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Immer wieder gefragt als als Juryvorsitzender in Klagenfurt: Burkhard Spinnen, hier beim Bachmannpreis 2011.
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Immer wieder gefragt als als Juryvorsitzender in Klagenfurt: Burkhard Spinnen, hier beim Bachmannpreis 2011.

Burkhard Spinnen

Der souveräne Erzähler

  • Christian Thomas
    VonChristian Thomas
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Machte das scheinbar Unangestrengte legendär: Zum 60. Geburtstag des Schriftstellers Burkhard Spinnen am 28. Dezember.

Der Erzähler hat es gut bei ihm. Er muss, um so behandelt zu werden, nicht bei jeder Gelegenheit ein allwissender Erzähler sein, warum auch? Aber doch stets handelt es sich um einen souveränen Erzähler. Wozu Raffinesse von Anfang an gehörte.

Der war 1991 mit „Dicker Mann im Meer“ gemacht, einem Band mit zwölf Geschichten. In ihnen versammelte Burkhard Spinnen hochproblematische Figuren, Getriebene, Gereizte, sehr Gebeutelte. Ein Leben auf ruhelosem Grund.

Rasch ging eine ganze Bagage aus nicht ganz normalen Menschen als „Dicker Mann“ durch. Der Spitzname für das Buch war eine bewusste Verkürzung, denn „Dicker Mann“ hatte auf jeden Fall etwas Griffiges. Der allerdings tiefere Grund ist wohl der, dass darin etwas Emblematisches mitschwingt, ähnlich wie bei „Kalte Ente“ oder „Belgische Riesen“. So heißen, nicht von ungefähr, eine Erzählung und ein Roman. Das Wort „Langer Samstag“ ist ein ähnlicher Fall, mit dem ein unangetasteter Usus in einen anderen Aggregatzustand überführt wird. Man könnte diesen als permanenten Risikozustand bezeichnen.

Der gebürtige Mönchengladbacher Burkhard Spinnen feiert heute in Münster seinen 60. Geburtstag – den auch sein Verlag, Schöffling & Co, mit einem Buch würdigt, „Hauptgewinn“. Darin sind auf 750 Seiten versammelt seine Erzählungen. Erzählungen? Burkhard Spinnen hat stets auf „Geschichten“ beharrt. Damit deren vermeintliche Kunstlosigkeit hervorheben wollen? In seinem FR-Nachruf auf John Updike verwies er nicht von ungefähr auf die „scheinbare Formlosigkeit“, „dieses Quasi-Verschwinden von Literatur als Literatur“.

Vor allem das scheinbar Unangestrengte in den Geschichten Burkhard Spinnens ist legendär geworden. Eine Einfachheit zweiter Ordnung, von der ein Alfred Polgar vor gut hundert Jahren sprach, dessen Stilwille den Texten Burkhard Spinnens hinterlegt ist, seine tagespolitischen Kommentare prägt – nicht zuletzt seine öffentlichen Auftritten ausmacht, erst recht beim Juryvorsitz des Bachmann-Preises (2008 bis 2014).

Seine Kolumnen zum Dummdeutsch publizierte er unter dem äußerst dezenten Titel „Sprachkunde“. Die Gesellschaftskunde in seinen Geschichten und Romanen wirkt deswegen so verstörend, weil dieser Erzähler seine Figuren ungemein authentisch sprechen lässt. Im Milieu der Mittelschichtsmenschen wird der Jargon des Mittelmaßes gesprochen. Auftritte haben auch Aufsteigertypen, die sprachlich erheblich über ihre Verhältnisse leben. Die Germanistik wird noch den Tag erleben, an dem sie in Burkhard Spinnens Gesellschaftskunde auch ein Panoptikum des Parvenüs ausmacht. Alles ist gemacht aus Ambivalenz.

Da ist „Der Schwarze Grat“, die Geschichte des schwäbischen Unternehmers Walter Lindenmaier als die Rekapitulation bundesdeutscher Wirtschaftsgeschichte, die vor den Produktionsbedingungen der Globalisierung nicht kapitulieren will.

Burkhard Spinnen, so hieß es schon mal, sei zuständig für das Scheitern. Ununterbrochen prekär geht es zu in „Langer Samstag“, kaum anders in seinem Athletenroman „Mehrkampf“. Prekär ist es praktisch ab ovo. Extrem gilt das für den Embryo in der Erzählung „Die Flucht“.

Kein Detail, das sich einfach darstellte. Zuletzt, zur Buchmesse, veröffentlichte er „Das Buch“, eine Hommage aus rund 40 Feuilletons der entspannten Art, trotz der äußert heiklen Lage des Buches. Früh schon hat er die Folgen der Digitalisierung für die Buchkultur beschrieben, allerdings nicht nur die fatalen Auswirkungen, als er 2004, unmittelbar nach der Brandkatastrophe in der Anna-Amalia-Bibliothek in Weimar „sichere digitale Archive“ als etwas „Lebenswichtiges“ bezeichnete.

Nun fängt vieles früh an. So spielt also die Kindheit eine erhebliche Rolle in seinem Werk, ausdrücklich in seinen Jugendbüchern – auch in „Legosteine“, wo es in der Titelgeschichte heißt: „Vor Beginn des Spielens stürzte ich den Kasten so vor mir aus, dass er, hochkant stehend, die Öffnung zu mir gewandt, seinen Inhalt ausgoss wie ein Füllhorn. Wenn dieser Vorgang kein befriedigendes Ergebnis brachte, wiederholte ich ihn so lange, bis mir das Bild gelungen schien.“

Das nun ist auch eine Allegorie des Schreibens – und wie oft hat Burkhard Spinnen dieses Schreiben aus dem Kleinteiligen entwickelt. Unvergessen (aber wo eigentlich abgeblieben?) seine Prosaminiatur: „Vom Herunterfallen kleiner Teile“. Die Details haben es gut bei Burkhard Spinnen. Aber sie müssen deswegen nicht gut sein.

Gut gehen auch Burkhard Spinnens Geschichten so gut wie nie aus. „Eine größere Welle war vorbeigekommen. Kläsner ruderte ein wenig mit den Armen. Dann stand er wieder sicher.“ Weit gefehlt, denn auch das ist, wie so oft, eine Standardsituation, die Sicherheit nur vorgaukelt. Immer wieder sieht der Erzähler zu, wie seine Figuren mit den Armen rudern.

Kein Mensch bei Burkhard Spinnen, der nicht auch ein Mehrkämpfer wäre.

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