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J. M. Coetzee

Im Souterrain des Triebs

Der Schriftsteller jongliert graphisch und seelisch in seinem "Tagebuch eines schlimmen Jahres".

Von JÖRG PLATH

Zwei Menschen sind ein Paar, drei ergeben ein Schlachtfeld - mit diesem abgewandelten Brecht-Satz ließe sich das Geschehen in dem "Tagebuch eines schlimmen Jahres" von J. M. Coetzee einigermaßen treffend umreißen. Der südafrikanische Literaturnobelpreisträger hat die emotionalen Extreme allerdings mit der Vitriolsäure der literarischen Moderne schockgefroren. Es ist sein bisher wohl sprödestes Werk.

Anfangs wirkt das "Tagebuch eines schlimmen Jahres" nicht allzu karg, bietet es doch sofort eine äußerst appetitliche dreißigjährige Latina mit einem "himmlischen", "der Vollendung nahen" Hinterteil auf. Aus höchst durchsichtigen Motiven fragt der über siebzigjährige Schriftsteller C. bei der Schönen an, ob sie ihm nicht als Sekretärin zur Hand gehen wolle. Anya will, weil sie gerade nichts Besseres zu tun hat, und Coetzee erzählt von beiden nun auf einer durch zwei Striche dreigeteilten Seite: Oben stehen C.s "Feste Ansichten", kurze politische und philosophische Artikel, verfasst für einen deutschen Verlag, weil ihm ein Roman nicht mehr gelingen will. Darunter erzählt C. von den Unterhaltungen mit Anya, die im letzten Drittel ihre eigene Sicht der Dinge schildert und wie gern sie ihren Aufmerksamkeit erregenden Körper zum Flirt mit dem älteren Herren einsetzt. Auf das Oberstübchen geistiger Höhenflüge scheinen die Beletage gesitteter Gesellschaft und das Souterrain des Triebes zu folgen.

Dass die Freudsche Topographie des Seelenlebens Pate stand für das dreigeteilte und zeitversetzte Geschehen, legen die zahlreichen, oft kontrafaktischen Bezüge zwischen den Ebenen nahe: Empfiehlt C. oben, statt anhand des von Machiavelli erfundenen doppelten sittlichen Maßstabs die vermeintliche Notlage zu kritisieren, mit der die Ermäßigung sittlicher Ansprüche stets gerechtfertigt wird, so offeriert er Anya unten auf derselben Seite ein unmoralisch hohes Honorar für die Schreibtätigkeit. Allerdings repräsentiert Anya nicht den Trieb oder das Es.

Die Frau, mit deren Fähigkeiten C. so unzufrieden ist, wie ihn ihr Äußeres beglückt, genießt zwar ihre Wirkung auf Männer, ist aber kein schokoladenbraunes Dummchen. Bald rät sie C., er solle anstelle der langweiligen Artikel Liebesgeschichten verfassen. Offenbar schildert Coetzee Schriftstellerprobleme: Sein Held - der mit dem stets abgekürzten Namen C., dem Beruf, dem australischen Wohnort und der südafrikanischen Herkunft (nicht jedoch mit dem etwas höheren Lebensalter) auch sein Alter Ego ist - hat das blühende Leben vor Augen, aber es fügt sich ihm nicht zu einer Geschichte und gewinnt zudem zunehmend an Eigenleben.

Unrecht hat Anya mit ihrer Kritik nicht. C. äußert sich in den "Festen Ansichten", die erkennbar Montaignes "Essais" nacheifern, kritisch über den Staat in Zeiten des Terrorismus, über Australien im Vergleich zu Südafrika, über Tierschlachtungen, Literatur und Musik. Manches ist klug und in seiner Suche nach Freiheitsräumen von dem italienischen Philosophenstar Giorgio Agamben inspiriert. Auf Dauer wirkt der unpersönliche Allwissenheitsanspruch jedoch ermüdend, und der Leser ertappt sich dabei, wie er hektisch vorblättert, um zu erfahren, wie und ob es zwischen C. und Anya vorangeht.

Oder was der bald auftauchende Broker Alan, Anyas Lebensabschnittspartner, als so strammer wie eifersüchtiger Neoliberaler gegen C.s metaphysische Ansichten vorzubringen hat. Dann überstürzen sich die Ereignisse plötzlich: Alan plant, C.s Bankkonten leer zu räumen, was ihm Anya erbost verbietet, und Anya kündigt bei C., weil sie ihm von ihrer Vergewaltigung erzählt hat und er ungerührt im Stil einer "Festen Ansicht" reagierte. Mit einem doppelten Aplomb lässt Coetzee den ersten Teil enden.

Ausgesetzte sind seine Figuren immer. In ihrer Einsamkeit finden sie zuweilen erstaunlichen Trost: In "Eiserne Zeit" (1990) kommen sich eine todkranke Literaturdozentin und ein Obdachloser sehr nahe, in "Zeitlupe" (2005) ergeht es einem Behinderten und seiner Pflegerin ebenso. Coetzee schreibt über Ausnahmezustände, in denen das ersehnte Menschliche hervortritt - allerdings unsentimental und gewaltsam. Der 1940 in Kapstadt geborene und äußerst scheue Autor, der über Samuel Beckett promovierte und von T. S. Eliot und Henry James beeinflusst ist, beharrt auf der Dialektik der Aufklärung.

Der zweite Teil des "Tagebuchs", das "Zweite Tagebuch", enthält wiederum Ansichten von C., diesmal weniger feste, dafür persönlichere - über das Alter, das Leben als Schriftsteller oder die Muttersprache. Darunter kommt nun gleich zweimal Anya zu Wort. Sie teilt C. mit, dass sie sich von Alan trennt und fortziehen wird, und vergegenwärtigt sich im letzten Drittel den Anlass dafür: jenen Abend, an dem C. von Alan beschimpft und beleidigt wurde. Unten erzählt Anya geschickt, während sie in der Mitte der Seite, im Gespräch mit C., über Freundschaft und Wahrheit räsoniert.

Es mag abgedroschen klingen, aber der jungen Frau wächst dabei menschliche Größe zu: Anya verwirklicht das vormoderne Ideal der Einheit von Ästhetik und Ethik. Coetzee bringt das Kunststück fertig, von dieser Einheit in einer modernen, fragmentierten Form zu erzählen und zudem die hilflose Figur des Schriftstellers C. zu verabschieden. Auf solche Weise ist, solange Gespräch und Erzählung andauern, im Gelingen das Scheitern enthalten, und dieses prekäre Gleichgewicht vermag am Ende des zunächst steif wirkenden Buches eine ganz unsentimentale Rührung auszulösen.

J. M. Coetzee:Tagebuch eines schlimmen Jahres.Aus dem Englischen von Reinhild Böhnke. S. Fischer Verlag, Frankfurt/M. 2008, 236 S., 19,90 Euro.

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