik, die in ihrer Unbeseeltheit nicht allzu weit zu tragen vermag. Schlesingers unchronologischem Schreibprozess verdankt es sich, dass trotz der schicksalhaften Fragmentarität des Romans dessen Pointe noch überliefert ist. Sie setzt der Politik des Arrangements den Zufall entgegen, die Willkür der Liebe. Und die wenigstens duldet keine Widersprüche.

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